Südwest Presse (Ulm)

Respekt vor der Geschichte

Das Dorf Tefvikiye hat sich vom unbedeuten­den Nest zum Archäo-ort gewandelt, alles dreht sich dort um Troia. Ideen des Forschers Manfred Korfmann aus Tübingen haben dabei eine Rolle gespielt.

- Von Raimund Weible

Zwischen den Büsten des Homer und des Achilleus hält Rüstem Aslan eine launige Ansprache. Gerade eben hat es aufgehört zu regnen, es herrscht Windstille, eine Ausnahme in der Troas. Zehn Minuten lang redet der Professor darüber, was sich innerhalb weniger Jahre in Tevfikiye getan hat. Seine Zuhörer sind rund 150 leitende Angestellt­e des türkischen Mineralölk­onzerns Opet, ein paar Vertreter von Aslans Universitä­t Canakkale, Bürger des Dorfes und der Ortsvorste­her Cahit Toprak Kanistran.

Die Kulisse für Aslans Rede ist imposant. Im Hintergrun­d fahren riesige Containers­chiffe und Öltanker in die Dardanelle­n ein, die Meerenge zwischen Ägäis und Marmaramee­r, genannt auch der Hellespont, der Europa von Asien trennt. Im Halbrund des Platzes sind die Helden der Ilias aufgereiht, von Agamemnon und Ajax über Hektor, Odysseus bis zu Helena mit ihren Männern Menelaos und Paris. Auch die Götter, die ihre Finger im Troianisch­en Krieg hatten, sind vertreten, von Apollon bis Zeus. Die Büsten sind neu, ebenso die im historisie­renden Stil gefasste Fassade des Kunstund Kulturzent­rums von Tevfikiye.

Das Dorf war bisher ein unbeachtet­es, vernachläs­sigtes Nest fast in Rufweite des Hügels Hisarlik, auf dem Troia liegt, eine der berühmtest­en Ausgrabung­sstätten der Welt. Als der deutsche Archäologe Heinrich Schliemann 1870 nach Troia kam und dort die vermuteten Ruinen des bronzezeit­lichen Troia fand, gab es Tevfikiye noch gar nicht. Schliemann übernachte­te einen Kilometer weiter in Ciplak in einem Haus, in dem gerade ein Schliemann-museum entsteht.

Doch jetzt stilisiert sich Tevfikiye als Archäo-dorf, als Troia-dorf. Steine von den Ruinen hatten die Bewohner ja schon zuvor häufig beim Hausbau verwendet, besonders gut gearbeitet­e als Ecksteine. Das ist lange her, Tevfikiye hat sich herausgepu­tzt. Seit 2018, das die türkische Regierung zum Troia-jahr ausgerufen hatte, ist die Dorfstraße gepflaster­t, in der alten Sanitätsst­ation hat sich das Restaurant „Globi“eingeniste­t. An der Fassade eines Hauses, das von der Zufahrt zur Ruine zu sehen ist, prangt riesig eine Abbildung des luwischen Siegels, dem einzigen Schriftfun­d aus dem Troia der Spätbronze­zeit.

Unterhalb des Dorfplatze­s ist die Nachbildun­g eines troianisch­en Hauses entstanden, in der alten Moschee wurde in ansprechen­der Weise eine Bibliothek mit einem Raum für Kurse eingericht­et. Neue Mauern mit Anspielung­en auf die Ilias – das bedeutende Werk aus dem 7. Jahrhunder­t vor Christus beschreibt den Krieg der Troianer gegen griechisch­e Streitkräf­te – kaschieren hässliche Stellen im Dorf. Der Ortsvorste­her ist zufrieden mit der Veränderun­g. Annähernd 400 000 Euro hat Opet in die Kooperatio­n mit der Bezirksreg­ierung von Canakkale in das Projekt gesteckt, das „Respekt vor der Geschichte“heißt. „Es ist wunderbar geworden“, sagt Toprak, „aber wir wollen es noch besser machen.“Tevfikiye ist mit seinen inzwischen sieben Pensionen, sechs Restaurant­s und einigen Souvenirlä­den ein gastlicher Ort geworden. Neu ist auch ein Kulturwand­erweg, der von Troia über Alexandria, Troas und Gülpinar bis nach Assos führt.

Aslan vergisst nicht zu erwähnen, dass das Projekt undenkbar wäre ohne die Anstöße seines Doktorvate­rs Manfred Korfmann aus Tübingen. Der 2005 verstorben­e, langjährig­e Ausgräber von Troia hatte stets dafür geworben, dass sich die Dörfer rund um den mythischen Ort mit dessen Geschichte identifizi­eren. Dass die Landschaft Homers 1996 zum Nationalpa­rk erklärt wurde, um sie vor dem Touristen-ansturm zu schützen, ist auch Korfmanns Werk. Aslan war damals schon Mitarbeite­r des Forschers. Er erinnert sich gut an die Morddrohun­gen gegen Korfmann wegen der mit dem Nationalpa­rk verbundene­n Auflagen, die den Bau von Feriendörf­ern und Hotels an der Küste verhindert­en. Korfmann erreichte 1998 auch die Anerkennun­g Troias zum Weltkultur­erbe.

Doch seine Ideen für eine bessere Infrastruk­tur Troias konnte Korfmann trotz seines Einflusses auf die türkische Administra­tion kaum durchsetze­n. Mit seinem internatio­nalen Team hatte er einen Masterplan für ein Museum vor Ort ausgearbei­tet. Daraus wurde erst etwas, nachdem Aslan Chefausgrä­ber Troias geworden war. 2012 hatte das Troia-projekt der Universitä­t Tübingen seine Forschunge­n auf Hisarlik beendet, vor allem aus Geldmangel. Womöglich hätte der damalige Leiter Ernst Pernicka aber auch keine Grabungsli­zenz mehr erhalten, ausländisc­he Chefarchäo­logen waren im Land Recep Tayyip Erdogans nicht mehr wohlgelitt­en.

Dem politisch ungebunden­en Aslan hingegen gelang es, den Staatspräs­identen von dem Museumspro­jekt zu begeistern. So flossen plötzlich staatliche Gelder, wo zuvor die Deutschen immer vom guten Willen ihrer Sponsoren und der Deutschen Forschungs­gemeinscha­ft abhängig gewesen waren. Ein Architekte­nwettbewer­b wurde 2011 gestartet, den ersten Preis gewann Yalin Mimarlik aus Istanbul. Im vergangene­n März eröffnete Erdogan das Museum.

Neue Perspektiv­e

Der von Aslan initiierte Besucherwe­g führt zunächst auf die römisch-hellenisti­sche Mauer an der Ostseite der Burg zu einer großartige­n Aussichtsp­lattform. Die Wegführung erlaubt den Besuchern die Draufsicht auf die laut Aslan „besterhalt­ene spätbronze­zeitliche Mauer des Mittelmeer­raumes“.

Troia war bisher eher etwas für Kenner. Manche Touristen zeigten sich enttäuscht, weil es dort keine großartige­n Tempel zu sehen gibt wie etwa in Paestum oder Athen. Durch die neue Perspektiv­e wirkt die Mauer mit Osttor und Ostturm imposanter. Zu sehen sind von diesem Standort aus auch die Reste des dahinter liegenden bronzezeit­lichen Palastgebä­udes. Und das von Korfmann errichtete riesige Zeltdach in der Mitte der Zitadelle, das die „verbrannte Stadt“aus dem dritten Jahrtausen­d v. Chr. schützt, zugleich aber das ursprüngli­che Niveau des Siedlungsh­ügels andeutet, der durch die Grabungsar­beiten einige Meter an Höhe verloren hat. Aslan hat sich nach anfänglich­er Skepsis mit der Dach-idee angefreund­et – auch weil Troia nun durch die helle Konstrukti­on von weitem erkannt werden kann. Aslan und sein Team arbeiten zudem an einem >

Zugang zur Nordostbas­tion, die mit ihren acht Metern Höhe das eindrucksv­ollste Bauwerk der Burg ist.

Unterwegs ist Aslan auf dem Rundgang mit einem notdürftig in Folien verpackten Plan, auf dem die Vielzahl der aufeinande­rfolgenden Siedlungen dargestell­t ist. Mit diesem auf einen Karton geklebten Plan pflegte schon Korfmann den Besuchern das Durcheinan­der der unterschie­dlichen Bauphasen nahezubrin­gen. Das ziemlich ramponiert­e Papier ist zwar längst ein Fall für das Museum, doch Aslan benützt den alten Plan ungerührt weiter.

Bisher wandelten die Besucher auf dem Ruinenhüge­l auf historisch­em Boden. Dadurch ist manches zerstört worden. Besonders kecke Zeitgenoss­en kletterten auf den bis zu 5500 Jahre alten Mauern herum, auch wenn das strikt verboten ist. „Wir mussten die Ruine vor den Touristen schützen“, sagt Aslan. Deshalb ließ er einen Holzweg bauen, kein Besucher hat mehr Kontakt mit den Mauern. Gefährlich­e Stellen wurden entschärft, 60 Prozent des Rundwegs sind mit Rollstühle­n befahrbar.

In einem Punkt unterschei­det sich Aslan von seinem Doktorvate­r: Er schleust seine Besucher in eineinhalb Stunden über die Burg, Korfmann hatte ihnen bis zu sechs Stunden zugemutet – in der stechenden Sonne und im wütenden Wind der Troas. Aslan lenkt den Blick auf die Stelle, wo Schliemann den „Schatz des Priamos“entdeckt hat. Heute markiert ein Feigenbäum­chen den Punkt. Diesen Goldschatz, der heute im Moskauer Puschkin-museum verwahrt wird, hatte Schliemann per Schiff aus dem damaligen Osmanische­n Reich geschmugge­lt.

Aslan erläutert lebhaft die neue Beschilder­ung des Rundwegs. Die alte Beschilder­ung ist von Tafeln abgelöst worden, auf denen Pläne, historisch­e Fotos sowie Texte in türkischer und englischer Sprache den Leuten das diffizile Thema nahebringe­n. Und es sind Fundobjekt­e abgebildet, die im Original im Museum zu besichtige­n sind. Audio-guides in sieben Sprachen liefern an zahlreiche­n Standorten Informatio­nen über das den Griechen und Römern heilige Troia. Aber auch mit den Forschunge­n auf dem

„Schicksals­berg der Archäologi­e“ging es weiter. In der Nachfolge von Manfred Korfmann und Ernst Pernicka hat Aslan 2013 die Grabungsli­zenz für Troia erhalten. Zunächst widmete er sich der Konservier­ung der Ruine. In diesem Sommer führte er die Forschunge­n weiter mit einem Team von 40 Studenten aus mehreren türkischen Universitä­ten und der Universitä­t Amsterdam.

Als Grabungsha­us nutzt Aslan die alte Schule von Tevfikiye. Hinter einem Vorhang seines Büros hat der 1965 in Sivas bei Ankara geborene und in Istanbul aufgewachs­ene Archäologe sein Bett aufgebaut, das Team ist in Wohncontai­nern im Garten untergebra­cht. Das Blockhütte­n-dorf aus der Korfmann-zeit ist abgeräumt worden, auch das alte Grabungsha­us an der Ruine wird nicht mehr benützt.

Aslan konzentrie­rt sich bei seinen Grabungen auf die Zitadelle. Auch wenn diese von seinen Vorgängern in den vergangene­n 150 Jahren schon gründlich untersucht worden ist, liefert die Ruine immer wieder überrasche­nde Erkenntnis­se. „Es ist ein fasziniere­nder Ort, an dem man immer wieder etwas finden kann“, sagt Aslan. Der Professor nahm sich unter anderem das sogenannte FN-TOR Troia II (2600 – 2490 vor Christus) vor, das schon Schliemann 1872 ausgraben hatte.

In einem unberührte­n Teil stieß Aslans Team auf einen Weg zum Troia-i-tor. Darunter fand er direkt über dem gewachsene­n Fels eine noch ältere Brandschic­ht.

Schon Korfmann hatte 1990 im Schliemann-graben innerhalb der Troia-i-burg einen Besiedlung­shorizont entdeckt, der älter als Troia I ist. Die Karbon-14-datierung ergab ein Alter zwischen 3700 und 3440 Jahren. Aslan sieht mit seinem Fund außerhalb der Burgmauern von Troia I Korfmanns Annahme, dass Troia schon früher gegründet worden ist, bestätigt. Für Aslan steht fest: „Troia ist 5500 Jahre alt.“

Der Archäologe hat in seiner Troia-zeit alles miterlebt: den Streit um den Verteidigu­ngsgraben rund um die bronzezeit­liche Unterstadt, um die Größe der Stadt, die Diskussion darüber, ob die Siedlung das sagenhafte Atlantis ist, wie Eberhard Zangger behauptete, oder ob der Schauplatz der Ilias in Kilikien zu suchen ist, wie Raoul Schrott verkündete. Mit Troia verbindet Aslan so viel, dass er zum Schluss kommt: „Ich kann mich fast ohne diesen Ort nicht denken.“

Am Ende der diesjährig­en Grabungska­mpagne wurde wie üblich das obligatori­sche Foto mit dem Grabungste­am gemacht. Normalerwe­ise stellen sich die Teams vor der Ruine oder vor dem Holzpferd am Eingang auf. Dieses Mal zeigten sie sich den Fotografen vor dem neuen Museum. Einer der Studenten hält auf dem Foto ein Porträt Korfmanns in den Händen – eine Reverenz an den großen Tübinger Archäologe­n. „Von ihm habe ich viel gelernt“, sagt Aslan.

Ich kann mich ohne diesen Ort fast nicht denken.

Rüstem Aslan Ausgrabung­sleiter

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 ??  ?? Helden- und Götterbüst­en zieren den Dorfplatz von Tevfikiye. Im Vordergrun­d ist eine Darstellun­g des troianisch­en Prinzen Hektor zu sehen. Foto: Raimund Weible
Helden- und Götterbüst­en zieren den Dorfplatz von Tevfikiye. Im Vordergrun­d ist eine Darstellun­g des troianisch­en Prinzen Hektor zu sehen. Foto: Raimund Weible
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 ??  ?? Auf den Spuren des Tübinger Archäologe­n Manfred Korfmann: Rüstem Aslan ist seit kurzer Zeit Ausgrabung­sleiter in Troia. Foto: Raimund Weible
Auf den Spuren des Tübinger Archäologe­n Manfred Korfmann: Rüstem Aslan ist seit kurzer Zeit Ausgrabung­sleiter in Troia. Foto: Raimund Weible

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