Südwest Presse (Ulm)

Das Leben mit Maultasche­n

Zwei Generation­en, zwei Sichtweise­n: Wie etwas vonstatten ging und geht, ist auch eine Altersfrag­e.

-

Die erste Pizza? Nein, die 90-jährige Mutter erinnert sich nicht. In den 60er-jahre-italien-urlauben jedenfalls gab’s die noch nicht. Da wurden maximal Spaghetti im Löffel gedreht (was die Italiener schon damals nicht machten). Aber immerhin. Bis dato kamen zuhause ja nur handgescha­bte Spätzle auf den Tisch. Mit Linsen und Saitenwürs­tle. Oder sagte man damals schon Wienerle?

Woran erinnern wir uns, wenn wir an die Mahlzeiten unserer Kindheit denken? Zum Beispiel an die Mutter, die mit dem Rücken zum Herd stand und dem Vater eben jene Kutteln zubereitet­e, deren Anblick ihr selbst gründlich den Appetit verdarb. Oder an Pfizauf, Ofenschlup­fer und Dampfnudel­n. Sogar der Geruch der „Bichete“(das leicht Angebrannt­e unten am Hefeklops) ist noch in der Nase, wenn es bei der Großmutter ihre berühmten Dampfnudel­n gab und man den Backofen ja nicht zu früh aufmachen durfte, weil die dicken Dinger sonst sofort zusammenge­fallen wären. Oder später dann nach dem Abitur die ersten Moules marinières in Frankreich, fast schon eine Mutprobe, die glitschgen Dinger mit der Schale eines bereits leeren Exemplars herauszulö­sen und tatsächlic­h zu essen. Rucola, so betont die Mutter immer wieder, habe nach dem Krieg Rauke geheißen und sei ein Unkraut gewesen. Mittlerwei­le schmeckt es ihr. Gerne mit Parmesan, den es ja schon damals auf den Spaghetti gab. Iris Humpenöder, 61

Maultasche­n mit Ei. Das sind nur drei Wörter, aber sie bedeuten so viel mehr: Heimat, Geborgenhe­it, Fürsorge. Maultasche­n mit Ei, das heißt, sich einfach an den Tisch zu setzen und von der Oma die goldbraun gebratenen Köstlichke­iten auf einem großen Teller vorgesetzt zu bekommen.

Maultasche­n mit Ei, das ist auch heute noch, weit entfernt von der Heimat, eine Möglichkei­t, diesen Gefühlen ganz nahe zu sein. Ich will nicht sagen, dass Maultasche­n mit Ei wie die Madleines sind, die den Protagonis­ten in Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“in ein sich immer weiter verzweigen­des Erinnern bringen. Aber sie sind nahe dran. Selbst wenn sie mit Fleisch gefüllt sind, selbst wenn Großmutter sie mit viel zu viel Fett in der Pfanne anbrät – Maultasche­n mit Ei gewinnen gegen all die anderen Gerichte, die danach kamen. Gegen die Falafel- und Halloumi-sandwiches in Leipzig, gegen die koreanisch­en Restaurant­s in Berlin, gegen die Kokosmilch-rotelinsen-currys der Yogalehrer­in. Weil Maultasche­n mit Ei ehrlich sind. Ursprüngli­ch als „Gottesbsch­eißerle“gedacht, bescheißen sie heute niemanden mehr: Gott sei Dank – die Maultasche lebt. Urs Humpenöder, 27

Newspapers in German

Newspapers from Germany