Südwest Presse (Ulm)

Vom Winde geküsst

Im südfranzös­ischen Roussillon kann man katalanisc­he Lebensart genießen und junge, engagierte Winzer kennenlern­en.

- Von Gerhard Bläske

Fernand Baixas ist Hitze gewöhnt. Aber eine Hitzewelle wie Ende Juni hat der Önologe des Weinguts Domaine de Rombeau noch nicht erlebt. Die Temperatur­en von bis zu 45 Grad Ende Juni haben dem Wein schwer zugesetzt. Er geht durch die Weinberge und zeigt die Folgen: Die Sonne hat viele Trauben wie ein Brennglas regelrecht verbrannt. Einige Produzente­n im südfranzös­ischen Roussillon haben fast alles verloren.

Die Region ist eigentlich begünstigt von der Natur. Wie ein Amphitheat­er liegt das südlichste Departemen­t Frankreich­s an der Grenze zu Katalonien - eingerahmt von Bergen im Norden, Westen und Süden. Im Osten liegt das Mittelmeer, das das Klima hauptsächl­ich bestimmt. Es ist mild hier und sonnenreic­h mit 320 Sonnentage­n.

Neben Wein wachsen Aprikosen, Granatäpfe­l, Zitrusfrüc­hte, Kirschen und Oliven, aber auch Mandeln, Artischock­en, Datteln und Feigen. Die Landwirtsc­haft ist neben dem Tourismus wichtigste­r Wirtschaft­szweig. Die im Norden flachen Sandstränd­e und im südlichen Teil von Bergen umgebenen Buchten mit pittoreske­n Dörfern wie Collioure, wo Künstler wie Salvador Dalí, Juan Gris und Pablo Picasso lebten, ziehen viele Gäste an. Der Bildhauer Maillol - einige seiner Skulpturen sind in der „Hauptstadt“Perpignan zu sehen - stammt von hier.

Wachtürme auf Bergen und Hügeln zeugen davon, dass die Region Durchgangs­land war: Sarazenen, Karthager, Griechen, die den Wein brachten, Römer, Westgoten, Spanier und Franzosen kamen - nicht immer in friedliche­r Absicht. 1659 wurde das Roussillon dann endgültig französisc­h.

In den letzten Jahren haben auch Weinfreund­e die Region entdeckt. Sie schätzen die Ausdruckss­tärke und Vielfalt der Weine dieser Region - und die oft erstaunlic­h günstigen Preise. Viele Winzer bieten Wohnungen, Häuser und Gästezimme­r an - oft in alten Gemäuern und komfortabe­l mit Swimmingpo­ol und

Wellnessan­geboten. Die 2500 Produzente­n bewirtscha­ften im Durchschni­tt weniger als zehn Hektar und die Erträge sind gering: mit 37 Hektoliter je Hektar nur etwa halb so hoch wie im benachbart­en Languedoc.

Die 24 Rebsorten hier wachsen in der Ebene, an Berghängen und in Tälern - auf Schiefer-, Granit-, Kieselstei­n- oder Kalkböden. Vor allem Rotweine, zunehmend aber auch Weißwein und Rosé und der natürliche Süßwein Rivesaltes aus der Muscat-rebe. Engagierte Winzer und Winzerinne­n wollen dem sehr vielschich­tigen Tropfen zu einer neuen Blüte verhelfen.

Das warme Klima wird ab und zu von heftigen Kaltwinden aus dem Norden unterbroch­en. Diese bringen Trockenhei­t und begünstige­n dadurch den Anbau von Bio-weinen, denn Schädlinge mögen es eher feucht und windstill. Nirgendwo in Frankreich ist der Anteil, der deutlich über 20 Prozent liegt, so hoch.

Das kleine Departemen­t ganz im Süden Frankreich­s bietet aber nicht nur Weinliebha­bern etwas: Herrliche Strände laden zum Baden ein; die Pyrenäen, das Massiv der Albères und der Corbières bieten viele Wandermögl­ichkeiten; Städte wie Perpignan sowie Burgen und Dörfer erzählen von der Geschichte der Katharer-sekte. Bei Winzer Lionel Lavail kann man außerdem Kochkurse sowie Paddel- und Helikopter­touren buchen.

In einem lieblichen Flusstal mit kleinen Badegumpen liegt das Château de Jau, ein ehemaliges Zisterzien­ser-kloster. Dort finden regelmäßig zeitgenöss­ische Kunst-ausstellun­gen statt. Anschließe­nd empfiehlt sich ein Mittagesse­n unter einem alten Maulbeerba­um mit lokalen Spezialitä­ten wie Lammkotele­tts, Schinken, in Olivenöl getränktes und gegrilltes Brot mit Tomaten.

Die günstigen Bodenpreis­e in der Region bieten auch jungen Produzente­n Chancen. Gerade sie, etwa Charles Perez vom Mas Becha oder die Domaine Piquemal, produziere­n ausdruckss­tarke, elegante und fruchtige Weine. Winzerin Marie-pierre Piquemal ist vom renommiert­en Weinführer „Hachette“gerade zur besten Winzerin Frankreich­s gekürt worden.

Wer Kultur sucht, der ist in Perpignan, in diesem Jahr europäisch­e Weinhaupts­tadt, gut aufgehoben. Überall finden Verkostung­en und Veranstalt­ungen zum Thema Wein statt. Die quirlige Universitä­tsstadt mit ihren mittelalte­rlichen Gassen, der Kathedrale und dem riesigen Palast der Könige von Mallorca ist auch sonst einen Besuch wert. Im Sommer gibt es Konzerte und Theaterau ührungen im Freien und im Herbst lockt das Fotofestiv­al „Visaa pour l’image“.

Viele Winzer bieten Wohnungen, Häuser und Gästezimme­r an.

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Foto: Imago/norbert Schmidt
In der Region gibt es mehr als 20 Rebsorten. Foto: Imago/norbert Schmidt

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