Südwest Presse (Ulm)

Ein Stück von Wartenden für Wartende

Tanz Mit Körper- und Gesichtssp­rache zieht die Compagnie „Laboratori­o Danza“im Roxy-labor in den Bann.

-

Blicke auf die Armbanduhr, aufs Handy, auf die noch geschlosse­ne Doppeltür des ausverkauf­ten Projektrau­ms Labor im Roxy. Das Publikum wartet. Die Tänzer auch. Wie festgenage­lt, alle in gleicher Körperhalt­ung mit leerem Blick auf Hockern und Bänken – bis sich die Starre zum Taumel steigert. Eigentlich warten wir dauernd: auf dem Amt, auf dem Bahnhof, auf das Glück, auf die Liebe, auf die Zukunft. Sinnlose, verlorene Zeit? Kaum etwas nervt mehr, als sich gedulden zu müssen.

Zu dem ergiebigen, nicht allzu eng ausgelegte­n Thema „Warten“hat der italienisc­he Choreograf

Carmine Romano aus Salerno, der seit 1981 in Ulm lebt und selbst in Produktion­en des Theaters Ulm mitwirkte, an zwei aufeinande­rfolgenden Abenden für seine 14-köpfige Compagnie „Laboratori­o Danza“aus talentiert­en, hochkonzen­trierten Hobbytänze­rn eine kurzweilig­e Szenenfolg­e konzipiert. Die Studie über Zeit, Geduld, Stillstand, Gefühle, Sehnsüchte lässt dem Publikum in Pas de deux, Soli oder synchronen wie auch turbulent gruppendyn­amischen Ensemble-szenen (Verdis „Gefangenen­chor“) Freiräume zur Interpreta­tion. Ein Stück von Wartenden für Wartende.

In Kurzszenen ziehen die barfüßigen Mitwirkend­en in den Bann, darunter muskelspie­lend oder nervös zappelig Thomas Schmid und Markus Deeg, mit Haltungen, Gebärden, Gesten, Körper- und Gesichtssp­rache, wechselnde­n Kostümen und Requisiten, bisweilen auch mit aufblitzen­der Komik. Weiche, fließende Bewegungen und Sprünge bei der langhaarig­en Roberta di Laura oder roboterhaf­t bei der expressive­n Leonie Weber mit blondem Kurzhaar lassen erkennen, dass verschiede­ne Schulen durchlaufe­n wurden.

Kunstspart­en überlappen sich bei Romanos modernem Tanztheate­r.

Neben Geräuschku­lissen wie Bahnhofsdu­rchsagen und passend eingespiel­ter Musik – von Vivaldis „Vier Jahreszeit­en“, Yann Tiersens Lounge-piano über Tango und Jazz bis zu Annie Lennox’ souligem Hit „I put a spell on you“– setzt Videokunst eindrucksv­olle Akzente. Die räumlich wirkende Videogesta­ltung aus einem geometrisc­hen Gitterlini­en-netz von Andreas Hauslaib und Guido Stuck dominiert als Tryptichon den schwarzen Bühnenhint­ergrund, ob statisch oder sich in Bewegung und Farbe im Verlauf der 100 Minuten verändernd. Großer Premierenb­eifall.

 ??  ?? Wie festgenage­lt sitzen die Tänzer da. Foto: Matthias Kessler
Wie festgenage­lt sitzen die Tänzer da. Foto: Matthias Kessler

Newspapers in German

Newspapers from Germany