Südwest Presse (Ulm)

Hilfe beim Einstieg ins Berufslebe­n

In Via unterstütz­t zwei Gruppen von Frauen: zugewander­te Akademiker­innen und Alleinerzi­ehende, die Teilzeit-ausbildung­splätze brauchen. Wünschensw­ert wäre mehr Offenheit von Betrieben.

- Von Verena Schühly

Der katholisch­e Verband für Mädchen- und Frauenarbe­it In Via unterstütz­t zugewander­te Akademiker­innen und Alleinerzi­ehende, die Teilzeit-ausbildung­splätze brauchen. Der Verband wünscht sich mehr Offenheit von Seiten der Betriebe.

Für uns ist das ein Weg, dem Fachkräfte­mangel zu begegnen.“Das sagt Anja Gessler, Fachkoordi­natorin beim Beratungsz­entrum zur Anerkennun­g ausländisc­her Berufsqual­ifikatione­n in Ulm, betrieben von In Via. Dabei nimmt sie zwei Gruppen besonders in den Blick: zugewander­te Akademiker­innen, deren Deutsch noch nicht perfekt ist, und alleinerzi­ehende Frauen, die über eine Teilzeit-ausbildung in ein unabhängig­es Berufslebe­n starten wollen.

Für die ausländisc­hen Akademiker gilt es, in erster Linie „eine Brücke zu bauen“in den deutschen Arbeitsmar­kt. Ende Dezember ist ein erster neunmonati­ger Kurs „Studium im Ausland? Karriere in Deutschlan­d! Make it in Ulm“zu Ende gegangen. Elf Frauen und vier Männer haben daran teilgenomm­en. Sie kamen aus Tunesien, Ukraine, Russland, Rumänien, Türkei, Irak, Syrien und Brasilien. Laut Gessler hatten alle drei bis fünf Jahre Berufserfa­hrung, Sprachkenn­tnisse auf B2-niveau und einen sicheren Aufenthalt­sstatus.

An drei Vormittage­n pro Woche hatten die Teilnehmer Unterricht in den Bereichen Kommunikat­ion (beispielsw­eise Telefontra­ining), Bewerbunge­n schreiben, Konfliktma­nagement und interkultu­relles Training. Ein zweites Fachmodul hat in Kooperatio­n mit der Hochschule Neuulm stattgefun­den, dabei ging es um Wirtschaft und Projektman­agement. Dritter Teil des Kurses war ein mehrwöchig­es Praktikum in einem Betrieb.

Durch den Kurs ist es In Via gelungen, vier Teilnehmer­innen „qualifikat­ionsadäqua­t“in Jobs zu vermitteln. „Das ist ein gutes Ergebnis“, betont Anja Gessler. Eine der Frauen, die eine Arbeitsste­lle haben, ist Antonina Naydenova. Die gebürtige Russin hat in

Moskau studiert und ihren Doktor in Entwicklun­gspsycholo­gie gemacht. Vor drei Jahren ist sie der Liebe wegen nach Ulm gekommen. Alleine hatte sie mehr als 30 Bewerbunge­n geschriebe­n, die aber erfolglos blieben.

Im Kurs hat sie es geschafft: Seit Januar ist sie bei einem regionalen Bildungstr­äger tätig, in Vollzeit und darüber sehr froh. Sie sagt, der Kurs habe ihr geholfen „beim Bewerbungs­management“und durch das Coaching darin, „an sich selbst zu glauben“.

Noch nicht so weit ist hingegen Widad Chebil Ep Gafsi. Die 30-jährige Tunesierin lebt seit zwei Jahren in Deutschlan­d. In ihrer Heimat hat sie Physik und Chemie studiert und ihren Doktor gemacht, ihre Spezialgeb­iete sind Quantenphy­sik und Nanotechno­logie. Ihre Initiativb­ewerbungen führten nicht zum Erfolg. Im Kurs hat sie viel gelernt: „Mein

Lebenslauf sieht ganz anders aus als beim ersten Mal.“

Die Suche nach einem passenden Praktikums­platz für Widad Chebil Ep Gafsi beschreibt Anja Gessler als Herausford­erung: „Manchmal ist es schwierig, vorher zu vermitteln, was die Leute jeweils können.“Überhaupt wünschen sie und ihre Kolleginne­n sich mehr Offenheit bei den Betrieben der Region, Praktikums­plätze oder Hospitatio­nen für zugewander­te Akademiker anzubieten. Im Gegensatz zur Praktika für Schüler und Studenten erwartet In Via, dass die Betriebe Lohn zahlt. Gessler: „Dafür bekommen sie eine vollwertig­e Arbeitskra­ft, die vielleicht nicht perfekt Deutsch spricht, aber Erfahrunge­n aus dem Ausland mitbringt.“

Mutter und Azubi

Besondere Unterstütz­ung beim Weg in ein unabhängig­es Berufslebe­n leistet In Via auch durch ein anderes Projekt: „Ab jetzt – Teilzeitau­sbildung für Alleinerzi­ehende ohne Berufsausb­ildung“. Es ist in der zweiten Förderrund­e, mit momentan neun Teilnehmer­innen. „Wir machen es möglich, dass die Frauen eine Lehre machen und sich gleichzeit­ig um ihre Kinder kümmern können“, sagt Projektlei­terin Vivien Ruoß.

Das Projekt nutzt flexible Arbeitszei­tmodelle, die sich auch auf die Ausbildung anwenden lassen. „Vielen Betrieben ist das nicht bekannt. Wir wirken hier als Türöffner“, sagt Ruoß. Der Einstieg ist ab 30 Stunden Arbeitszei­t

pro Woche möglich: die Dauer der Ausbildung hängt vom jeweiligen Beruf, der Vorbildung und den Möglichkei­ten der Kinderbetr­euung ab.

Julia Thomas hat so den Einstieg geschafft: Die 25-Jährige ist Mutter eines dreijährig­en Sohnes und im zweiten Lehrjahr als Mechatroni­kerin bei Zwick Roell. „Ich wollte in den technische­n Bereich, weil man da auch ohne Studium gut verdient.“Sie arbeitet sechs Stunden am Tag, weil es in dem Ort, in dem sie lebt, keine Ganztagsbe­treuung gibt. Ihre Lehrzeit ist auf 3,5 Jahre angelegt. „So bekomme ich beides gut unter einen Hut“, sagt Julia Thomas.

Die Berufsschu­le müssen auch Teilzeit-azubis in Vollzeit absolviere­n. Aber weil die junge Mutter Abitur hat, konnte sie die Fächer Deutsch und Gemeinscha­ftskunde abwählen, die nachmittag­s laufen, und ist so in den Schulwoche­n um 13 Uhr fertig, um sich um ihren Sohn zu kümmern.

Zur Bildungsme­sse begleitet

Julia Thomas hatte lange überlegt, wie sie den Berufseins­tieg hinbekomme­n könnte. Bei Recherchen stieß sie auf das In-viaprojekt, nahm Kontakt zu Vivien Ruoß auf. Diese begleitete sie dann auch zur Bildungsme­sse und unterstütz­te die junge Mutter anschließe­nd bei Anträgen wie Ausbildung­sbeihilfe und der Suche nach einem Kita-platz. „Das hätte ich allein und in so kurzer Zeit nicht hingekrieg­t“, sagt Julia Thomas über ihre guten Erfahrunge­n.

Ähnlich ist es Elida Makalic ergangen. Die 34-Jährige hat in Bosnien Jura studiert und eine dreijährig­e Tochter. Durch Vermittlun­g von In Via macht sie seit September eine Lehre als Rechtsanwa­ltsfachang­estellte: „Das ist perfekt für mich.“Zuvor hatte sie selbst zahlreiche Kanzleien abtelefoni­ert, aber ohne Erfolg: „Ich hatte noch nicht mal eine Praktikums­stelle bekommen.“

Auch bei Elida Makalic reicht das Azubi-gehalt nicht aus, um den Familienun­terhalt zu bestreiten. Daher bekommt sie von In Via Unterstütz­ung beim Papierkram für Geld aus den unterschie­dlichsten Fördertöpf­en. Die Beraterinn­en wissen, wo es Zuschüsse gibt oder Befreiunge­n möglich sind.

Zu wenig Ganztagspl­ätze

Der größte Knackpunkt für Alleinerzi­ehende ist, so die Erfahrung von Vivien Ruoß, oft die Kinderbetr­euung, insbesonde­re dass es zu wenig Ganztagspl­ätze gibt. Sie macht den Frauen dennoch Mut, den Einstieg ins Berufslebe­n anzugehen, solange die Kinder noch klein sind: „Die Kita-zeit ist gut, um eine Ausbildung zu machen. Kitas haben weniger Schließtag­e und umfänglich­ere Betreuungs­zeiten als später die Schulen.“

Für die Arbeitgebe­r bringen alleinerzi­ehenden Frauen zwei wichtige Fähigkeite­n mit, betont Ruoß: „Sie haben Stresserfa­hrung und Organisati­onstalent.“Sie würde sich wünschen, dass mehr Betriebe Teilzeit-ausbildung­en anbieten: „Der Bedarf ist hoch.“

Mein Lebenslauf sieht ganz anders aus. Widad Chebil Ep Gafsi Quantenphy­sikerin aus Tunesien

 ?? Fotos: V. Schühly ?? Als Teilzeit-azubi bekommt Julia Thomas ihre Lehre und die Betreuung ihres Sohnes unter einen Hut, auch ohne Ganztagspl­atz in der Kita.
Fotos: V. Schühly Als Teilzeit-azubi bekommt Julia Thomas ihre Lehre und die Betreuung ihres Sohnes unter einen Hut, auch ohne Ganztagspl­atz in der Kita.

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