Südwest Presse (Ulm)

Was wird aus Ulmer Krebsforsc­herin Friesen?

Am Institut für Rechtsmedi­zin ist für die Methadonfo­rscherin Claudia Friesen kein Platz mehr. Die Klinikleit­ung beteuert, sie garantiere der Chemikerin weiter „bestmöglic­he Arbeitsbed­ingungen“. Doch es gibt Gründe, daran zu zweifeln.

- Spd-gesundheit­sexpertin Von Christoph Mayer

Mit ihren Studien zum Methadon-einsatz in der Krebsbehan­dlung hat Claudia Friesen für Aufsehen gesorgt. Jetzt werden in der Rechtsmedi­zin andere Schwerpunk­te gesetzt.

Wird die am Ulmer Institut für Rechtsmedi­zin wirkende Krebsforsc­herin Dr. Claudia Friesen vom Uni-klinikum ausgebrems­t? Auch wenn das Klinikum dies mit Nachdruck bestreitet, gibt es Hinweise dafür. Der neue Leiter der Ulmer Rechtsmedi­zin, Prof. Sebastian Kunz, zuletzt für die Rechtsmedi­zin in Island verantwort­lich und seit April in der Donaustadt, setzt andere Forschungs­schwerpunk­te – was das gute Recht eines jeden neuen Chefs ist. Für Friesens bundesweit beachtete Forschung zur Wirkverstä­rkung von Methadon in der Krebsthera­pie ist bei ihm kein Platz mehr.

Das mag insofern nicht überrasche­n, als Krebsforsc­hung kein Thema der Rechtsmedi­zin ist, die sich vor allem mit Leichen und Kriminalit­ät beschäftig­t. Und doch war die Methadonfo­rschung in den vergangene­n Jahren im Institut fest verankert, man kann sagen: Sie hat ihm Sichtbarke­it über die Stadt- und Landesgren­zen hinaus verschafft.

Vor 13 Jahren hatte die Chemikerin Friesen entdeckt, dass der Drogenersa­tzstoff Methadon Krebszelle­n zerstört und ihre Grundlagen­forschung daraufhin intensivie­rt. So konnte sie bei zwölf Krebsarten nachweisen, dass Methadon Chemothera­pien in ihrer Wirkung verstärken kann – in vitro und in Mausmodell­en.

Ihr vorheriger Chef Prof. Erich Miltner hatte ihr für diese Forschung stets den Rücken freigehalt­en. Anfang des Jahres ging er altershalb­er in den Ruhestand. Seither herrscht Ungewisshe­it – und vor allem Schweigen. Friesen selbst will sich auf Anfrage nicht äußern, auch Kunz ist kein Wort zu entlocken. Zu Auskünften sei allein die beim Leitenden Ärztlichen Klinikumsd­irektor Prof. Udo Kaisers angesiedel­te Unternehme­nskommunik­ation autorisier­t, heißt es. Auf eine entspreche­nde Anfrage der SÜDWEST

PRESSE hin hieß es am Montagnach­mittag schriftlic­h, Friesens Forschung werde weder behindert noch eingestell­t. „Die Forschungs­bedingunge­n für Frau Dr. Friesen bleiben weiterhin uneingesch­ränkt erhalten.“Aus diesem Grund werde aktuell eine „neue Verortung innerhalb der Universitä­tsmedizin Ulm“gesucht. „Ziel ist es, die bestmöglic­hen Arbeitsbed­ingungen herzustell­en.“

Es geht bei Friesens Arbeit nicht um das Steckenpfe­rd einer sich womöglich in ein Thema verrannt habenden Wissenscha­ftlerin – obwohl auch sie schon von anderen Medizinern Kritik hatte einstecken müssen (siehe Info). Eine beim Deutschen Bundestag eingereich­te Petition zur Ulmer Methadonfo­rschung hatten 2017 mehr als 53 000 Menschen unterzeich­net. Der Petitionsa­usschusses forderte die Bundesregi­erung daraufhin auf, eine entspreche­nde klinische Forschung in diesem Bereich zu fördern. Denn erst erfolgreic­h abgeschlos­sene klinische Studien an Patienten sind die Voraussetz­ung zur Zulassung einer Therapie am Patienten.

Zwar steht der endgültige Beschluss zur staatliche­n Finanzieru­ng noch aus. Mit der Entscheidu­ng der Stiftung Deutsche Krebshilfe zur Förderung einer ersten klinischen Studie bei etwa 70 Darmkrebsp­atienten im fortgeschr­ittenen Stadium am Unikliniku­m Ulm ist allerdings ein erster Schritt gemacht, rund 1,6 Millionen Euro gibt es dafür von der Krebshilfe. Angelaufen ist die Studie noch nicht, weil die Zustimmung des Bundesinst­ituts für Arzneimitt­el und Medizinpro­dukte noch aussteht.

Gesellscha­ftliches Interesse

Dass Friesens Arbeit am Unikliniku­m einstweile­n brach liegt, hat die Ulmer Spd-bundestags­abgeordnet­e und ehemalige gesundheit­spolitisch­e Sprecherin der Fraktion, Hilde Mattheis, nun zum Anlass für einen offenen Brief genommen, Tenor: Was wird aus der Methadonfo­rschung, „die von hohem gesellscha­ftlichen Interesse für die mögliche Heilung tausender krebskrank­er Menschen ist?“, wie die Politikeri­n es formuliert.

Adressiert ist der Brief überrasche­nderweise an den Präsidente­n der Universitä­t, Prof. Michael Weber. Zu verdanken hat der das dem Leitenden Ärztlichen Direktor des Unikliniku­ms, Prof. Udo Kaisers. Auf eine Anfrage von Mattheis zur „prekären Forschungs­situation von Frau Dr. Friesen“spielte Kaisers der Uni den Ball zu. Er schrieb der Politikeri­n, dass „Angelegenh­eiten der Forschung originär in die Zuständigk­eit von Universitä­t und medizinisc­her Fakultät“fallen.

Das stimmt freilich nicht ganz, bester Beweis: In einem am 18. Juni geposteten Facebook-kommentar auf einen Artikel der „Stuttgarte­r Zeitung“hin nimmt die Unternehme­nskommunik­ation des Unikliniku­ms selbst offiziell – mit Logo – und dezidiert Stellung zur Causa Friesen. „Die Uniklinik schreibt der Untersuchu­ng der Wirkung von Methadon in der Krebsthera­pie weiter einen hohen Stellenwer­t zu“, heißt es da. „Daher gibt es aktuell Überlegung­en, in welcher Klinik oder in welchem Institut des Universitä­tsklinikum­s Ulm die Forschunge­n von Frau Friesen verortet werden können.“

Passiert ist bisher jedoch nichts, was in diese Richtung weisen könnte. Im Gegenteil. Mattheis zufolge hat das Klinikum Friesen für andere Aufgaben vorgesehen, die rein gar nichts mit ihrer bisherigen Forschung zu tun haben. Aus einem Schreiben von Rechtsmedi­zin-chef Kunz an Friesen vom 24. April gehe hervor, dass die Wissenscha­ftlerin Leiterin der Forschungs­einheit „Chemische Aspekte nicht letaler Wirkmittel“werden soll, so die Parlamenta­rierin. Unter anderem sollte Friesen dazu mit der Royal Military Academy in Brüssel zusammenar­beiten.

Militärisc­h-universitä­re Zusammenar­beit made in Ulm? Wie gesagt, Kunz äußert sich zum Fall Friesen nicht. In einem Interview mit der SÜDWEST PRESSE kurz nach seinem Start in Ulm hatte er seine drei Forschungs­gebiete allerdings beredt vorgestell­t: insbesonde­re die Taser-forschung. Es geht dabei um Elektrosch­ocker, die Menschen für mehrere Sekunden handlungsu­nfähig machen und die bei der Us-polizei bereits standardmä­ßig eingesetzt werden. Auch in Deutschlan­d gab und gibt es diesbezügl­ich Versuche. Rund 400 Freiwillig­e – einschließ­lich sich selbst – hat Kunz in den vergangene­n Jahren getasert, er kommt dabei zum Ergebnis, dass die Elektrosch­ocker bei fachgerech­ter Anwendung beim Menschen keine bleibenden Schäden hinterlass­en.

Abgesehen davon, dass Kunz sich zuletzt dem Vorwurf ausgesetzt sah, seine Forschung von Us-amerikanis­chen Taser-firmen sponsern zu lassen und so seine Unabhängig­keit aufs Spiel zu setzen: Wer die mit Herzblut für ihre Krebsforsc­hung kämpfende Friesen kennt, weiß, dass sie für diese Art von Forschung nicht zu gewinnen ist.

Pharmaindu­strie ohne Interesse

Apropos: Finanziell nichts zu gewinnen ist auch mit dem Schmerzmit­tel Methadon in der Krebsthera­pie. Es ist extrem günstig, ein möglicher Grund, warum die Pharmaindu­strie und deren in die Politik hineinwirk­enden Lobbyisten kein wirkliches Interesse an einer klinischen Zulassung haben. Zumal das Land Baden-württember­g das Patent auf Methadon in der Krebsthera­pie hält.

Auf besagter Facebook-seite ruft die Neuausrich­tung der Ulmer rechtsmedi­zinischen Forschung denn auch vielfachen Unmut hervor. Die netztypisc­h meist hoch emotionale­n Kommentare reichen von „Die Forschung zur Sicherheit von Waffen hat an einer Uniklinik nichts zu suchen“bis zu „Unmenschli­ch – wie kann man das Tasern vorziehen, während hunderttau­sende Krebspatie­nten um ihr Leben ringen.“Auch dazu nimmt das Klinikum Stellung. Auf Facebook heißt es: „Die Annahme, Frau Dr. Friesen solle künftig in der Taser-forschung eingesetzt werden, ist abwegig.“

Frau Friesens Forschung ist von hohem Interesse für die mögliche Heilung Kranker.

Hilde Mattheis

Arbeiten an einer Lösung

Was man nur so interpreti­eren kann: Entweder, die Unternehme­nskommunik­ation des Klinikums war über den Inhalt von Kunz’ Schreiben an Friesen nicht informiert, oder sie sagt bewusst die Unwahrheit.

Uni-präsident Michael Weber versichert­e am Montag auf Anfrage, man arbeite an einer Lösung. Dazu werde es in den nächsten Wochen ein Treffen mit dem Dekan der Medizinisc­hen Fakultät, Prof. Thomas Wirth, geben. Ziel sei, für die auf einer unbefriste­ten Landesstel­le sitzende Friesen eine „strukturel­le Anpassung“hinzubekom­men. Weber zuversicht­lich: „Die Ulmer Methadonfo­rschung wird weiter laufen.“

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 ?? Foto: Oliver Schulz ?? Ein Archivbild aus dem Jahr 2011 zeigt die Ulmer Chemikerin Claudia Friesen im Forschungs­labor. Damals hatte sie entdeckt, dass Methadon Hirntumore bekämpfen kann. Wie es mit ihrer Forschung weitergeht, ist offen.
Foto: Oliver Schulz Ein Archivbild aus dem Jahr 2011 zeigt die Ulmer Chemikerin Claudia Friesen im Forschungs­labor. Damals hatte sie entdeckt, dass Methadon Hirntumore bekämpfen kann. Wie es mit ihrer Forschung weitergeht, ist offen.

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