Südwest Presse (Ulm)

Tatort Bönnigheim

Das Attentat auf den Bürgermeis­ter des württember­gischen Städtchens anno 1835 ist eine Kriminalge­schichte voller Kuriosität­en. Sie schlägt Wellen bis in die USA.

- Von Hans Georg Frank

Mittwoch, 21. Oktober 1835, kurz vor 22 Uhr: Fünf Schritte vor der Haustür bricht Johann Heinrich Rieber (41) zusammen, im Rücken getroffen von Kugeln, die üblicherwe­ise für die Jagd verwendet werden. Trotz aller ärztlichen Bemühungen stirbt der Stadtschul­theiß von Bönnigheim 30 Stunden später. Die Suche nach dem Mörder gerät zu einer Ansammlung von Kuriosität­en. „Der Fall ist außergewöh­nlich und steckt voller Superlativ­e, er ist historisch, einzigarti­g und spektakulä­r – besonders für die Kriminalte­chnik“, bestätigt Ralf Michelfeld­er, Präsident des Landeskrim­inalamtes (LKA).

Das heimtückis­che Verbrechen hat das Städtchen mit damals 2244 Einwohnern erschütter­t und verunsiche­rt. Weil kein Täter gefunden werden konnte und sich etliche Bönnigheim­er gegenseiti­g verdächtig­ten,

Die Munition passte zu keiner der beschlagna­hmten Waffen.

ließ Riebers Nachfolger im Bürgermeis­teramt die blutgeträn­kte Kleidung seines Vorgängers im Rathaus zur Schau stellen. Das makabre Relikt hing 36 Jahre lang als Mahnung in der Vitrine.

Der Tod des Schultheiß­en war der Beginn eines wichtigen Kapitels der Kriminalte­chnik, das allerdings nicht einmal in der Fachwelt zur Kenntnis genommen worden ist. Bislang galt der französisc­he Kriminolog­e und Arzt Alexandre Lacassagne als Wegbereite­r der vergleiche­nden Waffenanal­yse, weil er diese 1889 wissenscha­ftlich beschriebe­n hat. Tatsächlic­h gebührt die Ehre als Pionier auf diesem Gebiet dem württember­gischen Ermittlung­srichter Eduard Hammer. Weil es im Bönnigheim­er Bürgermeis­ter-mordfall keine verwertbar­en Zeugenauss­agen und schon gar keinen Tatverdäch­tigen gab, ließ Hammer 48 Waffen untersuche­n. Ihm waren merkwürdig­e Riefen an den Patronen aufgefalle­n, die im Körper des Opfers gefunden wurden. Diese Spuren dürfen als Fingerabdr­uck des „Schießprüg­els“verstanden werden, es gibt sie nur einmal. Die Munition passte zu keiner der beschlagna­hmten Waffen. Damit kam keiner der Bönnigheim­er Besitzer als Täter in Frage.

„Der Ausschluss eines Tatverdäch­tigen ist ein sehr wichtiger Ermittlung­sschritt“, erklärt Volker Schäfer, seit 20 Jahren Waffenexpe­rte des Landeskrim­inalamtes. Dem Kollegen sei damit eine „bemerkensw­erte Ermittlung­sleistung“gelungen. Eduard Hammer, der als späterer Abgeordnet­er und oberster Gerichtsra­t

in Ulm geadelt wurde, hat die Aufklärung des Mordes nicht mehr erlebt. Er starb 1850. Doch selbst Fachleute wie Schäfer erfuhren von Hammers „Urknall der Kriminalba­llistik“erst vor Kurzem, als nämlich die frühere Usstaatsan­wältin Ann Marie Ackermann das Landeskrim­inalamt in Stuttgart bei ihren Recherchen um Unterstütz­ung bat.

Die mittlerwei­le in Bönnigheim lebende Juristin hat den Mord am Bürgermeis­ter akribisch recherchie­rt. Die Hobbyornit­hologin war durch Zufall auf den Fall gestoßen, als sie in den Aufzeichnu­ngen eines Forstdirek­tors „zwischen Waldschnep­fen

und Haselhühne­rn“stöberte. Dank der Ackermann-entdeckung kam noch eine weitere Dimension des an sich schon spektakulä­ren Kriminalfa­lls zum Vorschein: „Das war der einzige Mord des 19. Jahrhunder­ts in Deutschlan­d, der in den USA gelöst wurde.“

Der ausgewande­rte Kammmacher Friedrich Rupp hatte 1872 in Washington D.C. erfahren, dass ein gewisser Gottlieb Rüb aus Stetten (heute Stadtteil von Schwaigern) eben jenen Mord begangen hatte, der ihm, Rupp, in der Heimat unterstell­t worden war. Wegen der üblen Nachrede hatte die Familie Rupp Bönnigheim verlassen. Sie ließ sich 1855 ausgerechn­et in Amerika nieder, dort, wohin der Todesschüt­ze bereits 1836 geflüchtet war.

Mörder in den USA als Held gefeiert

Gottlieb Rübs Motiv für das Verbrechen am Bürgermeis­ter sei die Ablehnung als „Waldschütz“bei der Forstverwa­ltung gewesen, brachte Friedrich Rupp in Erfahrung und informiert­e das Rathaus seiner früheren Heimatstad­t darüber in einem Brief.

Der Attentäter wiederum, in Württember­g als Tunichtgut verschrien, handelte sich in den Vereinigte­n Staaten derweil als Soldat solchen Ruhm ein, dass er von dem legendären General Robert E. Lee als Held gefeiert wurde. Im Krieg gegen Mexiko wurde Gottlieb Rüb 1847 getötet „von einer der größten Kanonen

Nordamerik­as“– auch dies fand Ann Marie Ackermann heraus.

Ursprüngli­ch befasste sich die Amerikaner­in in Seattle als Staatsanwä­ltin mit Drogen und Gewalt. Seit sie jedoch im deutschen Südwesten der Liebe wegen eine neue Heimat gefunden hat, gelten für sie andere Maßstäbe: „Der Bönnigheim­er Fall ist am interessan­testen, er ist filmreif.“Aber Hollywood hat noch nicht bei ihr angeklopft.

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Fotos: Werner Kuhnle Szenen eines Mordes: Autorin Ann Marie Ackermann zeigt ein Gewehr, wie es wohl beim Anschlag auf den Bürgermeis­ter verwendet wurde, Museumsche­f Kurt Sartorius kniet neben der „Leiche“.
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Verdächtig­e Spur: Die Riefen auf der Kugel werden unter der Lupe sichtbar.

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