Südwest Presse (Ulm)

Cha­os im Kopf

Weil ih­re Müt­ter in der Schwan­ger­schaft nicht auf „ein Gläs­chen“ver­zich­ten wol­len, kom­men ih­re Kin­der mit schwe­ren, oft un­sicht­ba­ren Schä­den zur Welt. Pfle­ge­el­tern er­zäh­len, was das be­deu­tet.

- Von Eli­sa­beth Zoll

Tie­fen­ent­spannt ist nur Mol­li. Tram­peln­de Kin­der und schla­gen­de Tü­ren las­sen für Se­kun­den al­len­falls die Au­gen­brau­en der La­b­ra­dor-hün­din er­zit­tern. Mol­li ist nicht zu er­schüt­tern und da­mit in der Fa­mi­lie von Uli und Pe­ter Alt­mann in Hei­den­heim gera­de rich­tig. Ru­he­po­le sind dort ei­ne Kost­bar­keit.

Phil­ipp (Na­men der Kin­der ge­än­dert) sitzt im Kirsch­baum. „Hal­lo, hier bin ich“, ruft er aus luf­ti­ger Hö­he und winkt mit ein paar Kir­schen. Un­ter ihm hofft die vier­jäh­ri­ge Em­ma, dass er ihr ei­ni­ge da­von zu­wirft. „Hal­lo, hal­lo“, er­tönt es wie­der. Phil­ipp buhlt um Auf­merk­sam­keit. Be­such im Hau­se Alt­mann ist für ihn Auf­re­gung und Stö­rung zu­gleich. Er ver­än­dert den Nach­mit­tag – und das ist das letz­te, was Phil­ipp will. Der Jun­ge braucht kla­re Struk­tu­ren und ge­re­gel­te Ab­läu­fe. Wie sei­ne bei­den Pfle­ge-ge­schwis­ter lei­det der Elf­jäh­ri­ge an FAS, dem fe­ta­len Al­ko­hol­syn­drom, ei­ner Schä­di­gung des Ge­hirns, die durch vor­ge­burt­li­chen Al­ko­hol­kon­sum der Mut­ter ver­ur­sacht wird.

Wie ein Blitz schießt der Jun­ge die Trep­pen zu sei­nem Zim­mer em­por. Tau­sen­de klei­ne Le­go­stei­ne sind über Bo­den und Tisch ver­streut. „Das ist wie das Cha­os in mei­nem Kopf“, sagt Phil­ipp. Sei­ne gan­ze Auf­merk­sam­keit gilt ei­ner mit blin­ken­den Schein­wer­fern aus­ge­stat­te­ten Mu­si­cal-büh­ne. Die hat er mit Le­go­stei­nen aus dem Ge­dächt­nis nach­ge­baut. Das Spiel fes­selt ihn – für Mi­nu­ten. Dann muss er wie­der ren­nen, to­ben, sich

Ich merk­te, dass ich den Jun­gen gar nicht len­ken konn­te. Und dach­te mir:

Was ma­che ich falsch? Uli Alt­mann

Pfle­ge­mut­ter

mit sei­ner klei­nen Schwes­ter zan­ken, bis sie weint, er selbst schreit und die Tü­ren flie­gen.

Für Uli (53) und Pe­ter Alt­mann (68) ist das All­tag. Sie ha­ben Em­ma, Phil­ipp und die heu­te 15-jäh­ri­ge Han­na als Pfle­ge­kin­der in ih­re Fa­mi­lie auf­ge­nom­men. Han­na und Phil­ipp wa­ren da­mals je­weils we­ni­ge Mo­na­te alt. „Bei Phil­ipp sag­te man uns, er sei ein Dro­gen­kind. Das hat uns nicht ge­schreckt“, er­zählt Uli Alt­mann. Über die zu­sätz­li­che Schä­di­gung durch Al­ko­hol in­for­mier­ten die Be­hör­den sie nicht. Seit 2001 ha­ben Uli Alt­mann und ihr Mann, ein ehe­ma­li­ger Ret­tungs­as­sis­tent, 26 Pfle­ge­kin­der kür­zer oder län­ger im Haus ge­habt. Ju­gend­äm­ter ver­mit­teln Kin­der an Pfle­ge­fa­mi­li­en, wenn die leib­li­chen El­tern mit der Er­zie­hung über­for­dert sind. „Ich wuss­te im­mer, dass ich mit vie­len Kin­dern le­ben will“, sagt die So­zi­al­päd­ago­gin. Doch gera­de Phil­ipp stellt die­sen Traum im­mer wie­der auf die Pro­be.

Sei­ne Auf­fäl­lig­kei­ten blei­ben lan­ge oh­ne Na­men. Der schmäch­ti­ge Jun­ge lernt ver­zö­gert zu lau­fen und zu spre­chen. Spä­ter wird sei­ne Ener­gie un­do­sier­bar. Klei­nig­kei­ten ma­chen ihn ag­gres­siv. Dann schreit er, be­schimpft die El­tern in al­ler Öf­fent­lich­keit. „Er braucht Im­pul­se zwölf St­un­den lang“, sagt Uli Alt­mann. Aus­powern kann man ihn nicht. Nur Mol­li gibt ihm Ru­he. Oh­ne Angst und oh­ne Schmerz­ge­fühl tobt Phil­ipp durch die Räu­me. Er­mah­nun­gen pral­len ab. Ein „Ja, ja“dann sind sie ver­ges­sen. Uli Alt­mann: „Ich merk­te, dass ich den Jun­gen gar nicht len­ken konn­te.“

Ein Pro­blem der Mit­tel­schicht

Für sie und ih­ren Mann be­gin­nen quä­len­de Jah­re. Was ma­chen wir falsch? War­um drin­gen wir nicht durch? „Ich rei­se durch das Land, hal­te Vor­trä­ge zu Er­zie­hungs­fra­gen und schei­te­re an mei­nem Kind“, denkt die Pfle­ge­mut­ter. Eher zu­fäl­lig hört sie von Be­hin­de­rung durch Al­ko­hol­kon­sum und er­hält spä­ter von ei­ner Fach­ärz­tin Ge­wiss­heit: Phil­ipp lei­det un­ter ei­ner be­son­ders schwe­ren Form der Fe­ta­len Al­ko­hol­spek­trumstö­rung (FASD), dem Fe­ta­len Al­ko­hol­syn­drom (FAS). Sei­ne äl­te­re Schwes­ter Han­na ist eben­falls ge­schä­digt. Auch die klei­ne Em­ma, die Jah­re spä­ter in die Fa­mi­lie kommt, ist durch den Al­ko­hol­kon­sum der leib­li­chen Mut­ter ge­zeich­net. „Sie hat wäh­rend ih­rer Schwan­ger­schaft re­gel­mä­ßig Cham­pa­gner ge­trun­ken und uns das auch ge­sagt, als wir Em­ma als Pfle­ge­kind ab­ge­holt ha­ben.“

Die Al­ko­hol­spek­trumstö­rung ist vor al­lem ein The­ma der mitt­le­ren und obe­ren Ge­sell­schafts­schicht. Hier ein Glas Pro­sec­co, dort ein Wein zur Ent­span­nung. 10,6 Li­ter rei­nen Al­ko­hol pro Jahr kon­su­miert je­der Bun­des­bür­ger ab 15 Jah­ren im Schnitt. Nur zwei von zehn Frau­en ver­zich­ten in der Schwan­ger­schaft ganz auf Al­ko­hol. Manch­mal emp­feh­len so­gar Frau­en­ärz­te ein Schlück­chen Sekt ge­gen den nied­ri­gen Blut­druck. Die Fol­gen sind gra­vie­rend. 10 000 Fasd-kin­der wer­den in Deutsch­land je­des Jahr ge­bo­ren, da­von ge­schätzt 2000 mit dem kom­plet­ten Spek­trum an Schä­di­gung.

Al­ko­hol ist ein Zell­gift, das un­ge­fil­tert über die Pla­zen­ta von der Mut­ter auf das Kind ge­langt, er­klärt Mir­jam Land­graf, Neu­ro­lo­gin beim Deut­schen FASD Kom­pe­tenz­zen­trum Bay­ern. Die Mut­ter baut den Al­ko­hol über die Le­ber ab, das Un­ge­bo­re­ne ist dem Gift schutz­los aus­ge­setzt, Ex­per­ten ge­hen da­von aus, dass ein Em­bryo zehn Mal län­ger braucht, um Al­ko­hol zu ver­ar­bei­ten. Wel­chen Scha­den da­bei das Ge­hirn nimmt, hängt vom Rei­fe­sta­di­um des Em­bry­os ab, der Al­ko­hol­men­ge und der Ver­an­la­gung der Schwan­ge­ren. Die Schä­di­gung ist ir­re­ver­si­bel. Kin­der mit FASD lei­den le­bens­lang.

Nicht im­mer ist die Be­ein­träch­ti­gung durch ei­ne fla­che Na­sen­bil­dung, kur­ze

Lidspal­te oder kon­tur­lo­se Ober­lip­pe so­fort zu er­ken­nen. Meist zei­gen sich ko­gni­ti­ve und so­zia­le Auf­fäl­lig­kei­ten erst nach Jah­ren. „Sie ma­chen den All­tag mit den Kin­dern schwie­rig“, sagt Mir­jam Land­graf. Fasd-kin­der könn­ten die Fol­gen ih­res Han­delns oft nicht er­fas­sen. Auch feh­le vie­len ein Un­rechts­be­wusst­sein. Kor­ri­gie­ren lässt sich das nur schwer. Das liegt am Ge­hirn, es kann un­ter­schied­li­che Pro­zes­se nicht in Ver­bin­dung brin­gen. Des­halb wer­den auch ein­fa­che Ab­läu­fe wie das rich­ti­ge An­zie­hen von Klei­dung zur Her­aus­for­de­rung.

Uli und Pe­ter Alt­mann ha­ben in ih­rem Haus Zeich­nun­gen auf­ge­hängt. Sie zei­gen, wie man Zäh­ne putzt, sich an­zieht oder duscht. Phil­ipp hilft das. Han­na wie­der­um, die die 9. Klas­se ei­nes Gym­na­si­ums be­sucht, hat den Ta­ges­ab­lauf in ihr Smart­pho­ne ein­pro­gram­miert. „Mei­ne Ta­ge sind kom­plett durch­ge­tak­tet“: die Zeit für Schu­le, für das Ler­nen, das Mit­tag­es­sen, für Rei­ten, Sin­gen, Fo­to­gra­fie­ren. Die­se Struk­tur gibt ihr Si­cher­heit. Vie­les an­de­re kann Han­na nicht kon­trol­lie­ren. Wenn sich we­gen ei­nes aus ih­rer Sicht un­pas­sen­den Hin­wei­ses ih­res Leh­rers Frust auf­baut, be­ginnt sie zu schrei­en, reißt Ti­sche um und wird wü­tend auf sich. „Dann re­de ich nicht mehr, will nur noch ins Bett und schla­fen.“

Da hilft auch kein Üben

Wer die 15-Jäh­ri­ge sieht, ahnt nichts von ih­rer in­ne­ren Not. Lo­cker er­zählt das Mäd­chen von gu­ten Leis­tun­gen in der Schu­le, vor al­lem in Deutsch, Re­li­gi­on, Ge­schich­te, und ih­rem To­tal­aus­fall in Ma­the­ma­tik und Phy­sik. Fä­cher mit Zah­len kann sie nicht. „Die Leh­rer sa­gen: ,Han­na, streng Dich mehr an’. Sie ver­ste­hen nicht, dass ich nicht mehr ge­ben kann.“Da hilft auch kein Üben. In Han­nas „Ar­beits­spei­cher“blei­ben kei­ne Zah­len hän­gen. Sie weiß, dass sie an­de­re mit ih­ren Schwä­chen, vor al­lem aber mit ih­ren Stim­mungs­schwan­kun­gen vor den Kopf stößt. „Die ver­ste­hen mich nicht.“Sie sei ei­ne Ein­zel­gän­ge­rin. „Manch­mal bin ich schon sau­er auf mei­ne leib­li­che Mut­ter. War­um hat sie mir das an­ge­tan? Die­se Krank­heit wä­re zu 100 Pro­zent ver­meid­bar ge­we­sen.“

Uli und Pe­ter Alt­mann ver­su­chen mit der per­ma­nen­ten Her­aus­for­de­rung zu le­ben. Oft sto­ßen sie auf Un­ver­ständ­nis, manch­mal auch auf Vor­wür­fe, war­um sie ih­re Kin­der nicht bes­ser im Griff ha­ben. Das al­les ma­che ein­sa­mer, ge­steht Uli Alt­mann, die als Fach­kraft Fasd-vor­trä­ge hält. Weil Wis­sen über die „un­sicht­ba­re Be­hin­de­rung“in Kin­der­gär­ten, Schu­len, Hei­men und Ju­gend­äm­tern oft fehlt, blei­ben the­ra­peu­ti­sche Hil­fe für die Kin­der und Ent­las­tungs­an­ge­bo­te für die El­tern aus. „Die­se El­tern leis­ten so viel und be­kom­men nur St­ei­ne in den Weg ge­legt“, sagt Mir­jam Land­graf.

Auch Uli und Pe­ter Alt­mann sto­ßen im­mer wie­der an ih­re Gren­zen. „Un­ser ei­ge­nes Le­ben ist ganz in den Hin­ter­grund ge­drängt.“Sie hal­ten durch, weil ih­nen „die Kin­der so ans Herz ge­wach­sen sind“. Und viel­leicht auch, weil Mol­li ih­nen ab und zu be­ru­hi­gend um die Bei­ne streicht. „Wir hal­ten zu­sam­men“, scheint sie zu sa­gen. Bis­her ist ih­re Bot­schaft noch im­mer an­ge­kom­men.

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Fo­tos: Lars Schwerdtfe­ger Pfle­ge­el­tern Uli und Pe­ter Alt­mann: Sie hal­ten durch, „weil uns die Kin­der so ans Herz ge­wach­sen sind“.
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Die La­b­ra­dor-hün­din Mol­li ist durch nichts zu er­schüt­tern. Ihr ge­lingt es am bes­ten, Phil­ipp zu be­ru­hi­gen.
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Über­all im Haus der Pfle­ge­el­tern hän­gen Zeich­nun­gen: Den jün­ge­ren ge­schä­dig­ten Kin­dern hilft das, weil es Struk­tur in ih­ren All­tag bringt.

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