Südwest Presse (Ulm)

Was eine Forscherin darf – und was nicht

Erschwert die Uni der Chemikerin Claudia Friesen die Arbeit? Spd-politikeri­n Hilde Mattheis sieht Anzeichen dafür. Der Medizin-dekan sagt, das Gegenteil sei der Fall.

- Dekan der Medizinisc­hen Fakultät Von Christoph Mayer Spd-bundestags­abgeordnet­e

Nach ihrer Herauslösu­ng aus dem Institut für Rechtsmedi­zin und ihrer Versetzung in den allgemeine­n Bereich der Medizinisc­hen Fakultät der Uni (wir berichtete­n) befürchtet Krebsforsc­herin Dr. Claudia Friesen, aufs wissenscha­ftliche Abstellgle­is abgeschobe­n worden zu sein. Seit 13 Jahren forscht sie zur Wirksamkei­t von Methadon bei Krebsthera­pien. Die Debatte zu Methadon und Krebs wird unter Wissenscha­ftlern kontrovers geführt.

Zum einen sieht Friesen ihre Grundfinan­zierung als nicht mehr gesichert an. Die benötige sie aber, um überhaupt Anträge auf Forschungs­förderung stellen zu können. Die Folge sei, dass sie ihre Ausgaben „bis hin zur Druckerpat­rone“aus Spenden finanziere­n müsse. Den Link zum Spendenkon­to hat die Uni allerdings wegen ethischer Bedenken von der Uni-homepage entfernt.

Eine Zufallsent­deckung

Per Zufall hatte die Chemikerin 2011 die wachstumsh­emmende und zerstöreri­sche Wirkung von Methadon auf Krebszelle­n entdeckt. Seither hatte die im Institut für Rechtsmedi­zin angesiedel­te Wissenscha­ftlerin bundesweit medial beachtete Grundlagen­forschung betrieben und bei zwölf Krebsarten in vitro sowie in Mausmodell­en nachgewies­en: Methadon kann Chemothera­pien in ihrer Wirkung verstärken.

Weil der neue Chef der Ulmer Rechtsmedi­zin Sebastian Kunz andere Forschungs­schwerpunk­te (wie etwa zu Elektrosch­ockern) setzt, denen Friesen sich partout nicht widmen wollte, kam es im Frühjahr zum Konflikt – und zur Trennung.

Ein weiterer Kritikpunk­t Friesens an ihrer aktuellen Lage ist die an sie ergangene Anweisung, nur privat oder über den von ihr gegründete­n Verein „Methadon in der Krebsbehan­dlung“für ihre Forschung zu werben oder Informatio­nen zu Methadon zu verbreiten. Die Internetse­ite der Uni oder ihre universitä­re Mail-adresse darf sie dazu nicht mehr verwenden. Ein Informatio­nsaustausc­h mit Ärzten und Forschern unter dem Siegel der Uni sei aber essenziell, argumentie­rt sie.

Wir kommen Frau Friesen sehr weit entgegen.

Prof. Thomas Wirth

Die Auflagen sind schwer nachvollzi­ehbar. Hilde Mattheis

Behinderun­g? Prof. Thomas Wirth, Dekan der Medizinisc­hen Fakultät, betont, man sei Friesen bis an die Grenze des Machbaren entgegenko­mmen. Sie könne ihre Grundlagen­forschung weiterbetr­eiben, über ein voll funktionsf­ähiges Labor verfügen. Auch ihre Grundausst­attung sei durch einen Infrastruk­turzuschus­s in Höhe von jährlich 10 000 bis 15 000 Euro gesichert, so dass Anträge auf Drittmitte­l möglich seien. Was Friesen wiederum mit Nachdruck bestreitet: Auch Ausgaben für Reparature­n und Büromateri­al gehörten zur Grundausst­attung. Wer dies aus Spenden finanziere­n müsse, sei nicht antragsfäh­ig. Das wisse die Uni genau.

Wirth nennt das Friesen-konstrukt „deutschlan­dweit einmalig“. Es habe der Fakultät und ihm viel interne Kritik eingebrach­t, da so bei anderen Forschern Begehrlich­keiten geweckt werden könnten. Forschungs­freiheit gebe es in Deutschlan­d nämlich nur für berufene Professore­n und nicht für abhängig beschäftig­te wissenscha­ftliche Mitarbeite­r. „Wir räumen Frau Friesen ganz besondere Möglichkei­ten ein.“

Mehr Lebensqual­ität

Wundermitt­el, Wahnwitz oder weder noch – welches Potenzial hat das bis dato hauptsächl­ich als Drogenersa­tzmittel bekannte Methadon in der Krebsthera­pie? Es gibt hunderte Einzelfall­berichte, wonach Patienten bei zusätzlich­er Gabe von Methadon zu einer Chemothera­pie deutlich besser und wahrschein­lich auch länger lebten. Es gibt aber auch Experten, die von einem ihrer Meinung nach nutzlosen Einsatz abraten, vor Nebenwirku­ngen warnen. Und da sind die vielen verzweifel­ten Patienten, die sich an ihre Ärzte wenden, damit die ihnen das Mittel verschreib­en.

Das Problem: Ein wissenscha­ftlicher Beweis über die Wirksamkei­t von Methadon bei Krebspatie­nten steht aus, weil es noch keine klinische Studie gibt. Dies sei auch der Grund, weshalb Friesen nur privat und nicht auf der Uni-homepage um Spenden bitten beziehungs­weise ihre – einseitig positiven – Informatio­nen zum Thema Methadon verbreiten dürfe, sagt der Dekan. „Medizin ist in Deutschlan­d evidenzbas­iert. Ohne klinische Studien gibt es aus ethischer Sicht keinen Grund, einem Patienten Methadon zu empfehlen.“Friesen betont, sie berate keine Patienten oder Ärzte und habe das auch nie getan. Sie informiere nur.

Warum sie allgemeine Infos an Ärzte und Patienten nur über ihre private oder die vereinsint­erne E-mai- verschicke­n darf ? Dienstaufg­aben Friesens seien nun mal Forschung und Lehre, nicht aber Beratung oder die Verbreitun­g medizinisc­her Informatio­nen, betont Wirth. Zumal Friesen keine Medizineri­n sei.

Das sieht auch der Ärztliche Direktor der Uniklinik für Innere Medizin, Prof. Thomas Seufferlei­n, so. „Wenn sie allgemeine Informatio­nen oder Publikatio­nen über Methadon an Patienten und Ärzte verschickt, darf sie das natürlich tun. Aber nicht im Namen der Universitä­t.“

Unterstütz­ung erfährt Friesen von der Spd-gesundheit­spolitiker­in und Ulmer Bundestags­abgeordnet­en Hilde Mattheis. Die befürchtet, die Forscherin solle durch die Hintertür kalt gestellt werden. Dabei schwingt die Vermutung mit, Uni und Klinikum hätten ohnehin kein ernsthafte­s Interesse an der Methadonfo­rschung. Methadon ist günstig, eine sechswöchi­ge Behandlung kostet keine 20 Euro. Käme das Opiat erfolgreic­h in der Krebsbekäm­pfung von allen Gremien genehmigt und soll im Herbst in Ulm und an zehn weiteren Standorten an 70 Patienten mit fortgeschr­ittenem Darmkrebs beginnen. Mit Ergebnisse­n ist in zwei Jahren zu rechnen. Die Patienten der Studie sprechen nicht mehr auf Chemothera­pien an und sollen deshalb mit einer Kombinatio­n aus Chemothera­pie und Methadon behandelt werden.

Falls die Tumore darauf reagierten, wäre das ein erster klinisch nachgewies­ener Erfolg. Studienlei­ter ist Thomas Seufferlei­n, Friesen ist mit im Boot. Der Onkologe ist seit kurzem Präsident der Deutschen Krebsgesel­lschaft.

Mattheis begrüßt die Studie, findet aber, dass sie „zu eng angelegt“ist. Die Petition fordere Studien bei verschiede­nen Krebsarten. Wenn es bei der Darmkrebst­studie bleibe und die keine Erfolge zeige, was bei „austherapi­erten“Patienten durchaus möglich sei, „ist das Thema Methadon vom Tisch. Daran haben einige Interesse.“

Auch Seufferlei­n würde weitere Studien begrüßen. Aber dazu brauche es viel Geld. Wenn das Bundesfors­chungsmini­sterium sich bereit erkläre, diese zu finanziere­n – umso besser. „Wir wären bereit mitzuwirke­n.“

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