Au­to-ki­lo­me­ter dras­tisch re­du­ziert

Zwei Fa­mi­li­en im Du­ell: Das Ziel von 5000 Ki­lo­me­tern im Jahr ha­ben sie deut­lich un­ter­schrit­ten – und vie­le neue Er­fah­run­gen ge­sam­melt. Jetzt ste­hen die Ge­win­ner fest.

Südwest Presse (Ulm) - - ERSTE SEITE - Von Sa­mi­ra Ei­se­le

Zwei Fa­mi­li­en im Du­ell: In der Mo­bi­li­täts-chal­len­ge ha­ben bei­de die Gren­ze von 5000 Ki­lo­me­tern im Jahr mit dem Au­to deut­lich un­ter­schrit­ten.

Wer ist we­ni­ger Au­to ge­fah­ren? Mit den Som­mer­fe­ri­en en­det auch das Du­ell der Fa­mi­li­en Aig­le und Kühl aus dem Blaustei­ner Neu­bau­ge­biet Pfaf­fen­hau. Ziel der „Mo­bi­li­täts-chal­len­ge“, die nach En­de der Som­mer­fe­ri­en 2019 be­gon­nen hat: in ei­nem Jahr we­ni­ger als 5000 Ki­lo­me­ter pro Fa­mi­lie mit dem Au­to zu­rück­le­gen. Die­se Mar­ke ha­ben bei­de Fa­mi­li­en nicht nur er­reicht, son­dern deut­lich un­ter­bo­ten – bleibt die Fra­ge, wer we­ni­ger Ki­lo­me­ter in ei­nem Jahr zu­rück­ge­legt hat und die an­de­re Fa­mi­lie zum Abend­es­sen ein­la­den muss.

2037 Ki­lo­me­ter zeig­te der Ta­cho von Fa­mi­lie Aig­le in der ers­ten Sep­tem­ber­wo­che, 2291 Ki­lo­me­ter der der Fa­mi­lie Kühl. Viel kom­me nicht mehr drauf, sag­te Micha­el Kühl: Das Au­to müs­se jetzt oh­ne­hin in die Werk­statt. Bei Fa­mi­lie Aig­le stand noch ei­ne Fahrt zu den et­wa 150 Ki­lo­me­ter ent­fernt woh­nen­den Schwie­ger­el­tern auf dem Plan: „Aber mit dem Zug“, zer­stört Si­mo­ne Aig­le die auf­kei­men­de Hoff­nung des Ehe­paars Kühl auf den spä­ten Sieg. Fa­mi­li­en­be­su­che, Ur­laubs­und Ge­schäfts­rei­sen, Aus­flü­ge mit der Bahn – Ein­käu­fe und Fahr­ten zur Schu­le und Ar­beit mit dem Fahr­rad: So ha­ben die bei­den Fa­mi­li­en es ge­schafft, ih­re Fahr­leis­tung dras­tisch zu re­du­zie­ren – und so­gar ge­mein­sam un­ter 5000 Ki­lo­me­tern zu blei­ben.

In den ver­gan­ge­nen Jah­ren war Fa­mi­lie Aig­le bis zu 15 000 Ki­lo­me­tern im Jahr mit dem ei­ge­nen Au­to un­ter­wegs, durch­schnitt­lich et­wa 12 000 Ki­lo­me­ter: Sei­ne vier­köp­fi­ge Fa­mi­lie ha­be in die­sem Jahr al­so 1,8 Ton­nen CO2 ein­ge­spart, rech­net Tho­mas Aig­le vor. Su­san­ne und Micha­el Kühl, die bei­de Na­tur­wis­sen­schaft­ler sind und sich ne­ben ih­rer Ar­beit an der Uni Ulm auch in Vor­trä­gen

und ei­nem Blog mit dem Kli­ma­wan­del be­schäf­ti­gen, ha­ben die 5000 schon im Vor­jahr un­ter­bo­ten. Die Idee, dar­aus ei­nen Wett­be­werb zu ma­chen, war den be­freun­de­ten Ehe­paa­ren bei ei­nem Glas Wein auf der Ter­ras­se ge­kom­men.

„Mir war völ­lig un­klar, ob wir das er­rei­chen“, sagt Tho­mas Aig­le im Rück­blick über das 5000-Ki­lo­me­ter-ziel. Doch dann lag die Fa­mi­lie sehr schnell vor­ne im Du­ell. „Ein biss­chen wie Schal­ter um­le­gen“sei die Um­stel­lung ge­lau­fen, sagt Si­mo­ne Aig­le: „von Stan­dard Au­to auf Stan­dard Fahr­rad“. Selbst im Som­mer-ur­laub war die Fa­mi­lie nun neun Ta­ge lang mit Bahn und Rad in der Re­gi­on un­ter­wegs: Um Ge­päck zu spa­ren, ha­ben sie sich er­kun­digt, ob in der Un­ter­kunft Wä­sche ge­wa­schen wer­den kann, er­zählt Si­mo­ne Aig­le – so blieb Platz für Wich­ti­ges, zum Bei­spiel die vier Ku­schel­tie­re der Kin­der. Die Fra­ge, die man sich stel­len müs­se, lau­tet: „Was brau­che ich wirk­lich?“– sie ha­be schließ­lich schon oft nach dem Ur­laub Sa­chen un­be­nutzt wie­der aus­ge­packt. Beim Ski-ur­laub war dann aber auch für Aigles die „Schmerz­gren­ze über­schrit­ten“: Dort­hin ging es, wie im­mer, mit dem Au­to.

Ei­nen Au­to-ur­laub hat auch Fa­mi­lie Kühl un­ter­nom­men: Sie fah­ren seit Jah­ren im Herbst mit samt Pferd ins All­gäu – die­se „Pfer­de-ki­lo­me­ter“ma­chen laut Su­san­ne Kühl auch den Rück­stand zu den an­de­ren Du­el­lan­ten aus. Wäh­rend Kühl der Ver­zicht

Du­el­lant

auf die Au­to­fahr­ten zum Pfer­de­stall nach Mäh­rin­gen an­fangs schwer fiel, sagt sie heu­te: „Mit dem Pe­del­ec sind die Ber­ge gar kein Pro­blem.“Ih­re größ­te Her­aus­for­de­rung sei es ge­we­sen, im All­tags­tru­bel und un­ter Zeit­druck die bei­den Töch­ter „mo­ti­vie­rend aufs Fahr­rad zu brin­gen“.

Und na­tür­lich das Wet­ter. Micha­el Kühl er­in­nert sich, wie er kürz­lich ge­ra­de noch recht­zei­tig dar­an dach­te, vor ei­nem Vor­trag Wech­sel­klei­dung ein­zu­pa­cken: Als sei­ne Ehe­frau pitsch­nass in der Tür stand, kurz be­vor er aufs Fahr­rad stei­gen muss­te. „Wenn’s so reg­net, über­legt man sich das zwei­mal.“

Das Fa­mi­li­en-du­ell ha­be „su­per viel Spaß ge­macht“, sagt Su­san­ne Aig­le: Bei­de Fa­mi­li­en er­zäh­len von po­si­ti­ven Ne­ben­ef­fek­ten: Die Kin­der kön­nen nun bei­spiels­wei­se am Bahn­steig Wa­gen­stands-an­zei­ger le­sen, im Zug gab es gu­te Ge­sprä­che mit Mi­t­rei­sen­den. Vor­tei­le für Ge­sund­heit und Um­welt ha­be das Rad­fah­ren na­tür­lich auch, sagt Micha­el Kühl. Er zählt die vie­len ne­ga­ti­ven Aus­wir­kun­gen des Au­to­ver­kehrs auf – bis hin zu Ver­kehrs­to­ten. „Wir neh­men als Ge­sell­schaft ex­trem viel hin für un­se­re Mo­bi­li­tät. Da kann man sich schon mal Gedanken ma­chen“, fin­det er.

Aufs Au­to ganz zu ver­zich­ten kommt für die Du­el­lan­ten je­doch nicht in­fra­ge – zu­mal sie an An­schlüs­sen im Öf­fent­li­chen Nah­ver­kehr und Rad­we­gen auch ei­ni­ges zu kri­ti­sie­ren ha­ben. „Ei­nen dra­ma­ti­schen Ver­zicht an Le­bens­qua­li­tät wol­len wir nicht“, sagt Si­mo­ne Aig­le. Al­ler­dings rech­net sich der Un­ter­halt für das we­nig ge­nutz­te Au­to nun auch nicht mehr. Die Fa­mi­li­en hof­fen, dass sich in ih­rem Wohn­ge­biet bald ein Car­sha­ring-an­bie­ter an­sie­delt, mit dem der Bür­ger­ver­ein im Ge­spräch ist.

Ge­won­nen hat nun üb­ri­gens Fa­mi­lie Aig­le, bei der seit An­fang Sep­tem­ber tat­säch­lich kein Ki­lo­me­ter mehr hin­zu­ge­kom­men ist. End­stand: 2037 zu (rund) 2400 Ki­lo­me­ter. Fa­mi­lie Kühl lädt die Ge­win­ner kom­men­des Wo­che­n­en­de zum Es­sen ein – das gleich ei­ne klei­ne neue Her­aus­for­de­rung dar­stellt: Sie ver­su­chen sich an ei­nem kom­plett ve­ga­nen Me­nü.

Wir neh­men als Ge­sell­schaft ex­trem viel hin für un­se­re Mo­bi­li­tät.

Micha­el Kühl

Fo­to: Volk­mar Ko­en­ne­ke

Dreh­ar­bei­ten für den Mo­bi­li­tät­scheck.

Fo­to: Volk­mar Ko­en­ne­ke

Dreh­ar­bei­ten im Pfaf­fen­hau: Auch das Fern­se­hen in­ter­es­siert sich für den Mo­bi­li­täts-wett­be­werb der Fa­mi­li­en Aig­le (links) und Kühl (rechts).

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