Die Kunst des Le­bens

So ent­schleu­nigt und zu­frie­den wie die­ser 90-Jäh­ri­ge aus ei­nem Tes­si­ner Berg­dorf möch­te man sein: Fabio An­di­na be­schreibt die „Ta­ge mit Fe­li­ce“.

Südwest Presse (Ulm) - - FEUILLETON - Von Jür­gen Ka­nold

Früh­mor­gens steigt Fe­li­ce den Berg hoch, bar­fuß und schwei­gend. Es ist spät­herbst­lich dun­kel, fünf Grad zeigt das Ther­mo­me­ter an. Fe­li­ces Ziel ist ei­ne Gum­pe, ein fel­si­ges Be­cken im Ge­birgs­bach. Er zieht sich aus und taucht voll­stän­dig ein ins eis­kal­te Was­ser. Dann steht er da, nackt, er lässt sich vom Wind trock­nen. Fe­li­ce ist 90 Jah­re alt – und das Bad in der Gum­pe ist sein täg­li­ches Ri­tu­al, von dem er auch im schnee­rei­chen Win­ter nicht lässt.

Schau­platz ist das Tes­sin, das Ble­nio­tal, das Dorf Leon­ti­ca. Ein Ich-er­zäh­ler, der na­men­los bleibt, mel­det sich auf der ers­te Sei­te zu Wort. Er hat Fe­li­ce ge­fragt, ob er ihn be­glei­ten dür­fe. Und das tut er fort­an: „Um ein biss­chen so zu le­ben wie er.“Es ist fast so, als be­glei­te ein Jün­ger sei­nen hei­li­gen Meis­ter und pro­to­kol­lie­re des­sen Wor­te und Ta­ten. Sonst pas­siert in dem Ro­man „Ta­ge mit Fe­li­ce“ei­gent­lich fast nichts. Je­den­falls nichts Spek­ta­ku­lä­res. So wie im Le­ben des Al­ten – das aber un­ge­mein er­füllt und ein­zig­ar­tig ist. Es ist ei­ne Fra­ge der Wahr­neh­mung und der Er­war­tun­gen.

Denn mit Fe­li­ce ler­nen wir ei­ne gan­ze Welt ken­nen: die klei­ne Ge­mein­schaft von Leon­ti­ca. Den Milch­bau­ern Sos­to. Emi­lio, der Ka­nin­chen züch­tet. Vit­to­ri­na, de­ren Mann Os­val­do bei der Wal­nuss­ern­te vom Baum fiel und sich das Ge­nick brach. Die ur­al­te Vio­la, so ei­ne Art Wun­der­hei­le­rin.

Die Wir­tin Can­di­da, die hoch­schwan­ge­re Bau­ers­frau Pao­li­na, den Ka­min­fe­ger Flo­ro, die Leh­re­rin Sa­bi­na . . .

In der Idyl­le aber le­ben sie nicht. Die Men­schen ha­ben ih­re Schick­sa­le. Fe­li­ce hält die­ses fra­gi­le Dorf­le­ben zu­sam­men, in der ein wild ge­wor­de­nes Maul­tier ein Er­eig­nis ist. Fe­li­ce fährt ei­nen zer­beul­ten Su­zu­ki, kauft ein, küm­mert sich für­sorg­lich um die Nach­barn – und liest die Zei­tung in der Bar. „Ich be­wun­de­re sei­ne Ru­he, sei­ne Ge­las­sen­heit. Er ver­zwei­felt nie. Noch nie ha­be ich ihn laut wer­den, noch nie flu­chen hö­ren. Ich ken­ne ihn nur hei­ter und zu­frie­den“, be­rich­tet der Er­zäh­ler ge­ra­de­zu neid­voll. Und kommt ins Nach­den­ken. „Ich set­ze mich und las­se den Blick um­her­wan­dern, sau­ge al­les in mich auf wie ein Lap­pen die Näs­se vom Bo­den.“Die­ser ent­schleu­ni­gen­de Ro­man mit sei­ner kar­gen, be­ob­ach­ten­den Spra­che liest sich wie ei­ne ein­zi­ge Me­di­ta­ti­on.

Fabio An­di­na (48) schrieb die­ses Buch, ein Schwei­zer, der un­weit von Lu­ga­no auf­ge­wach­sen ist, der auch mal in Ka­li­for­ni­en leb­te und sich für die Beat-poe­ten be­geis­ter­te. Sei­ne Fa­mi­lie be­sitzt schon seit ei­nem hal­ben Jahr­hun­dert ein Fe­ri­en­haus in Leon­ti­ca, er kann­te ei­nen Mann wie Fe­li­ce seit sei­ner frü­hen Kind­heit – wenn­gleich er dar­auf pocht, dass sein Buch „ein rein fik­tio­na­les Werk“sei. In der Schweiz hat der Ro­man Fu­ro­re ge­macht, ist preis­ge­krönt, die „Neue Zürcher Zei­tung“be­fand ihn als „so be­frei­end wie we­nig an­de­res in un­se­ren Ta­gen“.

Im Som­mer be­such­te „Spie­gel“-au­tor Wolf­gang Hö­bel den Ort des Ge­sche­hens und Fabio An­di­na. Leon­ti­ca sah aus wie ei­ne Geis­ter­sied­lung. Die Al­ten ster­ben, die Jun­gen zie­hen fort ins Tal, die Kli­ma­er­wär­mung be­droht den Ski-tou­ris­mus, und jetzt auch noch Co­ro­na. Er ha­be ei­nen kno­chen­har­ten Ro­man über den Zu­stand der Welt schrei­ben wol­len, sag­te An­di­na, „aber die Wär­me und Zärt­lich­keit von Fe­li­ce ha­ben da­für ge­sorgt, dass ein ganz an­de­res, sanf­tes Buch da­bei her­aus­ge­kom­men ist“.

Al­les fließt

Es ist ein wei­ser Ro­man über die Kunst des Le­bens. Je­den Tag ba­den Fe­li­ce und der Er­zäh­ler im Ge­birgs­bach, der in den Bren­no, den Ti­ci­no, den La­go Mag­gio­re, in den Po, in die Adria mün­det. Al­les fließt, al­le ge­hö­ren zu­sam­men. Es sei, schreibt An­di­na, als ob man sich „mit je­man­dem ver­eint füh­len kann, der ir­gend­wo in die­ses um die Welt krei­sen­de Was­ser ein­taucht“.

Foto: Jan Geerk

In den Ber­gen des Tes­sin spielt der Ro­man „Ta­ge mit Fe­li­ce“von Fabio An­di­na.

Foto: Ma­lik An­di­na

Der Schwei­zer Au­tor Fabio An­di­na.

Fabio An­di­na: Ta­ge mit Fe­li­ce. Über­setzt von Ka­rin Die­mer­ling. Rot­punkt­ver­lag, 240 Sei­ten, 24 Eu­ro.

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