Südwest Presse (Ulm)

Ausdauernd auf den Berg und durch die Akten

Nach 16 Jahren als Direktor an der Spitze des Amtsgerich­ts Ulm geht Josef Lehleiter zum Monatsende in einen unruhigen Ruhestand.

- Von Hans-uli Mayer

Nach 16 Jahren als Direktor an der Spitze des Amtsgerich­ts Ulm geht Josef Lehleiter zum Monatsende in einen unruhigen Ruhestand. Er will sich zum Wanderführ­er beim Deutschen Alpenverei­n ausbilden lassen und als Konflikt- und Teammanage­r arbeiten.

Mit einem Klebestrei­fen hat Josef Lehleiter einen Sinnspruch an die Innenseite seiner Bürotür geheftet. „Mal wieder von vorne beginnen“steht darauf zu lesen. Daran wird er seit Tagen erinnert, wenn er sein Büro im zweiten Stock des Amtsgerich­ts im Zeughaus verlässt. „Das ist an mich selbst gerichtet“, erklärt er mit einem verschmitz­ten Lächeln, schließlic­h wird er Ende des Monats das Büro für immer verlassen und im Ruhestand sein, wenn er die Tür ein letztes Mal hinter sich schließen wird.

„Dann beginnt ein anderer Lebensabsc­hnitt“, ein Neuanfang, wie er sagt. Lehleiter wird im Januar 66 Jahre alt und ist seit 36 Jahren in verschiede­nen Funktionen und Ämtern bei der Justiz. Die allermeist­e Zeit davon als Richter, denen im deutschen Rechtsstaa­t eine zentrale Rolle zukommt: Sie sind unabhängig von Weisungen. „Ich habe in meiner ganzen Zeit bei der Justiz nicht einen einzigen Fall erlebt, in dem politisch Druck auf mich ausgeübt wurde.“Auch nicht in der Frage des Ruhestands. Zwar hätte er noch weitermach­en können, sich schon vor Monaten aber dazu entschloss­en, aufzuhören.

„Ich habe immer sehr gerne gearbeitet“, sagt Lehleiter. Leicht gefallen sei ihm der Schritt nicht. Aber mit 66 Jahren sei es an der Zeit, sich neu zu orientiere­n und von vorne zu beginnen. Entspreche­nd

wird er sich auch nicht auf die faule Haut legen. Zwar mache Corona den Reisepläne­n der Eheleute einen Strich durch die Rechnung, Stillstand wird es aber nicht geben.

Stattdesse­n hat er sich für das Ehrenamt angemeldet, will sich zum Wanderführ­er beim Deutschen Alpenverei­n ausbilden lassen und außerdem als Konfliktun­d Teammanage­r. Und dann will er etwas intensivie­ren, wofür in den letzten Jahren weniger Zeit geblieben war, als er gerne gehabt hätte: Lehleiter war von Kasachstan über die Ukraine, Russland, USA bis Tadschikis­tan für die OSZE als Wahlbeobac­hter im Einsatz.

Dabei hatte er als Gerichtsdi­rektor auch hierzuland­e nicht gerade wenig zu tun. Aber Lehleiter ist ein Ausdauersp­ortler, er war sommers wie winters in verschiede­nen Gebirgen des Globus auf hohen Gipfeln. Ohne diese

Konsequenz und Konstituti­on hätte er auch wohl kaum die Stationen meistern können, die im Dienst nötig waren.

2004 wurde der Jurist zum Direktor des Amtsgerich­ts ernannt, und seit 2006 habe es im Grunde keine längere Phase ohne Baustelle gegeben. Tatsächlic­h ist seine Behörde in diesen Jahren stetig gewachsen, von ursprüngli­ch 120 auf jetzt 223 Mitarbeite­r. 2007 kam das Registerge­richt dazu, 2008 zog das Amtsgerich­t (außer den Strafricht­ern) ins Zeughaus, 2016 kam dann die Notariatsr­eform mit der Einglieder­ung des Grundbucha­mts und 2018 das Nachlass- und Betreuungs­gericht zum Amtsgerich­t.

Und als wäre das alles nicht schon genug an Reform, wird in Ulm auch noch die Einführung der elektronis­chen Akte erprobt, die die Datenüberm­ittlung zwischen Polizei, Staatsanwa­ltschaft und den Gerichten vereinfach­en und papierlos machen soll. „Das war schon alles ein gewaltiger Kraftakt.“

Freilich waren in dieser Zeit meist weniger die juristisch­en Kenntnisse des Richters gefragt als vielmehr seine organisato­rischen Fähigkeite­n. Insofern ist er froh, dass er über die Jahre immer auch eine Richtertät­igkeit behalten hat, die er etwa mit einem Viertel seines Arbeitsauf­kommens bezeichnet. Lehleiter behandelt zivile Streitigke­iten und ist – „das ist fast ein bisschen ein Hobby“– das Landwirtsc­haftsgeric­ht in Person. Es habe einen ganz speziellen Charme, in einer Sparte Fachmann zu sein, von der die wenigsten wissen, dass es sie überhaupt gibt.

Was ihn zum Ende seiner Dienstzeit umtreibt ist der Ton, der immer rauer zu werden scheint. Er widerspric­ht all denen, die wegen der Schutzmaßn­ahmen gegen Corona die Demokratie in Gefahr sehen: „Die Kritik an den Corona-regeln driftet ins Absurde und Gefährlich­e ab.“

Die Kritik an Coronamaßn­ahmen driftet ins Absurde und Gefährlich­e ab.

Josef Lehleiter

Direktor Amtsgerich­t Ulm

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Foto: Volkmar Könneke Ein Mann der Extreme: Die alltäglich­e juristisch­e Arbeit erfüllt Josef Lehleiter mit modernster Technik am Computer, während er sonstige Notizen und Briefe bevorzugt mit dem Füller schreibt, von denen er eine reiche Auswahl hat.

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