Südwest Presse (Ulm)

Winterwahl­kampf im Sommer

Eine Regenpause von mehreren Stunden nutzen die Parteien am Samstagvor­mittag zum Straßenwah­lkampf. Heiße Debatten kommen dabei nicht auf.

- Von Hans-uli Mayer

In einer Mischung aus Erleichter­ung und Sarkasmus hält Reinhold Sauter von der Partei Die Basis gegen elf Uhr fest: „Immerhin hat mich heute noch keiner einen Nazi genannt.“Die Basis ist aus der Querdenker­bewegung hervorgega­ngen und macht Wahlkampf, obwohl sie im Wahlkreis Ulm keinen eigenen Wahlvorsch­lag eingereich­t hat. Die Partei hat in der Bahnhofstr­aße ihren Info-stand aufgebaut, direkt neben Volt, der Partei, die für eine „neue Politik in einem neuen Europa“einsteht und den Nachbarn rechts liegen ließ.

Die politische Musik an diesem Samstagvor­mittag spielte aber die Hirschstra­ße 200 Meter weiter in Richtung Münsterpla­tz, wo traditione­ll die Parteien um Wählerstim­men werben. Wie am Schnürchen aufgereiht standen FDP, CDU, Grüne und SPD – später kam auch noch die Linke dazu –, was nicht nur ein recht unterschie­dliches Farbspiel präsentier­te, sondern durchaus unterschie­dliche Politiksti­le.

81 Jahre, aber nicht plemplem

Mittendrin Heidi Lehmann, die sich mit ihren 81 Jahren jedes Wochenende einen anderen Kandidaten „vornimmt“, wie sie sagt. Diesmal ist Marcel Emmerich von den Grünen an der Reihe, der ein dickes Lob dafür bekommt, dass er zu dieser Stunde der einzige Direktkand­idat einer Partei vor Ort ist. Emmerich vermittelt und mutmaßt, dass die anderen Kandidaten sicher irgendwo anders an einem Info-stand stehen. Das Fair Play bringt dem Grünen aber wenig, ohne Umschweife erklärt ihm die rüstige Rentnerin, dass sie ihn nicht wählen werde. Aber „den Lindner“kann sie ebenso wenig leiden, und von der örtlichen Cdu-kandidatin hält sie auch nichts. „Ich bin zwar alt, aber nicht plemplem“, sagt sie. Wer ihre Stimme bekommt, weiß sie noch nicht.

Währenddes­sen baut sich ein Mann mit Hund vor dem Cdustand auf und macht abfällige Bemerkunge­n über die Politiker, die alle nur „blabla“verzapften. Ohne ein Argument zu liefern oder sich dem Gespräch zu stellen, zieht er davon. „Von der Sorte gibt es leider immer auch welche“, sagt

Thomas Kienle von der CDU. Der überwiegen­de Teil aber diskutiere seriös. Die Themen gehen dabei wild durcheinan­der. Armin Laschet, behauptet beispielsw­eise ein Mann im gehobenen Mittelalte­r, könne es mit den Medien nicht so gut. Den Pullover fest in die Hose gestopft, glaubt er an Verschwöru­ngen in den Redaktions­stuben zulasten von Laschet.

Auf engstem Raum

Die Parteien sehen auf engstem Raum, Edgar Winter von der Eselsberg-cdu verteilt kräftig Flyer und drückt sie auch einem adrett gekleidete­n jungen Mann in die Hände, der freundlich erwidert: „Ich bin zwar bei der FDP, aber herzlichen Dank für den Flyer.“Unterm gelben Zeltdach vertritt Leon Genelin den Direktkand­idaten Alexander Kulitz, der im Ausland sei. Genelin war Landtagska­ndidat, und verglichen mit der Kampagne vom Frühjahr stellt er eine Ermüdung der Menschen

fest. „Die meisten wollen ihre Ruhe haben“, sagt er, als ein älterer Herr vorbeiflit­zt und den beiden jungen Wahlkämpfe­rn zuruft, auf gar keinen Fall eine Koalition mit der Linken einzugehen.

Die hatte ihren großen Auftritt bereits am Abend zuvor, als der Bundestags­abgeordnet­e Tobias Pflüger in der Hirschstra­ße vor Ort war und vor etwa einem Dutzend Zuhörer Militärein­sätze wie den in Afghanista­n scharf kritisiert­e. „Man darf kein Geld verdienen mit Waffen“, lautete einer seiner Kernsätze.

Den Wahlkämpfe­rn am Stand der SPD ist es ebenfalls zu frisch für heiße Diskussion­en. Ex-stadtrat Georgios Giannopoul­os verteilt fleißig Werbemater­ial, zu dem es bei der SPD Bonbons und Gummibärch­en gibt, während die Grünen „Nahrung fürs Hirn“verteilen – zwar noch grüne, aber knackig frische Äpfel. Die AFD war in der City nicht vertreten.

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Fotos: Matthias Kessler Dicht beieinande­r werben die Wahlkämpfe­r im Parteienec­k in der Hirschstra­ße um Unterstütz­ung. Die Temperatur­en waren aber zu frisch für heiße Debatten. Bis auf einzelne Beschimpfu­ngen ging es weitgehend gesittet zu.
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Grüne Mahnung am Nachmittag: Es gibt nur einen Planeten.

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