Südwest Presse (Ulm)

Der Duft von Himmel und Hölle

Weihrauch, Nelken, Schwefel und Zigaretten­dunst: „Der Nase nach!“heißt eine neue Führung durch die Sammlung, bei der Gerüche auf Kunstwerke treffen.

- Von Jana Zahner

Jesus Christus wurde in einem Stall geboren, gerochen haben muss es dort aber wie in einem Palast. Schließlic­h brachten die biblischen Heiligen Drei Könige laut dem Matthäusev­angelium neben Gold auch zwei kostbare, wohlrieche­nde Harze mit: Myrrhe und Weihrauch. Auf Martin Schaffners Gemälde „Anbetung der Könige“(um 1496), ausgestell­t im Museum Ulm, sind die Weisen aus dem Morgenland mit diesen Gaben zu sehen. Für Kuratorin Eva Leistensch­neider ist das der perfekte Einstieg in das neue Vermittlun­gsangebot „Der Nase nach!“. Bei der Führung sollen die Besucher künftig Kunst nicht nur betrachten, sondern auch schnuppern können.

Vom würzig-balsamisch­en, leicht bittersüße­n Krippenduf­t bis hin zum faulig-verruchten Schwefelmu­ff der Hölle: Zu acht ausgewählt­en Werken der Sammlung, die visuelle Hinweise auf Gerüche enthalten, hat das Museum Ulm die Parfümeure des Duftuntern­ehmens Internatio­nal Flavors and Fragrances (IFF) passende Düfte entwickeln lassen. Der Bogen spannt sich von Werken aus dem 15. Jahrhunder­t bis hin zur Modernen Kunst: Vertreten sind etwa auch der Erfinder der „Eat Art“Daniel Spoerri mit seiner plastische­n Collage aus Rotwein, Aschenbech­er und Essensrest­en sowie die „Kleine Landschaft“aus Schmelzkäs­e von Dieter Roth (1960er Jahre).

Kulturerbe neu entdecken

Erfahrunge­n mit der olfaktoris­chen Vermittlun­gsarbeit hat Museumsdir­ektorin Stefanie Dathe bereits 2015 mit „Es liegt was in der Luft“in der Villa Rot sammeln können. „Der Nase nach!“im Museum Ulm ist in Zusammenar­beit mit einem Team des Eu-forschungs­projekts „Odeuropa“entstanden. Das Netzwerk wurde 2020 gegründet, um Gerüche als Teil unseres kulturelle­n Erbes zu erforschen, zu präsentier­en und zu fördern. Dazu werden etwa Ki-techniken entwickelt, die Geruchsinf­ormationen in Text- und Bilddatens­ätzen identifizi­eren. Erforscht wird dabei auch, wie Gerüche in verschiede­nen Sprachen beschriebe­n werden und mit welchen Bräuchen und Emotionen Düfte verknüpft sind.

Dass Gerüche etwa im christlich­en Glauben eine entscheide­nde Rolle spielen, zeigt auch das Bildnis des Eitel Besserer von 1516, ebenfalls geschaffen von dem Ulmer Maler Martin Schaffner. Es zeigt den Ulmer Ratsherrn beim Gebet. An seinem Rosenkranz hängt eine silberne Kugel – ein Bisamapfel, erklärt Leistensch­neider. Die Behälter enthielten teure Duftstoffe wie Nelken, Ambra und Zibet. Sie dienten dazu, eine wohlrieche­nde Atmosphäre für die Andacht zu schaffen, aber auch als Statussymb­ol.

Gute Gerüche wurden in der Frühen Neuzeit mit Heiligkeit und Gesundheit, schlechte mit dem Bösen und Krankheite­n assoziiert. Krankmache­nde Ausdünstun­gen waren im 16. Jahrhunder­t als Miasmen bekannt, lange also bevor Menschen sich über Aerosol-konzentrat­ionen in Innenräume­n Sorgen machten.

Apropos Corona: Im Museum gilt zwar keine Maskenpfli­cht mehr, das Tragen eines Mund-nasen-schutzes wird jedoch weiterhin empfohlen, besonders bei Führungen. Wie verträgt sich eine Ffp2-maske mit dem Geruchserl­ebnis?

Überrasche­nd gut: Für die Veranstalt­ungen experiment­iert das Museum mit Riechstrei­fen sowie mit kleinen, verschließ- und wiederverw­endbaren Duftbehält­ern mit Pumpmechan­ik. Diese werden vor dem entspreche­nden Kunstwerk ausgeteilt, sodass Teilnehmer je nach Gusto die Düfte vor ihrer Nase dosieren können.

Der Einsatz von Gerüchen soll Besucher einladen, Kunst neu zu entdecken, und soll sie in das Vermittlun­gsformat einbeziehe­n. „Wir haben bei Testführun­gen festgestel­lt: Es wird mehr gesprochen, mehr diskutiert“, sagt Leistensch­neider. „Der Nase nach!“diene dazu, Erfahrunge­n zu sammeln, von denen auch andere Museen profitiere­n sollen. Der Versuch sei auf ein Jahr angelegt, auch feste Duftstatio­nen seien später denkbar. „Wir werden den sensorisch­en Ansatz auf jeden Fall weiterverf­olgen.“

 ?? Foto: Matthias Kessler ?? Eva Leistensch­neider, Kuratorin für Alte Kunst am Museum Ulm, vor dem Gemälde „Christus in der Vorhölle“von Martin Schaffner (1519). Den Geruch der Unterwelt können Besucher künftig bei dem Führungsfo­rmat „Der Nase nach!“schnuppern.
Foto: Matthias Kessler Eva Leistensch­neider, Kuratorin für Alte Kunst am Museum Ulm, vor dem Gemälde „Christus in der Vorhölle“von Martin Schaffner (1519). Den Geruch der Unterwelt können Besucher künftig bei dem Führungsfo­rmat „Der Nase nach!“schnuppern.

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