Mos­kau weist Vor­wurf der Cy­ber­at­ta­cke zu­rück

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - VORDERSEITE - Von mau­ri­ti­us much, han­nes mun­zin­ger und bas­ti­an ober­may­er

(SZ) Buch­ti­tel sol­len bün­dig sein, In­ter­es­se we­cken, den Le­ser ins Werk hin­ein­zie­hen. Oft ist der Ti­tel schon lang vor dem Werk da. In die­sem Fall mel­det man Ti­tel­schutz nach dem Mar­ken­ge­setz an, dann hat kein an­de­rer mehr Zu­griff auf das klei­ne Wun­der­werk. An die­sem Mon­tag wur­den Ti­tel wie „Ya­ka­ri Wei­ße Pfo­te“, „lu­ther.heu­te“und „Be­herz­te Frei­heit“ge­schützt, au­ßer­dem der wahr­haft ham­mer­mä­ßi­ge Ti­tel „Am­sel, Dros­sel, Star und Fink ma­chen un­ser Den­ken flink“. Hät­te es zu Il­ja Eh­ren­burgs Zeit schon sol­che Mög­lich­kei­ten ge­ge­ben, hät­te er Schutz für den Ro­man­ti­tel „Die un­ge­wöhn­li­chen Aben­teu­er des Ju­lio Ju­reni­to und sei­ner Jün­ger: Mon­sieur Del­haye, Karl Schmidt, Mis­ter Cool, Ale­xei Tischin, Er­co­le Bam­buc­ci, Il­ja Eh­ren­burg und des Ne­gers Ay­scha in den Ta­gen des Frie­dens, des Krie­ges und der Re­vo­lu­ti­on in Pa­ris, Me­xi­ko, Rom, in Se­ne­gal, in Ki­ne­schma, Mos­kau und an an­de­ren Or­ten, eben­so ver­schie­de­ne Ur­tei­le des Meis­ters über Pfei­fen, über den Tod, über die Lie­be, über die Frei­heit, über das Schach­spiel, das Volk der Ju­den, Kon­struk­tio­nen und ei­ni­ge an­de­re Din­ge“be­an­spru­chen kön­nen, und al­le hät­ten ge­sagt: Mann, wie bün­dig, das zieht ei­nen ja mäch­tig hin­ein!

Dass auch bei Lie­dern Ti­tel und Inhalt auf­ein­an­der be­zo­gen sind, ha­ben vie­le von uns im­mer schon ver­mu­tet. Die­se An­nah­me wur­de nun an der TU Ber­lin und am Golds­miths Col­le­ge der Uni­ver­si­ty of Lon­don be­stä­tigt. Grob ge­sagt sieht es so aus, als hät­ten Ti­tel er­heb­li­chen Ein­fluss dar­auf, wie die ih­nen fol­gen­den Lie­der wahr­ge­nom­men wer­den. Man kann da­zu ein Bei­spiel kon­stru­ie­ren. Dass uns Goe­thes Ge­dicht „Sah ein Kn­ab’ ein Rös­lein stehn“, sei­ne Ver­to­nun­gen ein­ge­schlos­sen, der­art trau­lich, ja her­zin­nig ent­ge­gen­tritt, hängt we­sent­lich da­mit zu­sam­men, dass es den trau­li­chen, ja her­zin­ni­gen Ti­tel „Hei­der­ös­lein“trägt. Hät­te Goe­the, und sei es nur im Scherz, „Wahr­haff­ti­ge und er­schröck­li­che Epopöe von dem Kn­a­ben, der eyn Rös­lein brach und bös ge­sto­chen ward“über sein Ge­dicht ge­schrie­ben, hät­ten al­le, Schu­bert vor­ne­weg, ge­sagt: Mann, das zieht ei­nen aber über­haupt nicht hin­ein!

Der Kom­plex „Das Bild und sein Ti­tel“harrt noch der Er­hel­lung. Da­bei geht es we­ni­ger um Ge­mäl­de, die et­wa „Alm­ab­trieb bei Hin­de­lang“hei­ßen und auch den Alm­ab­trieb bei Hin­de­lang zei­gen, als viel­mehr um sol­che, die zwar den Alm­ab­trieb bei Hin­de­lang zei­gen, aber „Ab­strac­tion IV“, „Free in Mind“oder „Oh­ne Ti­tel“hei­ßen. Für Kunst­freun­de al­ten Zu­schnitts ist das oft schwer zu ver­ste­hen, und sie zer­grü­beln sich den Kopf, wie­so ein Ge­mäl­de „Oh­ne Ti­tel“ge­nannt wird, ob­wohl dar­auf doch der Alm­ab­trieb bei Hin­de­lang zu se­hen ist. Frus­triert ge­hen sie in den nächs­ten Saal, wo Ru­bens’ „Höl­len­sturz der Ver­damm­ten“hängt. Sie beu­gen sich zum Schild und le­sen dar­auf „Höl­len­sturz der Ver­damm­ten“als Ti­tel. „Na, geht doch“, mur­meln sie zu­frie­den in sich hin­ein. Mün­chen – Trotz mas­si­ven po­li­ti­schen Drucks aus der Eu­ro­päi­schen Uni­on ist die mal­te­si­sche Po­li­zei auch ein hal­bes Jahr nach dem Mord an der Jour­na­lis­tin Daph­ne Ca­rua­na Ga­li­zia noch im­mer nicht Spuren nach­ge­gan­gen, die auf die Ver­wick­lun­gen von Spit­zen­po­li­ti­kern und Be­hör­den des Lan­des hin­deu­ten. Nach Er­kennt­nis­sen der SZ wur­de bis­her kei­ner der Po­li­ti­ker ver­nom­men, mit de­nen sich Daph­ne Ca­rua­na Ga­li­zia in den Mo­na­ten vor ih­rem Tod er­bit­ter­te Aus­ein­an­der­set­zun­gen lie­fer­te; sie hat­te et­wa im Zu­ge der Pa­na­maPa­pers-Af­fä­re Ka­bi­netts­mit­glie­dern Be­stech­lich­keit und mo­ra­li­sche Ver­feh­lun­gen vor­ge­wor­fen und so­gar der Frau des Pre­miers ei­ne heim­li­che Pa­na­ma-Fir­ma zu­ge­schrie­ben. In­zwi­schen mel­de­ten sich nach SZ-In­for­ma­tio­nen Zeu­gen, die Wirt­schafts­mi­nis­ter Chris­ti­an Car­do­na mit ei­nem der mut­maß­li­chen Mör­der ge­se­hen ha­ben wol­len.

Ei­ne Qu­el­le mit de­tail­lier­ten Kennt­nis­sen über den Er­mitt­lungs­stand sag­te, die Er­mitt­ler ver­folg­ten un­ver­än­dert die The­se, dass die Draht­zie­her des An­schlags in der or­ga­ni­sier­ten Kri­mi­na­li­tät zu su­chen sei­en. Die Fa­mi­lie der Jour­na­lis­tin zieht das in Zwei­fel, sie ver­weist dar­auf, dass Ca­rua­na Ga­li­zia kaum in die­sem Be­reich re­cher­chiert ha­be.

Be­reits sechs Wo­chen nach dem Mord in­haf­tier­te die Po­li­zei drei Tat­ver­däch­ti­ge. Sie geht da­von aus, dass es sich um Auf­trags­mör­der han­delt. Die SZ hat nun er­fah­ren, dass die drei Män­ner wohl vor ih­rer be­vor­ste­hen­den Ver­haf­tung ge­warnt wur­den. Of­fen­bar gab es ein Leck in ei­ner Be­hör­de. Da­mit steht die Er­mitt­lung ins­ge­samt in kei­nem be­son­ders gu­ten Licht.

Als Daph­ne Ca­rua­na Ga­li­zia am 16. Ok­to­ber 2017 ge­tö­tet wur­de, ver­ur­teil­te Mal­tas Pre­mier Jo­seph Mu­s­cat, den die Er­mor­de­te in ih­ren Tex­ten hart an­ge­grif­fen hat­te, die Tat als „bar­ba­ri­schen An­griff auf die Pres­se­frei­heit“. Er wer­de nicht lo­cker las­sen, bis der Mord ge­klärt sei. Er füg­te hin­zu: „Wir wer­den je­den St­ein um­dre­hen.“

Die Po­li­zei aber ver­folgt auch nicht den bri­san­ten Hin­weis auf mög­li­che Kon­tak­te von Wirt­schafts­mi­nis­ter Car­do­na zu den mut­maß­li­chen Tä­tern – ob­wohl die­se In­for­ma­ti­on

Mi­nis­ter Car­do­na spricht von „halt­lo­sen Ge­rüch­ten und Spe­ku­la­tio­nen“. Er kön­ne sich an kein Ge­spräch mit ei­nem der Ver­däch­ti­gen er­in­nern, es ha­be „de­fi­ni­tiv kei­ne Ver­ab­re­dung“mit ih­nen ge­ge­ben.

Bis­lang be­schränkt sich die Po­li­zei bei ih­ren Er­mitt­lun­gen vor al­lem auf das Um­feld der Ver­haf­te­ten. Ein Ex­per­ten­team des FBI hat­te aus Mo­bil­funk­da­ten Be­we­gungs­pro­fi­le der mut­maß­li­chen Tä­ter er­stellt – dar­auf stützt sich die Er­mitt­lung maß­geb­lich. Ein Ver­däch­ti­ger soll die töd­li­che Bom­be per SMS ge­zün­det ha­ben. Der mal­te­si­sche Ge­heim­dienst hat­te des­sen Te­le­fon be­reits vor dem Mord ab­ge­hört, weil er in ein an­de­res Ver­bre­chen ver­wi­ckelt ge­we­sen sein soll. Kei­ner der Män­ner hat sich zu den Vor­wür­fen ge­äu­ßert.

Die­se neu­en Er­kennt­nis­se ent­stam­men dem so­ge­nann­ten Daph­ne Pro­jekt, ei­ner in­ter­na­tio­na­len Re­cher­che von 18 Me­di­en­or­ga­ni­sa­tio­nen, ge­lei­tet von der ge­mein­nüt­zi­gen Re­cher­che­platt­form „For­bid­den Sto­ries“. Zu den Me­di­en, mit de­nen die SZ ko­ope­riert, ge­hö­ren die New York Ti­mes, der Guar­di­an, Reu­ters und La Re­pubb­li­ca ,in Deutsch­land die Zeit, NDR und WDR.

Ein wei­te­res Pro­blem für die Er­mitt­ler ist das Miss­trau­en der Fa­mi­lie der Jour­na­lis­tin – die so oft über staat­li­che Kor­rup­ti­on in Mal­ta be­rich­tet hat­te. Die Hin­ter­blie­be­nen wei­gern sich, den Ar­beits­lap­top des Op­fers der Po­li­zei zu über­ge­ben. „Daph­ne hät­te ih­ren Lap­top nie­mals aus­ge­hän­digt“, sag­te ih­re Schwes­ter der SZ, lie­ber hät­te sie ihn in ei­nen Brun­nen ge­wor­fen. „Sie woll­te im­mer ih­re Qu­el­len schüt­zen.“Dar­an wol­le die Fa­mi­lie auch nach Ca­rua­na Ga­li­zi­as Tod fest­hal­ten. Mos­kau – Russ­land hat Vor­wür­fe der USA und Groß­bri­tan­ni­ens zu­rück­ge­wie­sen, wo­nach es ei­ne welt­wei­te Cy­ber­at­ta­cke be­treibt. Prä­si­di­al­amts­spre­cher Dmi­trij Pes­kow sag­te am Di­ens­tag, er wis­se nicht, wor­auf die­se Vor­wür­fe be­ruh­ten. Lon­don und Wa­shing­ton hat­ten in der Nacht auf Di­ens­tag er­klärt, rus­si­sche Ha­cker hät­ten seit ei­nem Jahr in gro­ßem Stil Netz­wer­k­rou­ter und an­de­re In­ter­net­ge­rä­te mit Schad­soft­ware in­fi­ziert.

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