Ju­gend­li­che oh­ne Aus­bil­dung

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - THEMA DES TAGES - In­ter­view: la­ris­sa holz­ki

SZ: Herr Na­j­med­din, Sie sind als 16-Jäh­ri­ger al­lein aus dem Irak ge­flo­hen, kein leich­ter Start in das Be­rufs­le­ben. Wie ha­ben Sie es zum Ge­schäfts­mann ge­bracht?

Wagdi Na­j­med­din: Als Kind muss­te ich im­mer mit dem Ri­si­ko le­ben. Das nützt mir im Ge­schäfts­le­ben: Ich be­kom­me kei­ne kal­ten Fü­ße bei 20 000 Eu­ro Miet­kos­ten für ei­ne La­den­flä­che.

Aber Sie ha­ben nicht mal ei­ne klas­si­sche Aus­bil­dung. Die­ses Durch­hal­te­ver­mö­gen fehlt vie­len Ju­gend­li­chen. War­um bre­chen sie die Leh­re häu­fig ab?

Weil vie­le nicht ver­stan­den ha­ben, wo­rum es in die­sem Le­bens­ab­schnitt geht. Sie sol­len sich schnell ei­nen Aus­bil­dungs­platz su­chen – da­mit sie nicht in ir­gend­ei­ner Maß­nah­me lan­den. Al­so sind sie ein­fach froh, wenn sie ir­gend­wo rein­rut­schen.

Hilft denn das Prak­ti­kum in der Schul­zeit nicht bei der Ori­en­tie­rung? Of­fen­bar neh­men vie­le Be­trie­be lie­ber deut­sche Ju­gend­li­che als Be­wer­ber aus Zu­wan­de­rer­fa­mi­li­en. Kön­nen Sie sich das er­klä­ren?

Wenn Sie ei­nem Deut­schen sa­gen, was er ma­chen soll, wird er ge­nau das ma­chen. Das ist ein­fach für den Ar­beit­ge­ber. Deut­sche kön­nen Sie an die Kas­se stel­len, die Wa­re­n­an­nah­me und Lie­fer­schein­kon­trol­le ma­chen las­sen, das kön­nen die su­per.

Wol­len Sie da­mit sa­gen, auf Mi­gran­ten ist we­ni­ger Ver­lass?

Sie sind ten­den­zi­ell nicht so kon­stant, aber das ho­len sie wie­der raus. Ich ha­be im­mer wie­der Mit­ar­bei­ter aus Zu­wan­de­rer­fa­mi­li­en. Sie sind oft herz­li­cher, en­ga­gier­ter, da ge­ben die Kun­den auch mal 400 Eu­ro für Kla­mot­ten aus. Bei Re­kla­ma­tio­nen ha­be ich lie­ber ei­nen Süd­län­der: Der kann ver­mit­teln, dass er den Kun­den ver­steht, wir aber auch nicht je­de Je­ans zu­rück­neh­men kön­nen. Und wenn die Deut­schen pünkt­lich zur Ar­beit kom­men, dann zie­hen sie auch um 19.59 Uhr schon die Ja­cke an. Die tür­kisch­stäm­mi­ge Mit­ar­bei­te­rin bleibt eher mal bis vier­tel nach acht, wenn ei­ne Kun­din noch et­was an­pro­bie­ren will. Im Ver­kauf braucht man bei­des.

Wo­von ma­chen Sie ab­hän­gig, ob Sie ei­nen Aus­zu­bil­den­den neh­men?

Ein Ver­käu­fer muss Em­pa­thie für den Kun­den ha­ben – ihn wahr­neh­men, will­kom­men hei­ßen, Be­ra­tung an­bie­ten, oh­ne auf­dring­lich zu sein. Man braucht das Selbst­be­wusst­sein, ein Nein zu ak­zep­tie­ren. Was ich oft se­he: Der Kun­de läuft nach Sü­den, der Prak­ti­kant nach Nor­den. Ganz ehr­lich: Im letz­ten Jahr ha­be ich kei­nen ge­nom­men. Den Ju­gend­li­chen fehlt es an Per­sön­lich­keit. Da müss­ten die Schu­len mehr tun.

Wie könn­te die Schu­le die Ju­gend­li­chen bes­ser vor­be­rei­ten?

Leh­rer müss­ten viel mehr mit den Schü­lern dar­über spre­chen: Was wird von mir er­war­tet, wenn ich aus der Schu­le kom­me? Wo­rum geht es im nächs­ten Le­vel des Le­bens? Die Schü­ler brau­chen Coa­ching: Kör­per­spra­che, Aus­druck, Mi­mik. Da sind die Ju­gend­li­chen mit Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund oft im Nach­teil. Deut­sche Ju­gend­li­che ha­ben häu­fi­ger das Glück, zu Hau­se un­ter­neh­me­risch den­ken­de Vor­bil­der zu ha­ben. Wenn ich El­tern ha­be, die nie et­was ge­lernt ha­ben, die nur ar­bei­ten, fern­se­hen, schla­fen, wie­der auf­ste­hen, da ent­wick­le ich kei­ne Per­sön­lich­keit, kein Selbst­wert­ge­fühl.

Was kön­nen die Be­trie­be bes­ser ma­chen?

Oft räu­men die Prak­ti­kan­ten nur das La­ger auf und put­zen Re­ga­le. Das bringt nichts. Sie müs­sen die glei­che Ar­beit wie die Azu­bis ma­chen, um ent­schei­den zu kön­nen, ob der Beruf zu ih­nen passt. Sonst hän­gen die Mäd­chen wei­ter der Il­lu­si­on an: Ver­käu­fe­rin zu sein be­deu­tet, ich kann den gan­zen Tag rum­ste­hen und Mu­sik hö­ren.

FO­TO: PRI­VAT

Wagdi Na­j­med­din, 41, führt in Augs­burg drei Mo­de­ge­schäf­te. Als Ju­gend­li­cher ist er aus dem Irak ge­flo­hen und kam als Asyl­be­wer­ber nach Deutsch­land. Seit sie­ben Jah­ren bil­det er Ver­käu­fer und Ein­zel­han­dels­kauf­leu­te aus.

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