Zwi­schen Leim­topf und Sä­ge­spä­nen

Der Bun­des­prä­si­dent und sei­ne Frau be­su­chen ge­zielt Be­rufs­schu­len und Aus­bil­dungs­be­trie­be. Das hat ei­nen po­li­ti­schen Hin­ter­grund – und ei­nen per­sön­li­chen

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - THEMA DES TAGES - Chris­ti­an gschwendt­ner

Ein Zu­fall ist die­ser Auf­tritt nicht. Eben­so we­nig, dass an­statt des Bun­des­prä­si­den­ten, wie man es viel­leicht er­war­ten könn­te, nun sei­ne Frau spricht. Da­für gibt es Grün­de, und im Bun­des­prä­si­di­al­amt dürf­ten sie sich die ziem­lich ge­nau über­legt ha­ben.

El­ke Bü­den­be­n­der je­den­falls hält an die­sem Mon­tag­abend die Er­öff­nungs­re­de beim Tref­fen des Ber­li­ner Ho­tel- und Gast­stät­ten­ver­bands. Es ist der Auf­takt ei­ner klei­nen Deutsch­land­tour­nee. Das First Coup­le hat sich vor­ge­nom­men, in den kom­men­den Ta­gen Be­rufs­schu­len und Aus­bil­dungs­be­trie­be im gan­zen Land zu be­su­chen. Sie lobt an die­sem Abend, fast möch­te man sa­gen, wie es sich für ei­nen Bun­des­prä­si­den­ten ge­ziemt, die ho­hen Aus­bil­dungs­stan­dards in Deutsch­land.

The­ma und Rol­len­wech­sel sind be­wusst ge­wählt: Im Schloss Bel­le­vue will man den Prä­si­den­ten in ein neu­es Licht rü­cken. St­ein­mei­er hat die gro­ße Ko­ali­ti­on er­folg­reich ins Amt ge­hievt und da­für viel Ap­plaus be­kom­men. Aus ei­nem bis da­hin eher un­auf­fäl­li­gen Bun­des­prä­si­den­ten wur­de plötz­lich ein Schwer­ge­wicht. Doch das Pro­blem ist: Ge­nau die bis­her größ­te Leis­tung sei­ner Amts­zeit könn­te St­ein­mei­er auf die Fü­ße fal­len, näm­lich dann, wenn sich die gro­ße Ko­ali­ti­on im Re­gie­rungs­klein­klein ver­lie­ren soll­te – wo­für es nun ein­mal An­zei­chen gibt. Des­halb soll recht­zei­tig ein neu­es, po­li­tisch vi­ru­len­tes The­ma be­setzt wer­den. Und zu­dem könn­te der Prä­si­dent da­bei auch noch ein biss­chen mensch­lich nah­ba­rer wir­ken. Da­bei soll ihm sei­ne Frau be­hilf­lich sein.

Wie St­ein­mei­er stammt El­ke Bü­den­be­n­der aus ei­ner Tisch­ler­fa­mi­lie. Die bei­den ha­ben das vor we­ni­gen Ta­gen in ei­nem ge­mein­sa­men Face­book-Vi­deo her­aus­ge­stellt. Man sieht St­ein­mei­er, der sonst sel­ten Pri­va­tes preis­gibt, auf ei­nem So­fa im Schloss Bel­le­vue sit­zen und aus sei­ner Stu­di­en­zeit be­rich­ten. Zum Bei­spiel, dass er in den Se­mes­ter­fe­ri­en in ei­ner Mö­bel­fa­brik Schrän­ke zu­sam­men­ge­schraubt ha­be. So­gar an die Maß­ein­hei­ten kann er sich noch er­in­nern: drei auf 3,50 Me­ter. Den Ge­ruch von Leim und Sä­ge­spä­nen ha­be er noch im­mer ger­ne in der Na­se, gesteht der Bun­des­prä­si­dent. Am En­de des Vi­de­os sagt El­ke Bü­den­be­n­der ei­nen Satz, den man ir­gend­wie schon öf­ters ge­hört hat: „Bil­dungs­ge­rech­tig­keit ha­ben wir dann, wenn nicht nur die Ar­bei­ter­kin­der auf die Unis kom­men, son­dern auch Aka­de­mi­ker­kin­der die be­ruf­li­che Aus­bil­dung wäh­len.“

Die Lehr­lin­ge dad­deln lie­ber auf ih­ren Han­dys, an­statt der Frau des Prä­si­den­ten zu­zu­hö­ren

Am Mon­tag in­des will der Satz nicht so recht zün­den. Es ist kein leich­ter Ter­min, den Bü­den­be­n­der vor dem Gast­stät­ten­ver­band zu er­le­di­gen hat. Die Lehr­lin­ge dad­deln auf ih­ren Smart­pho­nes her­um an­statt zu­zu­hö­ren. Und dann sitzt auch noch die neue Bil­dungs­mi­nis­te­rin An­ja Kar­lic­zek (CDU) bei der an­schlie­ßen­den Dis­kus­si­on mit auf dem Podium. Sie hat ei­nen Start­vor­teil, weil sie selbst ein­mal im Ho­tel­ge­wer­be ge­ar­bei­tet hat. Kar­lic­zek kennt die un­at­trak­ti­ven Ar­beits­zei­ten, die rau­en Um­gangs­for­men. Sie wis­se, sagt sie, dass es da mal leicht Stress ge­be. Aber sie ha­be da ein Er­folgs­re­zept: nach der Schicht zu­sam­men ei­ne Co­la oder ein Bier trin­ken – und dann Schwamm drü­ber. Den Lehr­lin­gen ge­fällt das.

Auch im Ko­ali­ti­ons­ver­trag spielt das The­ma be­ruf­li­che Bil­dung be­kannt­lich ei­ne wich­ti­ge Rol­le. Im Bun­des­prä­si­di­al­amt hat man an­geb­lich trotz­dem kei­ne Angst, dass das The­ma par­tei­po­li­tisch ge­ka­pert wer­den könn­te. Es heißt, Kar­lic­zek sei ver­gan­ge­ne Wo­che ex­tra im Schloss Bel­le­vue ge­we­sen – für die „Fein­ab­stim­mung“.

St­ein­mei­er hat es mit sei­nem Auf­tritt am Di­ens­tag­mor­gen leich­ter. In der Ber­li­ner Hand­werks­kam­mer spricht er vor Be­rufs­schul­aus­bil­dern. Auch da wird er per­sön­lich,

St­ein­mei­er mahnt ei­ne bes­se­re Ba­lan­ce zwi­schen be­ruf­li­cher und aka­de­mi­scher Aus­bil­dung an

Meis­ter für ih­re Wei­ter­bil­dung so tief in die Ta­sche grei­fen müss­ten. Ne­ben ihm steht da ei­ne jun­ge Frau. Sie wird bald die Aus­bil­dung zur Elek­tri­ke­rin ab­schlie­ßen – und dann Phy­sik und Ma­the stu­die­ren. Und ein wei­te­res The­ma, das er­heb­lich an Bri­sanz ge­win­nen dürf­te, streift der Prä­si­dent: Jun­ge Flücht­lin­ge, sagt er, mah­nend, war­nend, viel­leicht auch bei­des, kön­ne man am En­de nur über Ar­beit in­te­grie­ren.

Nach sei­ner Re­de wer­den St­ein­mei­er und Bü­den­be­n­der durch die Aus­bil­dungs­räu­me der Hand­werks­kam­mer ge­führt. Sie spre­chen mit Zahn­tech­ni­ke­rin­nen und zwei Flücht­lin­gen aus Sy­ri­en. Be­vor sie die Tisch­ler­werk­statt be­tre­ten, schal­tet der Aus­bil­dungs­chef schnell die Sä­ge­ma­schi­ne ein. Viel­leicht da­mit es mög­lichst echt an­hört, wenn die Fo­to­gra­fen ih­re Bil­der ma­chen.

FO­TO: KUMM/DPA

„Ach­tung, der Bun­des­prä­si­dent“: Frank-Wal­ter St­ein­mei­er und sei­ne Frau El­ke Bü­den­be­n­der beim Be­such ei­ner Meis­ter­schu­le für Tisch­ler in Ber­lin. ein we­nig je­den­falls. Er er­zählt, wie sehr ihm das The­ma am Her­zen lie­ge. Al­le ni­ckend wis­send – viel­leicht...

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