Du bist schon tot

Mos­kaus Ge­heim­diens­te ha­ben im­mer wie­der Jagd auf Geg­ner im Aus­land ge­macht, nicht erst, seit Alex­an­der Lit­wi­nen­ko 2006 im Lon­do­ner „Mill­en­ni­um May­fair“-Ho­tel Po­lo­ni­um in den Tee ge­rührt wur­de. Im­mer Teil des Pro­ze­de­res: Angst­ver­brei­tung plus Leug­nung

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - DIE SEITE DREI - Von ju­li­an hans

Auf den Tag ge­nau vier Wo­chen sind ver­gan­gen, seit der ehe­ma­li­ge Dop­pel­spi­on Ser­gej Skri­pal und sei­ne Toch­ter Ju­lia zu­ckend auf ei­ner Park­bank ge­fun­den wur­den, als die Spre­che­rin des rus­si­schen Au­ßen­mi­nis­te­ri­ums das Au­gen­merk der Welt­öf­fent­lich­keit auf ein De­tail lenkt, das bis­her völ­lig über­se­hen wur­de: die Meer­schwein­chen. Aus si­che­rer Qu­el­le wis­se sie, dass Tie­re im Haus­halt der Skri­pals im eng­li­schen Sa­lis­bu­ry ge­lebt hät­ten. „Wo sind sie jetzt?“, fragt Ma­ria Sacha­ro­wa in schar­fem Ton. „Wo sind die Tie­re? Wie geht es ih­nen? War­um ver­heim­licht die bri­ti­sche Sei­te so wich­ti­ge Tat­sa­chen?“

Wie je­den Mitt­woch hat Sacha­ro­wa zur Pres­se­kon­fe­renz an den Smo­lens­ker Platz ge­la­den. Hoch über dem Ufer der Mo­skwa re­si­diert das Au­ßen­mi­nis­te­ri­um in ei­nem der mo­nu­men­ta­len Hoch­hau­stür­me im Zu­cker­bä­cker­stil, die Sta­lin der Haupt­stadt hin­ter­las­sen hat. Seit Sacha­ro­wa 2015 den Pos­ten über­nahm, herrscht hier ein neu­er Ton. Wenn die 42-Jäh­ri­ge an das Ple­xi­gla­s­pult im Kon­fe­renz­saal tritt, zie­hen Kor­re­spon­den­ten west­li­cher Me­di­en im Saal die Köp­fe ein. Sacha­ro­wa be­gnügt sich nicht da­mit zu in­for­mie­ren und zu er­klä­ren. Sie ist hier, um dem Wes­ten und sei­nen La­kai­en die Le­vi­ten zu le­sen. Die saf­tigs­ten Mo­men­te ih­rer Auf­trit­te wer­den als Vi­deo­schnip­sel in so­zia­len Netz­wer­ken ver­brei­tet.

Seit Wo­chen krie­gen vor al­lem die Bri­ten ihr Fett weg, die „ei­ne bei­spiel­lo­se Des­in­for­ma­ti­ons­kam­pa­gne“be­trie­ben, um ei­ne russo­pho­be Stim­mung zu schü­ren, Prä­si­dent Wla­di­mir Pu­tin zu scha­den, Russ­land die Fuß­ball-WM ma­dig zu ma­chen und von den ei­ge­nen Pro­ble­men mit dem Br­ex­it ab­zu­len­ken. Da­bei, so der schreck­li­che Ver­dacht, ge­hen sie nicht nur über Lei­chen, son­dern ma­chen noch nicht ein­mal vor un­schul­di­gen Haus­tie­ren halt.

Am nächs­ten Tag bringt auch der rus­si­sche UN-Ver­tre­ter bei ei­ner Sit­zung des Si­cher­heits­rats die Meer­schwein­chen zur Spra­che. Dann steht es in al­len Me­di­en: Die Meer­schwein­chen sei­en tot, muss die bri­ti­sche Um­welt­be­hör­de ein­räu­men. Auch ei­ne Kat­ze muss­te ein­ge­schlä­fert wer­den. Und Sacha­ro­wa legt nach: Die Bri­ten hät­ten „wich­ti­ge Zeu­gen“be­sei­tigt. Es hät­te un­ter­sucht wer­den müs­sen, ob sich auch in den Kör­pern der Tie­re Spuren des Gif­tes fin­den, schreibt sie auf Face­book.

Wer es schafft, nach ei­nem ver­such­ten Mord mit che­mi­schen Kampf­stof­fen die Öf­fent­lich­keit, die Be­hör­den und den Welt­si­cher­heits­rat mit dem Schicksal von Meer­schwein­chen zu be­schäf­ti­gen, dem muss man zu­ge­ste­hen, dass er es meis­ter­haft ver­steht, die Agen­da zu be­stim­men. Nir­gends geht das so ein­fach wie im ei­ge­nen Land, wo der Staat al­le lan­des­wei­ten TV-Sen­der kon­trol­liert und das Fern­se­hen das Bild der Men­schen von der Welt prägt.

Die Nach­richt von dem Gift­an­schlag am 4. März im bri­ti­schen Sa­lis­bu­ry geht ge­ra­de um die Welt, als der Mo­de­ra­tor der Nach­rich­ten­sen­dung „Wrem­ja“im staat­li­chen Ers­ten Ka­nal ei­ne deut­li­che War­nung aus­spricht. Er wün­sche nie­man­dem den Tod. Aber „aus rein päd­ago­gi­scher Ab­sicht“wol­le er al­le war­nen, die von ei­ner ver­gleich­ba­ren Kar­rie­re träum­ten: „Der Beruf des Ver­rä­ters ist ei­ner der ge­fähr­lichs­ten der Welt.“Kaum ei­nem sei es ver­gönnt, ei­nen ru­hi­gen Le­bens­abend zu ge­nie­ßen. „Va­ter­lands­ver­rä­ter“so­wie „al­le, die ein­fach in ih­rer Frei­zeit ihr Hei­mat­land has­sen“, soll­ten sich bes­ser nicht in En­g­land nie­der­las­sen: „Ir­gend­et­was stimmt da nicht. Viel­leicht liegt es am Kli­ma.“In den ver­gan­ge­nen Jah­ren ha­be es dort zu vie­le rät­sel­haf­te Er­eig­nis­se mit schlech­tem Aus­gang ge­ge­ben: „Leu­te er­hän­gen sich, ver­gif­ten sich, stür­zen mit Hub­schrau­bern ab oder fal­len aus dem Fens­ter.”

Ob ei­ner Held ist oder Ver­rä­ter, hängt von der Per­spek­ti­ve ab.

Ge­ne­ra­tio­nen sind in der So­wjet­uni­on mit dem Bild von Wjat­sches­law Ti­cho­now in der Rol­le des so­wje­ti­schen Kund­schaf­ters Max Ot­to von Stier­litz auf­ge­wach­sen. Wenn in den Sieb­zi­ger­jah­ren die Se­rie „Sieb­zehn Au­gen­bli­cke des Früh­lings“im Fern­se­hen lief, wa­ren die Stra­ßen leer ge­fegt. Stier­litz war an­ders als die frü­he­ren so­wje­ti­schen Hel­den: sen­si­bel, emo­tio­nal, nach­denk­lich. Sei­nen Er­folg ver­dank­te er sei­nem In­tel­lekt. Stier­litz be­weg­te sich sou­ve­rän un­ter den Na­zis und ver­riet de­ren Plä­ne an Mos­kau.

Als der Kreml En­de der Neun­zi­ger­jah­re nach ei­nem Nach­fol­ger für den kran­ken Bo­ris Jel­zin Aus­schau hielt, wur­de ei­ne Um­fra­ge in Auf­trag ge­ge­ben. „Wel­chen Film­hel­den wür­den Sie am liebs­ten auf dem Pos­ten des Prä­si­den­ten se­hen?“, war ei­ne Fra­ge. Stier­litz, der sen­si­ble Spi­on, lan­de­te auf dem ers­ten Platz.

Wie die Wahl des Nach­fol­gers aus­ging, ist be­kannt.

„Ich wür­de die Be­deu­tung die­ser Um­fra­ge nicht über­be­wer­ten“, sagt Gleb Paw­low­ski. Den­noch sei der gu­te Spi­on ei­ne Sehn­suchts­fi­gur in der So­wjet­uni­on ge­we­sen. Paw­low­ski sitzt in sei­ner Re­dak­ti­on in ei­nem nied­ri­gen Hin­ter­hof­bau im Zen­trum Mos­kaus, um­ge­ben von Bü­chern und Por­zel­lan­fi­gu­ren, die wei­ßen Haa­re bürs­ten­kurz, ei­ne Ni­ckel­bril­le auf der Na­se. Er war da­mals be­tei­ligt an der „Ope­ra­ti­on Nach­fol­ger“, die den nächs­ten Prä­si­den­ten fin­den und ihn im Volk po­pu­lär ma­chen soll­te. Bis 2011 blieb Paw­low­ski Be­ra­ter im Kreml, heu­te kri­ti­siert er die Politik des Ex-KGBSpi­ons, der nach Jel­zin Prä­si­dent wur­de: Wla­di­mir Pu­tin.

In Stier­litz sei das Un­ver­ein­ba­re ver­eint, sagt Paw­low­ski: „Er ist ein ech­ter So­wjet­mensch, der aber nicht aus­sieht wie ei­ner. Ein In­tel­lek­tu­el­ler, der sich elegant klei­det und Co­gnac trinkt. Ei­ner, der zum Sys­tem ge­hört, aber gleich­zei­tig Dis­si­dent ist.“Mit Stier­litz hät­ten die Men­schen die Hoff­nung ver­bun­den, dass hin­ter der rau­en Fas­sa­de der So­wjet­macht doch ir­gend­wo ein gu­ter, mensch­li­cher Kern ver­bor­gen sei. Nach dem Trau­ma des Bür­ger­kriegs woll­te nie­mand ei­ne neue Re­vo­lu­ti­on. Die Men­schen woll­ten ein­fach, dass der so­wje­ti­sche Staat sei­ne gu­te Sei­te her­aus­kehrt und die Idea­le um­setzt, die er im­mer vor sich her­trägt.

Erst ha­be Mich­ail Gor­bat­schow die­se Hoff­nung ge­nährt, sagt Paw­low­ski. Dann, nach den un­ru­hi­gen Jah­ren des Um­bruchs, ha­be das Pen­del in die Ge­gen­rich­tung aus­ge­schla­gen. Jel­zin sei früh klar ge­we­sen, dass sein Nach­fol­ger aus dem Si­cher­heits­ap­pa­rat kom­men müs­se. Die De­mo­kra­ten wa­ren zer­strit­ten, und es muss­te je­mand sein, der sei­ne Si­cher­heit und die sei­ner Fa­mi­lie ga­ran­tie­ren konn­te. „Ich war an­fangs be­ein­druckt, wie gut Pu­tin in die­ses Bild pass­te“, sagt Gleb Paw­low­ski.

In die­sen Ta­gen ist in Russ­land And­rej Lu­go­woj ein ge­frag­ter Gast in al­len Fern­seh­ka­nä­len. Der 51-Jäh­ri­ge ist Ab­ge­ord­ne­ter der Staats­du­ma, aber es ist nicht sei­ne Ar­beit im Par­la­ment, die ihn zu ei­nem Ex­per­ten im Fall Skri­pal macht. Lu­go­woj wur­de beim KGB aus­ge­bil­det, hat dann ei­ne pri­va­te Si­cher­heits­fir­ma ge­grün­det und be­zeich­net sich seit­dem als Ge­schäfts­mann. Er hat­te sich am 1. No­vem­ber 2006 in der Bar des Lon­do­ner Mill­en­ni­um Ho­tels am Gros­ve­nor Squa­re in May­fair mit Alex­an­der Lit­wi­nen­ko ge­trof­fen, wo die­ser ei­ne ver­häng­nis­vol­le Tas­se grü­nen Tee trank.

Der Mo­de­ra­tor sagt: Kaum ei­nem Ver­rä­ter sei es ver­gönnt, ei­nen ru­hi­gen Le­bens­abend zu ha­ben

Die bri­ti­sche Jus­tiz ist über­zeugt, dass Lu­go­woj es war, der mit ei­nem Kom­pli­zen dem Kreml-Geg­ner Lit­wi­nen­ko das gif­ti­ge Po­lo­ni­um in die Tee­kan­ne tat. Aber kaum hat­ten die Er­mitt­lun­gen be­gon­nen, be­kam Lu­go­woj sei­nen Sitz im Par­la­ment. Die Im­mu­ni­tät des Ab­ge­ord­ne­ten dient seit­dem als Vor­wand, ihn nicht aus­zu­lie­fern. 2015 ver­lieh Wla­di­mir Pu­tin ihm ei­nen Or­den, für Ver­diens­te um das Va­ter­land.

Skri­pal ver­gif­tet? Wer glaubt das denn? „Viel­leicht war nur das Bier schlecht“, sagt ein Talk­show­gast

Nun sitzt Lu­go­woj auf der Couch der größ­ten Talk­show des Lan­des. Adrett in An­zug und Kra­wat­te. „Lasst sie re­den“ist ei­ne je­ner Wut-und-Trä­nen-Shows, die zu Her­zen ge­hen sol­len. Lie­be, Streit und Ei­fer­sucht. Ver­ge­bung und Ver­söh­nung. Na­tür­lich ist Lu­go­woj nicht als Mör­der ein­ge­la­den, son­dern als Op­fer bri­ti­scher Ver­leum­dun­gen. Der Fall Skri­pal sei ei­ne Pro­vo­ka­ti­on, um „Russ­land zu dä­mo­ni­sie­ren und Russo­pho­bie zu schü­ren“, sagt er. In­sze­niert von bri­ti­schen oder ame­ri­ka­ni­schen Ge­heim­diens­ten. Da­mit ist die Büh­ne er­öff­net für ein hal­bes Dut­zend Män­ner, die als Ex­per­ten auf­tre­ten.

„Ich wür­de mich nicht wun­dern, wenn man ei­ne ukrai­ni­sche Spur fin­det“, merkt ei­ner an. Ein an­de­rer weiß zu be­rich­ten, Ser­gej Skri­pal ha­be sich dem bri­ti­schen MI5 ver­kauft, „er lieb­te das Geld und trug plötz­lich teu­re Klei­der“. Ei­ner meint, es sei nicht mal er­wie­sen, dass Ser­gej Skri­pal und sei­ne Toch­ter Ju­lia ver­gif­tet wur­den: „Viel­leicht war nur das Bier schlecht.“

Nach ei­ner hal­ben St­un­de nä­hert sich die Sen­dung ih­rem Hö­he­punkt, als ein be­son­de­rer Gast an­ge­kün­digt wird: Wal­ter Lit­wi­nen­ko, der Va­ter des in Lon­don er­mor­de­ten Kreml-Geg­ners. Er lebt seit vie­len Jah­ren in Ita­li­en. Als Re­por­ter des rus­si­schen Fern­se­hens ihn dort auf­spür­ten, wirk­te er her­un­ter­ge­kom­men, klag­te über die nied­ri­ge Un­ter­stüt­zung des ita­lie­ni­schen Staa­tes – und war be­reit zur reui­gen Um­kehr.

Nun be­tritt Wal­ter Lit­wi­nen­ko ge­duscht und frisch ein­ge­klei­det das Stu­dio und setzt sich auf die Couch ne­ben And­rej Lu­go­woj, den die bri­ti­sche Jus­tiz für den Mör­der sei­nes Soh­nes hält. Im­mer nä­her rückt er an ihn her­an, wäh­rend er er­zählt, es sei nicht Po­lo­ni­um ge­we­sen, sein Sohn sei mehr­mals ver­gif­tet wor­den, un­ter an­de­rem in der Kli­nik. Sein Tod ha­be nur ei­nem ge­nutzt: Bo­ris Be­re­sow­ski. Der rus­si­sche Olig­arch wur­de 2013 er­hängt im Ba­de­zim­mer sei­nes Hau­ses im eng­li­schen As­cot ge­fun­den.

Russ­land, der Kreml und Lu­go­woj – sie wa­ren dem­nach nicht Tä­ter, son­dern Op­fer ei­ner an­ti­rus­si­schen Kam­pa­gne. „Ich ha­be in Ita­li­en für Pu­tin ge­stimmt“, sagt Wal­ter Lit­wi­nen­ko, das Pu­bli­kum ap­plau­diert en­thu­si­as­tisch. „Wir müs­sen jetzt für Pu­tin kämp­fen.“So viel Nä­he und Über­schwang über­for­dert den sprö­den Lu­go­woj, er hat sich ganz in sei­ne Ecke des So­fas ge­drückt, die Hän­de ge­fal­tet auf dem Schoß, ab und an muss er ein Grin­sen un­ter­drü­cken.

Als die Er­mitt­ler der Strah­len­spur folg­ten, die sich 2006 durch Lon­don und bis nach Ham­burg zog, führ­te sie auch ins Lon­do­ner Emi­ra­tes Sta­di­um. Lu­go­woj hat­te dort das Spiel zwi­schen Ar­senal und ZSKA Mos­kau in der Grup­pen­pha­se der Cham­pi­ons Le­ague be­sucht, der Vor­wand für sei­ne Lon­don-Rei­se. ZSKA-Fans druck­ten spä­ter Tour-Shirts: „Po­lo­ni­um-210. ZSKA, Lon­don, Ham­burg, Fort­set­zung folgt“, stand auf der Brust. Und auf dem Rü­cken: „ZSKA Mos­kau, der Strah­len­tod klopft an eu­re Tür.“

Als sich die bei­den Mann­schaf­ten ver­gan­ge­ne Wo­che er­neut in der Eu­ro­pa Le­ague be­geg­ne­ten, dach­ten sich die ZSKAAn­hän­ger ei­ne Neu­auf­la­ge der T-Shirts aus: „No­wit­schok-Tour 2018. Fort­set­zung folgt.“

Gift­mord als Run­ning Gag. Di­plo­ma­tie als ab­sur­des Thea­ter. Wirk­lich­keit und Par­odie ver­schmel­zen und sind kaum noch un­ter­scheid­bar. Leug­nen reicht nicht mehr, es muss ei­ne al­ter­na­ti­ve Er­zäh­lung her, am bes­ten gleich vie­le, auf­ge­la­den mit Emo­tio­nen und ei­ner or­dent­li­chen Por­ti­on En­ter­tain­ment. Dass Ge­heim­diens­te Geg­ner be­sei­ti­gen, ist nichts Neu­es. Neu ist der Zir­kus, der dar­um ge­macht wird, statt den Fall im Stil­len zu re­geln, wie das frü­her üb­lich war. Bri­ten und Rus­sen mö­gen sich in fast al­len Punk­ten wi­der­spre­chen, in ei­nem sind sich die Be­ob­ach­ter auf bei­den Sei­ten ei­nig: Man hät­te Ser­gej Skri­pal un­auf­fäl­li­ger be­sei­ti­gen kön­nen. Wer im­mer das auf­wen­dig her­zu­stel­len­de Gift No­wit­schok ge­wählt hat, woll­te da­mit ein Si­gnal set­zen, das ihm wo­mög­lich wich­ti­ger war als der Tod ei­nes Dop­pel­agen­ten.

Die Be­sei­ti­gung von Geg­nern im Aus­land im Auf­trag Mos­kaus hat ei­ne lan­ge Tra­di­ti­on. Alex­an­der Kol­pa­ki­di er­forscht sie seit dem En­de der So­wjet­uni­on. Der His­to­ri­ker hat mehr als zwei Dut­zend Bü­cher über den KGB, die Aus­lands­spio­na­ge und den Mi­li­tär­ge­heim­dienst GRU ver­öf­fent­licht. „Wir ken­nen nur die pro­mi­nen­ten Na­men, aber es gab sehr vie­le Fäl­le von Leu­ten, die kaum je­mand kennt“, sagt er. Nach der Re­vo­lu­ti­on li­qui­dier­ten die Bol­sche­wi­ki ih­re Geg­ner im Exil. „Das war die Fort­set­zung des Bür­ger­krie­ges im Aus­land“, sagt der His­to­ri­ker. Nach dem Zwei­ten Welt­krieg jag­te der KGB Kol­la­bo­ra­teu­re im Wes­ten.

Al­lein in Mün­chen gab es min­des­tens drei sol­che Mor­de. Be­kannt da­von ist nur der ukrai­ni­sche Na­tio­na­list Ste­pan Ban­de­ra, dem ein Kil­ler des KGB am 15. Ok­to­ber 1959 im Trep­pen­haus von Haus Num­mer 7 in der Kreittmayr­stra­ße Blau­säu­re ins Ge­sicht sprüh­te. Aber wer hat schon von Wolf­gang Sa­lus ge­hört? Der ehe­ma­li­ge Trotz­kist wur­de sechs Jah­re vor Ban­de­ra eben­falls in Mün­chen ver­gif­tet. Oder von Lev Re­bet, eben­falls ein ukrai­ni­scher Na­tio­na­list, der 1957 in Mün­chen ver­gif­tet wur­de?

Die Lis­te sei lang, sagt Kol­pa­ki­di, aber auch die Lis­te von Op­fern west­li­cher Ge­heim­diens­te. „Wäh­rend des Kal­ten Krie­ges wa­ren die Spiel­re­geln klar, und meis­tens war al­len klar, wer wen um­ge­bracht hat und wes­halb. Al­len war klar, wer Trotz­ki ge­tö­tet hat. Al­len war klar, wer Ban­de­ra be­sei­ti­gen woll­te.“Da­bei sei es im­mer dar­um ge­gan­gen, je­man­den „un­schäd­lich“zu ma­chen im wört­li­chen Sin­ne. So­lan­ge die Welt in zwei Blö­cke auf­ge­teilt war, kam man mit der Fra­ge „cui bo­no?“– wem nützt das? – noch wei­ter. Heu­te lässt sich da­mit je­de be­lie­bi­ge Ver­schwö­rungs­theo­rie be­grün­den.

Hat­te nicht The­re­sa May ein Mo­tiv, vom Br­ex­it-Fi­as­ko ab­zu­len­ken? Woll­ten die Eu­ro­pä­er nicht viel­leicht den Bri­ten de­mons­trie­ren, wie wich­tig die eu­ro­päi­sche So­li­da­ri­tät ist? Kaum ebbt die Auf­re­gung um Skri­pal und das Gift­gas in Sy­ri­en ab, kom­men Bri­ten und Ame­ri­ka­ner ja schon mit dem nächs­ten Vor­wurf: Russ­land be­rei­te ei­ne glo­ba­le Cy­ber­at­ta­cke vor. Und su­chen die Ukrai­ner nicht je­den Vor­wand, um ei­ne här­te­re Hal­tung ge­gen­über Mos­kau zu er­rei­chen? Und Russ­land?

Er kön­ne sich nicht vor­stel­len, dass Skri­pal noch ei­ne Ge­fahr dar­stell­te, nach­dem Russ­land den ehe­ma­li­gen Dop­pel­agen­ten 2010 aus­ge­tauscht hat­te, sagt Kol­pa­ki­di. Das al­te Mo­tiv, ei­nen Geg­ner un­schäd­lich zu ma­chen, wür­de da­mit weg­fal­len.

Aber die Wel­le schein­bar un­be­wie­se­ner An­schul­di­gun­gen an die Adres­se Mos­kaus gab kurz vor der Prä­si­dent­schafts­wahl Mit­te März dem Pa­trio­tis­mus Auf­trieb: Pu­tin wäh­len, um un­fai­ren An­grei­fern zu trot­zen. Bei ei­ner Um­fra­ge des Mos­kau­er Le­wa­da-Zen­trums im März äu­ßer­ten mehr als zwei Drit­tel der Be­frag­ten die Über­zeu­gung, die Vor­wür­fe, Russ­land ste­cke hin­ter dem An­schlag, sei­en un­be­grün­det. Gleich­zei­tig stürz­te das An­se­hen der Bri­ten ab. Am Tag nach der Wahl dank­te auch Pu­tins Wahl­kampf­ma­na­ger den Bri­ten vol­ler Sar­kas­mus für ih­re Hil­fe.

Die Krän­kung sei mitt­ler­wei­le das Leit­mo­tiv der rus­si­schen Au­ßen­po­li­tik, schrieb un­längst der Mos­kau­er Ex­per­te Wla­di­mir Fro­low in ei­ner Analyse für das Por­tal re­pu­blic.ru. Die The­se, dass der Wes­ten mit der Na­to-Er­wei­te­rung wort­brü­chig ge­wor­den sei und Russ­land „be­lei­digt“ha­be, tra­ge in­zwi­schen „sys­tem­bil­den­den Cha­rak­ter“. Sie ver­ei­ne nicht nur das Volk hin­ter sei­ner Füh­rung, sie be­freie es auch von je­dem mo­ra­li­schen Di­lem­ma. „Un­se­re Ta­ten er­schei­nen mora­lisch ge­recht­fer­tigt, schließ­lich ant­wor­ten wir nur auf die uns zu­ge­füg­te Krän­kung und stel­len die Ge­rech­tig­keit wie­der her“, schreibt Fro­low. Auch in Deutsch­land sind vie­le be­reit, die­sem Ar­gu­ment zu fol­gen, ob­gleich ein Ver­spre­chen, kei­ne ehe­ma­li­gen Mit­glie­der des War­schau­er Pakts in die Na­to auf­zu­neh­men, nir­gends schrift­lich fi­xiert ist.

Der ro­man­ti­sche Spi­on ist Ge­schich­te. Pu­tin moch­te den Agen­ten­strei­fen „Schild und Schwert“eh lie­ber als die „17 Au­gen­bli­cke des Früh­lings“. Heu­te ver­geht kein Tag oh­ne Sen­dun­gen über dunk­le Mäch­te, die hin­ter den Ku­lis­sen die Strip­pen zie­hen. „Das wird den Leu­ten ab­sicht­lich ein­ge­trich­tert“, sagt Gleb Paw­low­ski, der Pu­tinK­ri­ti­ker. Und sie glaub­ten das, weil sie im­mer wie­der in ih­ren Vor­stel­lun­gen ge­täuscht wur­den.

In der rus­si­schen Ge­schich­te ha­ben die Men­schen we­nig Frei­heit er­lebt, und noch we­ni­ger Trans­pa­renz. Sie konn­ten kaum je die Er­fah­rung ma­chen, dass sich Politik und Bür­ger­wil­le ge­gen­sei­tig be­ein­flus­sen. Die meis­te Zeit wa­ren die Me­di­en nicht frei. Und in der kur­zen Pha­se frei­er Me­di­en nach der Pe­re­s­troi­ka brach­ten sie ei­ne Ge­schich­te nach der an­de­ren ans Licht über Din­ge, die bis­her im Ge­hei­men ab­lie­fen. So fes­tig­te sich bei vie­len das Bild, dass das Welt­ge­sche­hen in Wahr­heit von ver­bor­ge­nen Mäch­ten hin­ter den Ku­lis­sen ge­steu­ert wer­de.

Glaubt Wla­di­mir Pu­tin selbst dar­an, dass die USA die Welt im Ge­hei­men len­ken? Paw­low­ski macht ei­ne Pau­se. „Mög­lich. Ich den­ke, ja. Frü­her nicht, heu­te wahr­schein­lich schon. Wenn er be­schreibt, wie er sich das Han­deln der USA im Ver­bor­ge­nen vor­stellt, dann kön­nen Sie da­von ausgehen, dass er ei­gent­lich be­schreibt, wie er in Wahr­heit selbst han­delt.“

Ge­hei­me Mäch­te steu­ern die Welt. Glaubt et­wa auch Pu­tin das? Der Kri­ti­ker hat da so ei­ne Ver­mu­tung

FO­TO: ALAMY

Ot­to von Stier­litz, ge­spielt von Wjat­sches­law Ti­cho­now (re.) in dem Film „17 Au­gen­bli­cke des Früh­lings“, war ein ech­ter So­wjet­mensch, der aber nicht aus­sah wie ei­ner. Er war der gu­te Spi­on, ei­ne Sehn­suchts­fi­gur.

FO­TO: MA­XIM SHI­PEN­KOV/AFP

Be­vor Wla­di­mir Pu­tin Prä­si­dent wur­de, war er selbst beim KGB. Wie das kam? Der Agen­ten-Film „Schild und Schwert“ha­be ihn mo­ti­viert.

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