Schubs Rich­tung Ge­gen­wart

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - MEINUNG - Von hen­ri­ke roß­bach

Das ging schnell. Nicht ein­mal fünf Wo­chen nach sei­nem Amts­an­tritt hat Bun­des­ar­beits­mi­nis­ter Hu­ber­tus Heil (SPD) sei­nen ers­ten Ge­setz­ent­wurf auf die Rei­se durch die Res­sorts ge­schickt. Das Fleiß­kärt­chen al­ler­dings muss er sich tei­len mit sei­ner Vor­gän­ge­rin Andrea Nah­les. Die näm­lich hat­te schon in der ver­gan­ge­nen Le­gis­la­tur­pe­ri­ode die Blau­pau­se vor­ge­legt für je­nes Rück­kehr­recht in Voll­zeit, das Heil nun auf den Weg ge­bracht hat. Nah­les schei­ter­te da­mals noch an der Uni­on. Heu­te, auf der Ziel­ge­ra­den zum SPD-Par­tei­vor­sitz, dürf­te es ihr da­her gut ge­fal­len, dass das da­ma­li­ge Nein des Ko­ali­ti­ons­part­ners nicht das letz­te Wort ge­blie­ben ist. Bät­schi.

Zum Tri­umph ge­hört aber stets auch das Ge­heu­le, und das dürf­te auch beim zwei­ten An­lauf zu­ver­läs­sig er­tö­nen. Die glü­hen­den An­hän­ger ei­nes Rechts­an­spruchs auf be­fris­te­te Teil­zeit samt Rück­kehr­recht wer­den kla­gen, der neue Ent­wurf kom­me ver­gli­chen mit dem al­ten arg schwind­süch­tig da­her. Ur­sprüng­lich soll­te die Re­ge­lung schon für Fir­men mit mehr als 15 Mit­ar­bei­tern gel­ten, nun blei­ben al­le mit bis zu 45 Be­schäf­tig­ten ver­schont, und bis 200 Mit­ar­bei­ter gel­ten wei­te­re Ein­schrän­kun­gen. Für die al­ler­meis­ten Fir­men und für et­wa 40 Pro­zent der Ar­beit­neh­mer än­dert sich des­halb gar nichts. Den Ar­beit­ge­bern aber, und si­cher auch ei­ni­gen in der Uni­on, wird auch die­se ab­ge­speck­te Va­ri­an­te nicht pas­sen. „Bü­ro­kra­tie!“, „Di­ri­gis­mus!“– ers­te Schmer­zens­schreie sind schon ver­nehm­bar.

Da­bei ist es letzt­lich völ­lig ver­rückt, dass aus­ge­rech­net die­ses Ge­setz für so viel Är­ger sorgt. Denn wenn Ar­beit­neh­mer künf­tig für ein bis fünf Jah­re ih­re Ar­beits­zeit ver­rin­gern dür­fen, um da­nach wie­der voll ein­zu­stei­gen, passt das im Grun­de ziem­lich gut zu den bei­den Me­ga­the­men der Ar­beits­welt: dem Man­gel an Fach­kräf­ten und der Zu­kunft des Ar­bei­tens. Ers­te­rer geis­tert durch so ziem­lich je­de Wirt­schafts­stu­die als Schreck­ge­spenst Num­mer eins. Und dass die Ar­beits­welt künf­tig räum­lich und zeit­lich ent­grenz­ter sein wird als heu­te, hat sich so­gar bis zu den­je­ni­gen her­um­ge­spro­chen, de­nen die Ar­beits­stät­ten­ver­ord­nung nä­her ist als der Crowd­wor­ker, der sei­ne Di­ens­te welt­weit über di­gi­ta­le Platt­for­men an­bie­tet.

Un­er­hört an dem neu­en Ge­setz ist ei­gent­lich nur, dass es über­haupt nö­tig ist

Na­tür­lich ist die „Brü­cken­teil­zeit“, wie Heil sei­nen Ent­wurf ge­tauft hat, kei­ne Ar­beits­markt­ge­setz ge­wor­de­ne Su­per­hel­din, die den Fach­kräf­te­man­gel in Ster­nen­staub ver­wan­delt. Aber sie ist ein rich­ti­ger Schritt. Fle­xi­bi­li­tät ist ein le­gi­ti­mer Pos­ten auf dem Wunsch­zet­tel vie­ler Ar­beit­ge­ber. Aber der Wunsch vie­ler Ar­beit­neh­mer, je nach Le­bens­la­ge eben­falls mehr Ein­fluss auf ih­re Ar­beits­zeit zu ha­ben, ist es auch. Und wer in Zei­ten des Fach­kräf­te­man­gels Frau­en in Voll­zeit will, wer laut­stark ver­langt, Frau­en soll­ten nach Ba­by­o­der sons­ti­gen Pau­sen schnell und bit­te­schön nicht bloß mit hal­ber Stel­le zu­rück­keh­ren, soll­te jetzt nicht eben­so laut­stark ein Ge­setz be­kla­gen, das eben­die­sen Frau­en ein Recht auf ge­nau das ein­räumt.

Un­er­hört an dem neu­en Ge­setz ist ei­gent­lich nur, dass es über­haupt nö­tig ist. Un­ter­neh­men mit Weit­sicht, und da­von gibt es ei­ne gan­ze Men­ge, se­hen ih­re Mit­ar­bei­ter schon heu­te als das, was sie sind: ei­ne wert­vol­le Res­sour­ce, die es zu pfle­gen und zu ach­ten gilt. Die­se Fir­men wer­den kein Pro­blem ha­ben mit dem neu­en Ge­setz, sie ha­ben längst ei­ne ent­spre­chen­de Ar­beits­zeit­kul­tur. De­nen aber ei­nen Schubs zu ge­ben, die noch nicht in die­ser Ge­gen­wart an­ge­kom­men sind, ist kei­ne Zu­mu­tung. Son­dern not­wen­dig.

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