Gut in­te­griert im Knast

Straf­fäl­li­ge EU-Bür­ger dür­fen nicht au­to­ma­tisch ab­ge­scho­ben wer­den

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - POLITIK - Wolf­gang ja­nisch

Karls­ru­he – Dass straf­fäl­li­ge Aus­län­der in das Land ih­rer Her­kunft ab­ge­scho­ben wer­den sol­len, ge­hört nicht nur zu den Stan­dard­for­meln vie­ler In­nen­po­li­ti­ker, son­dern ist recht­lich im Prin­zip auch so vor­ge­se­hen – je­den­falls wenn die öf­fent­li­che Si­cher­heit ge­fähr­det ist. Nun aber hat der Eu­ro­päi­sche Ge­richts­hof (EuGH) ei­ne ent­schei­den­de Ein­schrän­kung vor­ge­nom­men, und zwar zu­guns­ten der Staats­an­ge­hö­ri­gen aus EU-Län­dern, die schon so lan­ge in Deutsch­land le­ben, dass sie de fac­to zu In­län­dern ge­wor­den sind. Sie kön­nen auch nach ei­ner län­ge­ren Haft­stra­fe nicht oh­ne Wei­te­res ab­ge­scho­ben wer­den. Für sie gilt ein ver­stärk­ter Aus­wei­sungs­schutz, wenn sie – ob­wohl län­ge­re Zeit hin­ter Git­tern – wei­ter­hin als in­te­griert an­ge­se­hen wer­den kön­nen.

In ei­nem der bei­den Fäl­le vor dem EuGH ging es um ei­nen 1989 ge­bo­re­nen Grie­chen, der mit drei Jah­ren nach Deutsch­land kam und seit­her fast un­un­ter­bro­chen in Deutsch­land lebt, wie auch Mut­ter, Groß­el­tern und Tan­te; auf Grie­chisch kann er sich nur ge­bro­chen ver­stän­di­gen.

Wann darf man ei­nen Häft­ling aus­wei­sen? Dar­auf gibt es kei­ne sche­ma­ti­sche Ant­wort

2012 han­del­te er sich ei­ne Geld­stra­fe un­ter an­de­rem we­gen ver­such­ter Er­pres­sung ein. Be­zah­len woll­te er mit der Beu­te aus ei­nen Spiel­hal­len­über­fall, er hat­te ei­ne mit Gum­mi­schrot ge­la­de­ne Pis­to­le da­bei – doch die Sa­che en­de­te mit ei­ner Frei­heits­stra­fe von fünf Jah­ren und acht Mo­na­ten we­gen schwe­rer räu­be­ri­scher Er­pres­sung. Die Aus­wei­sungs­ver­fü­gung der Aus­län­der­be­hör­de er­reich­te ihn noch in der Zel­le.

Recht­lich ging es um die Fra­ge, ob er sich als EU-Bür­ger nach der EU-Frei­zü­gig­keits­richt­li­nie auf den ver­stärk­ten Schutz be­ru­fen kann, den je­der ge­nießt, der „in den letz­ten zehn Jah­ren“im Land war. Dann ist ei­ne Aus­wei­sung nur aus „zwin­gen­den Grün­den der öf­fent­li­chen Si­cher­heit“zu­läs­sig, das ist die höchs­te Stu­fe des Aus­wei­sungs­schut­zes. Zwar be­fin­det sich das Ge­fäng­nis, in dem der Grie­che sei­ne Stra­fe ab­sitzt, in Deutsch­land. Aber die Fra­ge ist, ob es wirk­lich zu­guns­ten ei­nes Schut­zes vor Aus­wei­sung zu Buche schla­gen kann, wenn je­mand nur lan­ge ge­nug im Knast sitzt.

Laut EuGH gibt es dar­auf kei­ne sche­ma­ti­sche Ant­wort. Viel­mehr müs­sen al­le re­le­van­ten Um­stän­de dar­auf­hin über­prüft wer­den, ob der Häft­ling trotz sei­ner Tat und trotz sei­ner Zeit im Ge­fäng­nis noch als in­te­griert an­ge­se­hen wer­den kann. Da­bei spiel­ten die vor der In­haf­tie­rung ge­knüpf­ten In­te­gra­ti­ons­ban­de ei­ne Rol­le – die im kon­kre­ten Fall ziem­lich stark sein dürf­ten, weil der Mann fast sein gan­zes Le­ben in Deutsch­land ver­bracht hat. Zu be­rück­sich­ti­gen sind laut EuGH aber auch die „Art der Straf­tat, die Um­stän­de ih­rer Be­ge­hung und das Ver­hal­ten des Be­trof­fe­nen wäh­rend des Voll­zugs“– auch des­halb, weil der Straf­voll­zug in Deutsch­land auf Re­so­zia­li­sie­rung an­ge­legt ist, al­so ge­ra­de auf ei­ne Wie­der­ein­glie­de­rung des Straf­tä­ters in die Ge­sell­schaft.

Kurz­um: Ein fak­ti­scher In­län­der mit aus­län­di­schem Pass kann nicht au­to­ma­tisch ab­ge­scho­ben wer­den, selbst wenn er ei­ne lan­ge Haft­stra­fe ab­ge­ses­sen hat. Bei be­son­ders schwe­ren Straf­ta­ten – oder auch bei we­ni­ger star­ken Bin­dun­gen im In­land – dürf­te ei­ne Aus­wei­sung gleich­wohl zu­läs­sig blei­ben.

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