Bür­ger oh­ne Meis­ter

In meh­re­ren Thü­rin­ger Ge­mein­den ge­stal­tet sich die Su­che nach Orts-Chefs schwie­rig

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - POLITIK - Ul­ri­ke nimz

Tau­ten­burg liegt in ei­nem grü­nen Tal zwi­schen be­wal­de­ten Hö­hen. Et­wa 300 Men­schen le­ben in der Ge­mein­de im Os­ten Thü­rin­gens. Es gibt ei­ne Burg­rui­ne, ein Damm­hirsch­ge­he­ge, ei­ne Stern­war­te und vier­hun­dert Jah­re al­te Bäu­me. Aber ei­nen Bür­ger­meis­ter-Kan­di­da­ten zur Kom­mu­nal­wahl – den gab es nicht.

Das hat­te zu­nächst ei­nen prak­ti­schen Grund. Der Amts­in­ha­ber, ein di­plo­mier­ter Fi­nanz­wirt, war auch Wahl­lei­ter der Ge­mein­de, konn­te nicht selbst kan­di­die­ren. Das ver­bie­tet Pa­ra­graf 4 des Thü­rin­ger Kom­mu­nal­wahl­ge­set­zes. Die Stimm­zet­tel blie­ben al­so leer am ver­gan­ge­nen Sonn­tag. Ge­wählt wur­de trotz­dem in Tau­ten­burg.

Fin­det sich nie­mand, der den zu­meist eh­ren­amt­li­chen Pos­ten des Bür­ger­meis­ters be­klei­den will – in vier thü­rin­gi­schen Ge­mein­den war das der Fall – kön­nen die Wäh­ler qua­si Vor­schlä­ge un­ter­brei­ten, in­dem sie Na­men und Beruf ei­nes fa­vo­ri­sier­ten Ge­mein­de­mit­glieds auf den Wahl­zet­tel schrei­ben. Die zwei Kan­di­da­ten, die am häu­figs­ten ge­nannt wer­den, stel­len sich ei­ner Stich­wahl. Der Sie­ge­rin oder dem Sie­ger wird an­schlie­ßend die ent­schei­den­de Fra­ge ge­stellt: Neh­men Sie die Wahl an? Lau­tet die Ant­wort Nein, muss er­neut ge­wählt wer­den. In Tau­ten­burg fällt die Ent­schei­dung wohl nach ei­nem zwei­ten Wahl­gang En­de April. Die bes­ten Chan­cen hat Rolf Fi­scher, Au­to­haus­be­sit­zer.

Auch im zehn Ki­lo­me­ter ent­fern­ten Rau­schwitz hat­ten sie nie­man­den auf dem Zet­tel. Im Ja­nu­ar war der CDU-Amts­in­ha­ber aus per­sön­li­chen Grün­den zu­rück­ge­tre­ten. Ge­schäfts­füh­ren­der Bür­ger­meis­ter wur­de sein Ers­ter Bei­ge­ord­ne­ter, Andre­as Ment­zel, par­tei­los, Ma­ler­meis­ter. Seit An­fang des Jah­res lie­gen nicht nur Pin­sel und Farb­rol­ler in sei­ner Hand, son­dern auch die Ge­schi­cke des Or­tes. „Man wächst da ir­gend­wie rein“, sagt Ment­zel, und Eu­pho­rie klingt wahr­schein­lich an­ders. Seit drei Jah­ren sitzt Ment­zel im Ge­mein­de­rat. Bei der Kom­mu­nal­wahl am Wo­che­n­en­de be­kam er 43 Stim­men, ver­pass­te mit 44,8 Pro­zent die ab­so­lu­te Mehr­heit nur knapp. Nun harrt er der Stich­wahl. „Ich ha­be im­mer ge­sagt, ich ma­che es, wenn die Leu­te das wol­len“, sagt Ment­zel. Aber manch­mal wünscht er sich et­was mehr Rü­cken­wind von den Rau­schwit­zern. Auch des­halb woll­te er kein „Kreuz­chen­kan­di­dat“sein, wie er sagt. „Die Leu­te sol­len nicht ein­fach nur ei­nen Vor­schlag durch­win­ken, son­dern sich ernst­haft Ge­dan­ken ma­chen, wen sie für sechs Jah­re im Amt ha­ben wol­len.“

Ganz ähn­lich ist die Si­tua­ti­on in Marth, ganz im Wes­ten des Frei­staats ge­le­gen. Zwar gab es zu­letzt ei­nen en­ga­gier­ten Bür­ger­meis­ter, aber auf dem Stimm­zet­tel stand des­sen Na­me nicht. Pe­ter Drei­ling, Chef ei­ner Fir­ma für Au­to­ma­ti­sie­rungs­tech­nik, ist 65 Jah­re alt und eben­falls oh­ne Par­tei­buch. Als er 2012 die Wahl ge­wann, sag­te er der Lo­kal­zei­tung: „Jetzt ist es wohl mein Job, dass al­le in Marth sich glück­li­cher füh­len als vor­her.“Sechs Jah­re spä­ter hat Drei­ling sei­nen Job nicht ge­ra­de satt, will je­doch Platz ma­chen für Jün­ge­re, wohl wis­send, dass die nicht Schlan­ge ste­hen. Drei­ling glaubt die Grün­de für die Zu­rück­hal­tung zu ken­nen: Das Ver­trau­en in die eta­blier­ten Par­tei­en sei ge­sun­ken. Des­halb ge­be es auf dem Land – wenn über­haupt – par­tei­lo­se Kan­di­da­ten. Und die Ver­wal­tungs­ar­beit wer­de auch im­mer kom­pli­zier­ter. „Das tut sich kaum noch je­mand an.“Die Stich­wahl in zwei Wo­chen tut Drei­ling sich an. Soll­te er wi­der Wil­len ge­win­nen, wird er die Wahl wohl an­neh­men – und den Zweit­plat­zier­ten über­re­den, Stell­ver­tre­ter zu wer­den.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.