Gott dis­ku­tiert

Em­ma­nu­el Ma­cron auf Wer­be­tour in Straß­burg: Mehr als ein Jahr vor den Eu­ro­pa­wah­len er­klärt der fran­zö­si­sche Prä­si­dent, wie er sich die Zu­kunft für ei­nen ver­un­si­cher­ten Kon­ti­nent vor­stellt

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - POLITIK - Von tho­mas kirch­ner

Straß­burg – Ju­pi­ter lässt war­ten. 20 Mi­nu­ten nach dem ver­ein­bar­ten Ter­min ist der Mann, der in sei­ner Hei­mat ger­ne mit dem höchs­ten rö­mi­schen Gott ver­gli­chen wird, der über al­len an­de­ren Göt­tern thront, noch im­mer nicht im Saal. Ge­mur­mel, ei­ni­ge be­gin­nen, die An­kunft des Gas­tes her­bei­zu­klat­schen. So et­was ha­ben sie nicht ger­ne hier. Es ist der ho­he Si­cher­heits­auf­wand, der sei­nen Auf­tritt ver­zö­gert. So­gar die Stra­ßen­bahn­hal­te­stel­le vor dem Ho­hen Haus war ge­schlos­sen wor­den. Noch ei­ne Mi­nu­te, dann spricht er end­lich.

Em­ma­nu­el Ma­cron ist auf Wer­be­tour in Straß­burg. Mehr als ein Jahr vor den Eu­ro­pa­wah­len be­schreibt der fran­zö­si­sche Prä­si­dent, wie er sich die po­li­ti­sche Zu­kunft des ver­un­si­cher­ten Kon­ti­nents vor­stellt. Das hat er schon vor ei­nem hal­ben Jahr ge­tan, in der Pa­ri­ser Sor­bon­ne. Da­mals mach­te er kon­kre­te Vor­schlä­ge, von der Re­form der Eu­ro-Zo­ne über die Flücht­lings­po­li­tik bis zu trans­na­tio­na­len Wahl­lis­ten. Es wa­ren so weit­rei­chen­de und so vie­le Vor­schlä­ge, dass man­chem schwind­lig wur­de, nicht zu­letzt in Ber­lin. In­halt­lich fügt er im Eu­ro­päi­schen Par­la­ment we­nig hin­zu, bis auf den Asyl­be­reich, wo er ei­ne Eu­ro­päi­sche Agen­tur for­dert, die Kom­mu­nen bei der Auf­nah­me von Flücht­lin­gen fi­nan­zi­ell hel­fen soll.

Er will den Frak­tio­nen Kon­kur­renz ma­chen mit ei­ner neu­en pro-eu­ro­päi­schen Kraft

An­sons­ten geht er ei­ne Ebe­ne hö­her und re­det über das gro­ße Gan­ze: über die Ge­fahr, die dem Kon­ti­nent durch Au­to­kra­ten droht, die mit aus­ge­feil­ten Tech­no­lo­gi­en „die Eck­pfei­ler un­se­rer Ge­sell­schaf­ten in­fra­ge stel­len“; über die „frei­heit­li­che eu­ro­päi­sche De­mo­kra­tie“, die­ses „Wun­der“, die­ses „ein­zig­ar­ti­ge Mo­dell, das uns ver­bin­det“, und das es zu be­wah­ren gel­te. Über ei­ne „eu­ro­päi­sche Sou­ve­rä­ni­tät“, die na­tio­na­le Sou­ve­rä­ni­tät „nicht auf­löst, son­dern er­gänzt“. Und über sei­ne Idee ei­nes „am­bi­tio­nier­ten“de­mo­kra­ti­schen Pro­jekts für Eu­ro­pa. Es müs­se an der Qu­el­le der De­mo­kra­tie an­set­zen, sagt Ma­cron, bei den Wün­schen und Be­dürf­nis­sen der Bür­ger, mit de­nen er ins Ge­spräch kom­men, mit de­nen er „es­sen­zi­el­le De­bat­ten“füh­ren will, in mög­lichst al­len EU-Staa­ten.

Das ist der ei­ne Teil sei­ner Bot­schaft: Ich mei­ne es ernst mit meinem Plan, soll das aus­sa­gen, ich zie­he ihn durch. Der an­de­re Teil rich­tet sich di­rekt an die Ab­ge­ord­ne­ten, die ihm in na­he­zu vol­ler Be­set­zung lau­schen, neu­gie­rig, er­freut über sei­nen eu­ro­päi­schen En­thu­si­as­mus – und doch skep­tisch bis ab­weh­rend. Ma­cron will schließ­lich in „Eu­ro­pa“, al­so in Brüs­sel und Straß­burg er­rei­chen, was er im ei­ge­nen Land ge­schafft hat: die po­li­ti­sche Land­schaft um­zu­gra­ben. Ihm schwebt vor, den tra­di­tio­nel­len Grup­pie­run­gen Kon­kur­renz zu ma­chen mit ei­ner neu­en pro­gres­si­ven, pro-eu­ro­päi­schen Kraft in der Mit­te des Eu­ro­päi­schen Par­la­ments.

Noch hat er kei­ne ech­te Macht­ba­sis, kei­nen ein­zi­gen Ab­ge­ord­ne­ten in die­sem Par­la­ment, kei­nen Ver­trau­ten an der Spit­ze der EU-In­sti­tu­tio­nen. Nur vie­le Sym­pa­thi­san­ten, quer durch die Rei­hen. Was er ge­nau plant, lässt er be­wusst of­fen: Sah es zu­nächst so aus, als schlie­ße sich sei­ne Be­we­gung La Ré­pu­bli­que En Mar­che (LRM) ei­ner be­ste­hen­den Grup­pe an, scheint sie nun ei­ne ei­ge­ne Frak­ti­on grün­den zu wol­len, „Eu­ro­pe en Mar­che“ge­wis­ser­ma­ßen. Da­zu müss­te LRM Ab­ge­ord­ne­te aus min­des­tens sie­ben Staa­ten an­wer­ben.

Al­so wirbt Ma­cron, und zwar ge­schickt. Er wi­ckelt die Par­la­men­ta­ri­er ein, in­dem er sie groß macht. Hier, am „Sitz der Ver­ant­wor­tung“, wür­den die eu­ro­päi­schen Kom­pro­mis­se ge­schmie­det, „hier spielt sich ein Groß­teil der Ar­beit ab, die uns eint“. Das soll je­ne be­ru­hi­gen, die mei­nen, dass Ma­cron sie ge­ring­schätzt. An ei­nem ei­gen­stän­di­gen Par­la­ment sei der Fran­zo­se doch gar nicht in­ter­es­siert, knurrt et­wa der Christ­de­mo­krat Elmar Brok.

Und wie re­agie­ren die „tra­di­tio­nel­len Par­ten“auf die­se Her­aus­for­de­rung? Über­wie­gend po­si­tiv und re­ser­viert zugleich. Der Frak­ti­ons­chef der Eu­ro­päi­schen Volks­par­tei, Man­fred We­ber (CSU), ant­wor­tet freund­lich, mit ei­ner Re­fle­xi­on über „wirk­li­che De­mo­kra­tie“, die mehr sei als Ab­spra­chen der „deutsch-fran­zö­si­schen Ach­se“. Al­ler­dings hat­te Ma­cron, der die jüngs­ten ne­ga­ti­ven Si­gna­le aus Ber­lin emp­fan­gen hat, dar­über in sei­ner Re­de kein Wort ver­lo­ren. Der So­zi­al­de­mo­krat Udo Bull­mann dankt dem Fran­zo­sen „für Ih­re Cou­ra­ge und Ih­ren Ein­satz für Eu­ro­pa“, ver­misst aber kon­kre­te Pro­jek­te, mit de­nen „Frei­heit, Gleich­heit und Brü­der­lich­keit“ge­för­dert wür­den. Der Grü­ne Phil­ip­pe Lam­berts preist Ma­crons eu­ro­päi­schen Ehr­geiz und gei­ßelt ei­ne ver­fehl­te Han­dels- und Ener­gie­po­li­tik so­wie man­geln­den Ein­satz für die Um­welt.

Span­nend ist die Re­ak­ti­on der Li­be­ra­len (Al­de), de­nen Ma­cron po­li­tisch am nächs­ten steht. Frak­ti­ons­chef Guy Ver­hof­stadt weiß um die Ge­fahr für sei­ne Frak­ti­on, de­ren eu­ro­phi­ler Teil zu Ma­cron ab­wan­dern könn­te, et­wa die links­li­be­ra­len nie­der­län­di­schen D 66, die spa­ni­schen Ci­u­dad­a­nos und ei­ni­ge nord­eu­ro­päi­sche li­be­ra­le Par­tei­en. Das wür­de Al­de spal­ten und wohl be­deu­tungs­los ma­chen. Ver­hof­stadt bleibt va­ge: Das bi­nä­re po­li­ti­sche Mo­dell der Herr­schaft von Christ- und So­zi­al­de­mo­kra­ten sei am En­de, sagt er. Was heißt das schon?

Kon­zen­triert, mal lä­chelnd, mal stirn­run­zelnd hört sich der Gast die Ant­wor­ten an, auch kru­de­re von rechts- und links au­ßen. Und er ant­wor­tet wie­der­um. Und hopp­la: Es funk­tio­niert, ein „es­sen­ti­el­ler Dia­log“ent­steht. Ma­cron geht auf je­den ein­zel­nen Punkt ein, der auf­ge­wor­fen wird. Ob Atom­kraft, Br­ex­it, Asyl­po­li­tik oder El­tern­geld: Akri­bisch, fast ver­bis­sen kämpft er sich durch, be­ru­higt, wie­gelt ab, er­klärt. Bis weit nach 13 Uhr, über al­le Zeit­gren­zen hin­aus. Der Dank: lan­ger Ap­plaus, strah­len­de Ge­sich­ter. Ei­ne Gott­heit, die dis­ku­tiert. Ein sel­te­ner Fall.

FO­TO: FRE­DE­RICK FLORIN/AFP

„Das Wun­der der frei­heit­li­chen eu­ro­päi­schen De­mo­kra­tie“will Em­ma­nu­el Ma­cron be­wah­ren und ver­tei­di­gen, wie er sagt – vor al­lem ge­gen Au­to­kra­ten.

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