„Wie im Hor­ror-Ro­man“

Fort­schritts­be­richt der EU fin­det Män­gel bei Bei­tritts­kan­di­da­ten

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - POLITIK - Da­ni­el bröss­ler

Brüs­sel – Die EU-Kom­mis­si­on at­tes­tiert den meis­ten Kan­di­da­ten für ei­nen Bei­tritt zur Eu­ro­päi­schen Uni­on er­heb­li­che De­fi­zi­te und stellt ins­be­son­de­re der Tür­kei ein ver­nich­ten­des Zeug­nis aus. „Die Tür­kei hat sich in rie­si­gen Schrit­ten von der Eu­ro­päi­schen Uni­on weg­be­wegt“, heißt es im jüngs­ten Fort­schritts­be­richt, den die EUKom­mis­si­on am Di­ens­tag in Straß­burg ver­ab­schie­det hat. Mon­te­ne­gro und Ser­bi­en at­tes­tiert sie da­ge­gen Fort­schrit­te in den Bei­tritts­ver­hand­lun­gen, im Fal­le Ma­ze­do­ni­ens und Al­ba­ni­ens emp­fiehlt sie die Auf­nah­me sol­cher Ver­hand­lun­gen. Bos­ni­en­Her­ze­go­wi­na und Ko­so­vo macht sie kei­ne der­ar­ti­gen Hoff­nun­gen. Im Fe­bru­ar hat­te die EU-Kom­mis­si­on 2025 als po­ten­zi­el­len ers­ten Ter­min neu­er Bei­trit­te ins Ge­spräch ge­bracht. „Qua­li­tät geht vor Ge­schwin­dig­keit“, be­ton­te nun aber Er­wei­te­rungs­kom­mis­sar Jo­han­nes Hahn.

In der Tür­kei sieht die EU-Kom­mis­si­on seit dem Putsch­ver­such von 2016 mas­si­ve Rück­schrit­te bei der Rechts­staat­lich­keit und den Grund­rech­ten so­wie bei der Ge­wal­ten­tei­lung. Zwar sei­en Ge­gen­maß­nah­men le­gi­tim ge­we­sen, an­zu­zwei­feln sei aber die Ver­hält­nis­mä­ßig­keit mas­sen­haf­ter Ent­las­sun­gen und Ver­haf­tun­gen. Un­ter dem im­mer noch gel­ten­den Aus­nah­me­zu­stand lei­de über­dies die Ge­wal­ten­tei­lung. „Un­ter den jet­zi­gen Um­stän­den ist kei­ne wei­te­re Er­öff­nung von Ver­hand­lungs­ka­pi­teln vor­ge­se­hen“, heißt es im Be­richt.

Zwar emp­fiehlt die Kom­mis­si­on kei­nen Ab­bruch der Ver­hand­lun­gen, be­stä­tigt aber de­ren fak­ti­sche Un­ter­bre­chung. „Die tür­ki­sche Re­gie­rung hat zwar wie­der­holt ihr Be­kennt­nis zum EU-Bei­tritt er­neu­ert, das hat sich aber nicht in kon­kre­ten Maß­nah­men und Re­for­men nie­der­ge­schla­gen“, kri­ti­siert die Kom­mis­si­on. So ha­be man die Re­gie­rung wie­der­holt oh­ne Er­folg zur Um­kehr des ne­ga­ti­ven Trends bei der Rechts­staat­lich­keit auf­ge­ru­fen.

Po­si­tiv wird An­ka­ra die Auf­nah­me von Flücht­lin­gen an­ge­rech­net

„Ist die Tür­kei Eu­ro­pa? Na­tür­lich ist die Tür­kei Eu­ro­pa“, be­ton­te den­noch die EUAu­ßen­be­auf­trag­te Fe­de­ri­ca Mo­g­her­i­ni. Po­si­tiv wird fast nur die Auf­nah­me von 3,5 Mil­lio­nen Flücht­lin­gen aus Sy­ri­en in der Tür­kei so­wie die Um­set­zung des Flücht­lings­ab­kom­mens mit der EU her­vor­ge­ho­ben. Der Be­richt zur Tür­kei le­se sich „fast wie ein Hor­ror­ro­man“, sag­te die Tür­kei-Be­richt­er­stat­te­rin der Eu­ro­päi­schen Volks­par­tei (EVP) im EU-Par­la­ment, Re­na­te Som­mer (CDU). Ob­wohl die EU-Kom­mis­si­on der Tür­kei schwer­wie­gen­de Rück­schrit­te bei Rechts­staat­lich­keit, Mei­nungs­frei­heit und der Un­ab­hän­gig­keit der Jus­tiz at­tes­tie­re, wür­den An­ka­ra aber kei­ne ernst­haf­ten Kon­se­quen­zen an­ge­droht.

Mit der Emp­feh­lung, Bei­tritts­ver­hand­lun­gen mit Ma­ze­do­ni­en und Al­ba­ni­en auf­zu­neh­men, wer­de den Fort­schrit­ten dort Rech­nung ge­tra­gen, sag­te Er­wei­te­rungs­kom­mis­sar Hahn. Es wer­de zugleich aber auch be­tont, dass in bei­den Län­dern noch viel zu tun blei­be. Ma­ze­do­ni­en wird be­schei­nigt, ei­ne tie­fe po­li­ti­sche Kri­se über­wun­den zu ha­ben. Al­ba­ni­en wer­den Fort­schrit­te bei der Re­form von Ver­wal­tung und Jus­tiz zu­gu­te ge­hal­ten. Der Ver­hand­lungs­be­ginn hängt nun von der Zu­stim­mung al­ler 28 EU-Mit­glied­staa­ten ab.

In al­len Län­dern des west­li­chen Bal­kan sieht die EU-Kom­mis­si­on noch er­heb­li­chen Nach­hol­be­darf. Man sei zwar auf ei­nem gu­ten Weg, aber auch „weit da­von ent­fernt, nah am Ziel zu sein“, be­ton­te Er­wei­te­rungs­kom­mis­sar Hahn. Die Rechts­staat­lich­keit und die Grund­wer­te der EU müss­ten sich al­le Kan­di­da­ten­län­der in viel stär­ke­rem Ma­ße zu ei­gen ma­chen, heißt es im Be­richt. Sor­gen be­rei­ten der EU die im­mer noch weit ver­brei­te­te Kor­rup­ti­on und die star­ke Stel­lung des or­ga­ni­sier­ten Ver­bre­chens. „Es gibt kei­ne Ab­kür­zung auf dem Weg in die Uni­on“, warn­te Hahn. Au­ßer­dem müs­se die Be­völ­ke­rung in den Mit­glieds­län­dern vom Sinn der Er­wei­te­rung über­zeugt wer­den. „Wir ex­por­tie­ren Sta­bi­li­tät, da­mit wir kei­ne In­sta­bi­li­tät im­por­tie­ren“, sag­te er.

Frank­reichs Prä­si­dent Em­ma­nu­el Ma­cron mach­te ei­ne Er­wei­te­rung der EU von in­ne­ren Re­for­men in der Uni­on ab­hän­gig. „Ja zu Ih­rem Wil­len, die Bal­kan­län­der an Eu­ro­pa zu bin­den“, sag­te Ma­cron am Di­ens­tag in Straß­burg an die Adres­se von EUKom­mis­si­ons­chef Je­an-Clau­de Juncker ge­rich­tet. Das geo­po­li­ti­sche Ri­si­ko sei, dass die Bal­kan­staa­ten in Rich­tung der Tür­kei oder Russ­lands ab­glit­ten. „Aber für mei­nen Teil wer­de ich ei­ne Er­wei­te­rung nur dann ver­tei­di­gen, wenn es zu­erst ei­ne Ver­tie­fung und ei­ner Re­form un­se­res Eu­ro­pas gibt“, so Ma­cron.

Mos­kau –

FO­TO: IMA­GO

Ein Boll­werk tür­ki­scher Wer­te: Die Zi­ta­del­le der Haupt­stadt An­ka­ra.

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