Sper­ren für Mil­lio­nen

Russ­land blo­ckiert den Chat-Di­enst Te­le­gram – und bremst so ei­ne sel­te­ne Er­folgs­sto­ry

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - POLITIK - Ju­li­an hans

Der Kampf ge­gen das freie Wort for­dert vie­le Op­fer, doch so­weit be­kannt, sind bis­her kei­ne Ter­ro­ris­ten dar­un­ter. Seit An­fang der Wo­che hat die rus­si­sche Zen­sur­be­hör­de Ros­kom­nad­sor mehr als 16 Mil­lio­nen IP-Adres­sen blo­ckie­ren las­sen, um den Mes­sen­ger-Di­enst Te­le­gram lahm­zu­le­gen. Doch wäh­rend Te­le­gram wei­ter funk­tio­niert und die Nut­zer die Sper­ren mit Tricks um­ge­hen, wur­den an­de­re in Mit­lei­den­schaft ge­zo­gen: Web­sites rus­si­scher Me­di­en und Un­ter­neh­men wa­ren zwi­schen­zeit­lich nicht er­reich­bar.

Te­le­gram ist ei­ne Soft­ware des rus­si­schen Un­ter­neh­mers Pa­wel Du­row, die ähn­lich funk­tio­niert wie Whatsapp. Seit Te­le­gram vor zwei Jah­ren so ge­nann­te „Ka­nä­le“ein­führ­te, hat sich das Chat-Pro­gramm auch zu ei­nem neu­en Me­di­um ent­wi­ckelt, über das Nach­rich­ten und Ge­rüch­te ver­brei­tet wer­den. Ei­ni­ge Ka­nä­le ha­ben so vie­le Abon­nen­ten wie ei­ne mit­tel­gro­ße Zei­tung. Zu­dem sind vie­le Un­ter­neh­men da­zu über­ge­gan­gen, ih­ren Kun­den­ser­vice über den Mes­sen­ger ab­zu­wi­ckeln. Selbst Be­hör­den kom­mu­ni­zier­ten mit den Bür­gern über Te­le­gram, und auch der Pres­se­dienst des Kreml hielt mit­tels Mes­sen­ger Kon­takt mit Jour­na­lis­ten.

Von An­fang an bot Te­le­gram die Mög­lich­keit, ver­schlüs­selt zu kom­mu­ni­zie­ren. Das hat es zu ei­nem be­lieb­ten In­stru­ment un­ter Geg­nern des Kremls ge­macht, die sich im­mer stär­ker der Ver­fol­gung durch die Be­hör­den aus­ge­setzt se­hen. Der Ge­heim­dienst FSB ver­lang­te ei­nen Nach­schlüs­sel, an­geb­lich weil Ter­ro­ris­ten über das Netz­werk kom­mu­ni­zier­ten. Du­row er­klär­te, ei­ne sol­che For­de­rung sei un­ver­ein­bar mit dem Ge­setz „und mit den Prin­zi­pi­en des Da­ten­schut­zes des Mes­sen­gers“. Am ver­gan­ge­nen Frei­tag gab ein Mos­kau­er Ge­richt ei­nem An­trag statt, den Mes­sen­ger zu blo­ckie­ren. Das ist in­des kom­pli­zier­ter als ge­dacht.

An­fang des Jah­res sam­mel­te Du­row 850 Mil­lio­nen Dol­lar von In­ves­to­ren ein, um auf der Grund­la­ge von Te­le­gram ei­ne ei­ge­ne Kryp­towäh­rung zu ent­wi­ckeln, die so ein­fach funk­tio­nie­ren soll, wie der Mes­sen­ger selbst. An­ge­sichts 200 Mil­lio­nen ak­ti­ver Nut­zer, die Te­le­gram ei­ge­nen An­ga­ben zu­fol­ge welt­weit hat, wä­re der po­ten­zi­el­le Kun­den­stamm von An­fang an rie­sig. Die 15 Mil­lio­nen Nut­zer in Russ­land fal­len da nicht son­der­lich ins Ge­wicht. Sich um ih­ret­wil­len mit dem FSB ein­zu­las­sen hät­te be­deu­tet, das glo­ba­le Ge­schäfts­mo­dell zu ge­fähr­den. Auch wenn im­mer noch vie­le nach­läs­sig sind beim Da­ten­schutz – beim Geld will nie­mand ein Ri­si­ko ein­ge­hen.

Seit Ros­kom­nad­sor am Mon­tag mit der Blo­cka­de be­gann, lie­fern sich die Ent­wick­ler ein Ha­se-und-Igel-Spiel mit den Zen­so­ren. Te­le­gram wech­selt stän­dig die IPAdres­sen, über die es sei­nen Da­ten­ver­kehr ab­wi­ckelt, und greift da­bei auf Dritt­an­bie­ter zu­rück wie Ama­zon Web Ser­vices oder Goog­le Cloud. Bei dem Ver­such auf­zu­ho­len, blo­ckiert die Be­hör­de im­mer wie­der auch un­be­tei­lig­te Drit­te. Am Di­ens­tag rich­te­te Ros­kom­nad­sor ei­ne Hot­li­ne ein, bei der Be­trof­fe­ne sich mel­den kön­nen, wenn ih­re In­ter­net­diens­te in Mit­lei­den­schaft ge­zo­gen wur­den. Man be­fin­de sich in ei­nem Rüs­tungs­wett­lauf mit den Ent­wick­lern, sag­te der Ros­kom­nad­sor-Chef Alex­an­der Scha­row der Zei­tung We­do­mos­ti. Für sei­ne Rol­le bei der Un­ter­drü­ckung ab­wei­chen­der Mei­nun­gen hat ihn die US-Re­gie­rung auf ih­re neu­es­te Sank­ti­ons­lis­te ge­setzt.

Den Nut­zern wur­de emp­foh­len, auf zwei al­ter­na­ti­ve Mes­sen­ger aus­zu­wei­chen, die bei­de zur Mail.ru Group ge­hö­ren. Mail.ru ist mehr­heit­lich im Be­sitz des Mil­li­ar­därs Ali­scher Us­ma­now, der Wla­di­mir Pu­tin in Treue ver­bun­den ist. Vor vier Jah­ren hat der Kon­zern das so­zia­le Netz­werk VKon­tak­te über­nom­men und Du­row aus dem Un­ter­neh­men ge­drängt. Der rus­si­sche Face­book-Klon hat­te einst den Grund­stein ge­legt für Du­rows Er­folg.

Die ver­blie­be­nen li­be­ra­len Me­di­en in Russ­land kri­ti­sie­ren nicht nur ei­nen neu­en Schritt bei der Ein­schrän­kung der Mei­nungs­frei­heit. Sie er­in­nern auch dar­an, dass Du­row ei­nes der we­ni­gen Bei­spie­le für ei­nen Ma­na­ger ist, der in Russ­land nicht mit Roh­stof­fen und Be­zie­hun­gen reich wur­de, son­dern mit High Tech und ei­nem in­no­va­ti­ven Pro­dukt, das von Men­schen auf der gan­zen Welt ge­nutzt wird.

Wäh­rend es in Russ­land Mo­de ge­wor­den ist, die Aut­ar­kie hoch­le­ben zu las­sen und am liebs­ten auf al­le Im­por­te aus dem Wes­ten zu ver­zich­ten, wird ei­ne der we­ni­gen glo­ba­len Er­folgs­ge­schich­ten Ma­de in Rus­sia vom Staat zer­stört und ihr Er­fin­der raus­ge­ekelt. Du­row hält sich der­zeit in Du­bai auf. Ter­ro­ris­ten fän­den an­de­re We­ge, um ver­schlüs­selt zu kom­mu­ni­zie­ren, schrieb er auf VKon­tak­te. „Aber die na­tio­na­le Si­cher­heit sinkt, wenn die per­sön­li­chen Da­ten rus­si­scher Staats­bür­ger von ei­ner neu­tra­len Platt­form ab­wan­dern zu Whatsapp und Face­book, die un­ter USKon­trol­le ste­hen.“

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