Mi­se­re ei­ner Män­ner­par­tei

Druck auf FDP-Spit­ze, ei­ne Frau­en­quo­te ein­zu­füh­ren, nimmt zu

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - POLITIK - Mi­ke szy­man­ski

Ber­lin – In der De­bat­te über Frau­en­för­de­rung in der FDP wächst in den ei­ge­nen Rei­hen der Druck auf Par­tei­chef Chris­ti­an Lind­ner. Der Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te Tho­mas Sat­tel­ber­ger, 68, der in sei­ner frü­he­ren Tä­tig­keit als Per­so­nal­vor­stand bei der Te­le­kom ei­ne Quo­te durch­ge­setzt hat­te, sieht den Vor­sit­zen­den in der Ver­ant­wor­tung, für ei­ne Frau­en­quo­te zu kämp­fen. Sat­tel­ber­ger sag­te der Süd­deut­schen Zei­tung: „Par­tei­en, die nicht viel­fäl­tig sind, sind schlecht dran, wenn sie mit den viel­fäl­ti­gen Pro­ble­men um­ge­hen müs­sen.“Mas­ku­li­ne Or­ga­ni­sa­tio­nen wür­den mas­ku­li­ne Ant­wor­ten ge­ben. „Es ist in Lind­ners ur­ei­ge­nem In­ter­es­se, das zu än­dern. Ich kann mir durch­aus vor­stel­len, dass er zum Schutz­pa­tron der Frau­en­för­de­rung wird.“Lind­ner sei schließ­lich als „Re­for­mer“an­ge­tre­ten.

Das Par­tei­prä­si­di­um hat­te am Mon­tag ein Maß­nah­men­pa­ket auf den Weg ge­bracht, um den Frau­en­an­teil der FDP wie­der zu stei­gern. En­de 2017 lag der Frau­en­an­teil bei der FDP bei nur noch knapp 22 Pro­zent – dem nied­rigs­ten Wert der ver­gan­ge­nen 30 Jah­re. Bei Ne­u­mit­glie­dern liegt der An­teil bei knapp 19 Pro­zent. Mehr Män­ner als Frau­en ga­ben der FDP zu­letzt bei den Wah­len ih­re Stim­me. Sat­tel­ber­ger ge­hört nun ei­ner Ar­beits­grup­pe an, die bis zum Jah­res­en­de Vor­schlä­ge prü­fen soll, wie die Par­tei wie­der at­trak­ti­ver für Frau­en wer­den kann. Die FDP will laut Prä­si­di­ums­be­schluss auch „er­geb­nis­of­fen“die Ein­füh­rung ei­ner Frau­en­quo­te prü­fen. Bis­her hat­ten die Li­be­ra­len ei­ne sol­che je­doch

Rai­ner Brü­der­le hat­te mit Her­ren­wit­zen noch ei­ne Se­xis­mus­de­bat­te aus­ge­löst

ei­ner Ve­rän­de­rung führt. Ich wür­de des­halb der Par­tei im­mer emp­feh­len, sich in Selbst­ver­pflich­tung Zie­le zu set­zen, egal, ob man das nun Ziel oder Ori­en­tie­rungs­wert oder auch Quo­te nennt“, sag­te Sat­tel­ber­ger. „Wenn die Grü­nen – wie es ge­ra­de ge­schieht – ih­re Hal­tung zur Gen­tech­no­lo­gie in­fra­ge stel­len, dann ist es nicht scham­los, wenn die Li­be­ra­len ih­re Hal­tung zur Frau­en­quo­te über­den­ken“, er­mun­ter­te Sat­tel­ber­ger sei­ne Par­tei.

Sat­tel­ber­ger sieht Pro­ble­me in der Au­ßen­dar­stel­lung der Par­tei, wes­halb die FDP bei Frau­en nicht mehr an­kom­me. „Ich glau­be, dass es nach wie vor der ein biss­chen mar­tia­li­sche Auf­ritt ist: Häu­fig wort­ge­wal­tig, rhe­to­risch mann­haft. Die An­mu­tung der Par­tei ist oft eher Po­sau­ne bla­sen als Re­fle­xi­on.“Zu­dem ha­be es die FDP ver­säumt her­aus­zu­stel­len, dass es in der Ge­schich­te der Par­tei­en vie­le ein­fluss­rei­che Frau­en wa­ren, die „Wei­chen ge­stellt“hät­ten. „Vie­le Frau­en wis­sen nicht, dass die FDP auch mal die Par­tei der Frau­en war“, sag­te Sat­tel­ber­ger. „Sie ha­ben nur die nächs­te Pha­se er­lebt, da war die FDP die Par­tei der „Boy-Group“, sag­te er mit Blick auf die Jah­re als Ko­ali­ti­ons­part­ner der Uni­on. Ne­ben Lind­ner als Ge­ne­ral­se­kre­tär hat­ten die Mi­nis­ter Phil­ipp Rös­ler und Da­ni­el Bahr – al­le in ih­ren Drei­ßi­gern – Füh­rungs­auf­ga­ben in­ne. Der frü­he­re Frak­ti­ons­chef Rai­ner Brü­der­le hat­te spä­ter mit Her­ren­wit­zen ei­ne Se­xis­mus­de­bat­te aus­ge­löst. „Feh­len­de Di­ver­si­tät hat da­zu ge­führt, dass Frau­en uns als ei­ne Män­ner-, zum Teil als ei­ne Jung- zum Teil als ei­ne Alt­män­ner­par­tei se­hen.“Beim Neu­auf­bau der Par­tei durch Lind­ner nach der Wahl­nie­der­la­ge 2013 sei­en die Frau­en zu kurz ge­kom­men. „Ich kann nicht aus­schlie­ßen, dass dies bei der Neu­auf­stel­lung der Par­tei ein blin­der Fleck war.“

FO­TO: PE­TER KOVALEV/IMA­GO/ITAR-TASS

Pa­pier­flie­ger zum Pro­test: Ei­ne Rus­sin de­mons­triert in Sankt Pe­ters­burg ge­gen die Blo­cka­de des Mes­sen­ger-Di­ens­tes Te­le­gram. ve­he­ment ab­ge­lehnt. Zwei der ins­ge­samt nur drei im Prä­si­di­um ver­tre­te­nen FDPFrau­en – Ge­ne­ral­se­kre­tä­rin Ni­co­la Beer und FDP-Vi­ze Kat­ja Su­ding – gin­gen je­doch nach der Prä­si­di­ums­sit­zung mehr oder we­ni­ger deut­lich auf Dis­tanz zur Quo­te. Sat­tel­ber­ger ist da­von über­zeugt, dass die FDP die De­bat­te dar­über nicht mehr los wird. Seit Jahr­zehn­ten rin­ge die Par­tei mit sich. „Sie hat fest­ge­stellt, dass ein ,im­mer mehr des Glei­chen‘ wie Men­to­ring-Pro­gram­me und öf­fent­li­che Ap­pel­le nicht zu

FO­TO: W. M. WE­BER

Der Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te Tho­mas Sat­tel­ber­ger kämpft in der FDP für Frau­en­för­de­rung. Er hat Er­fah­rung: Bei der Te­le­kom führ­te er als Per­so­nal­vor­stand ei­ne Quo­te ein.

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