Die Je­der­mann-Waf­fe

Mes­ser ge­hö­ren zu den ge­fähr­lichs­ten Kampf­ge­rä­ten. Weil die Op­fer schnell ver­blu­ten. Und vor al­lem, weil Mes­ser so leicht er­hält­lich sind. Aber wer sind die Leu­te, die da­mit zu­ste­chen? Zwei Kri­mi­na­li­täts­for­scher be­rich­ten

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - PANORAMA - Von ve­re­na may­er

Ja­nu­ar 2018, Lü­nen: Ein 15-Jäh­ri­ger er­sticht an sei­ner Schu­le ei­nen Mit­schü­ler, weil der an­geb­lich pro­vo­zie­rend guck­te. Fe­bru­ar 2018, Dort­mund: Auf ei­nem Park­deck es­ka­liert ein Streit zwi­schen Ju­gend­li­chen, Mes­ser wer­den ge­zo­gen, ein Mäd­chen stirbt an den Stich­ver­let­zun­gen. März 2018, Ber­lin: Ein 14-Jäh­ri­ger zieht in der Woh­nung ei­ner Mit­schü­le­rin ein Mes­ser, das Mäd­chen ver­blu­tet im Kin­der­zim­mer. April 2018, Ham­burg: Ein 33-Jäh­ri­ger at­ta­ckiert nach ei­nem Sor­ge­rechts­streit auf ei­nem Bahn­steig sei­ne ExPart­ne­rin und die ein­jäh­ri­ge Toch­ter mit ei­nem Mes­ser, Frau und Kind ster­ben.

Kaum ei­ne Wo­che ver­geht in Deutsch­land, in der nicht ein Ver­bre­chen be­kannt wird, bei dem Men­schen durch Mes­ser zu To­de kom­men oder schwer ver­letzt wer­den. Par­al­lel da­zu ist ei­ne De­bat­te über Mes­ser ent­brannt und dar­über, ob die­se Art der Ge­walt zu­nimmt. Die Bild-Zei­tung sieht ei­ne „Mes­ser-Epi­de­mie“um sich grei­fen, auf Twit­ter ver­brei­tet sich der Hash­tag „Mes­ser­land“. Was hat es da­mit auf sich? Wel­che Rol­le spie­len Mes­ser bei Ver­bre­chen und wer sind die Leu­te, die Mes­ser mit sich her­um­tra­gen? Und was kann man ge­gen die­se Form der Ge­walt tun?

Die Zah­len

Wie es zu Ge­walt mit Mes­sern kommt, ist gut er­forscht: in Si­tua­tio­nen näm­lich, in de­nen et­was es­ka­liert und nicht viel nach­ge­dacht wird. Mes­ser­an­grif­fe sei­en zu­meist „im­pul­siv aus­ge­führ­te Straf­ta­ten“, sagt Mar­tin Ret­ten­ber­ger, Di­rek­tor der Kri­mi­no­lo­gi­schen Zen­tral­stel­le in Wies­ba­den, die für Bund und Län­der Kri­mi­na­li­tät do­ku­men­tiert und er­forscht. Klar ist auch, wer die Tä­ter sind, haupt­säch­lich Män­ner näm­lich, wie bei den meis­ten Straf­ta­ten. We­ni­ger klar ist, wie vie­le Mes­ser­at­ta­cken in Deutsch­land über­haupt be­gan­gen wer­den. Die bun­des­wei­te Kri­mi­nal­sta­tis­tik schlüs­selt nicht auf, wie oft bei Ver­bre­chen wie Mord, Tot­schlag, Roh­heits- oder Se­xu­al­de­lik­ten Mes­ser ver­wen­det wer­den. Und die we­ni­gen Bun­des­län­der, die es tun, ver­zeich­nen ganz un­ter­schied­li­che Ent­wick­lun­gen: So ist in Hes­sen und Rhein­lan­dP­falz die Zahl der Ta­ten in den ver­gan­ge­nen Jah­ren ge­stie­gen, in Schles­wig-Holstein hin­ge­gen ge­sun­ken, und in der Haupt­stadt sind die Zah­len seit zehn Jah­ren re­la­tiv kon­stant.

Die Waf­fe

Das Mes­ser ge­hört zu den ge­fähr­lichs­ten Waf­fen. Weil die Op­fer schnell ver­blu­ten oder Bak­te­ri­en in den Kör­per ge­lan­gen. Haupt­säch­lich aber, weil Mes­ser leicht er­hält­lich sind. Vor al­lem für Ju­gend­li­che sei das Mes­ser ei­ne Art Li­fe­style-Pro­dukt ge­wor­den, sagt der So­zio­lo­ge Dirk Bai­er. Bai­er lei­tet in Zü­rich das In­sti­tut für De­lin­quenz und Kri­mi­nal­prä­ven­ti­on, seit En­de der 1990er-Jah­re be­schäf­tigt er sich mit Mes­sern. Ge­ra­de un­ter Jungs ge­hö­re es da­zu, zu­min­dest ge­le­gent­lich ein Mes­ser in der Ho­sen­ta­sche zu ha­ben, „es gibt ei­nen Hang, im Ju­gend­al­ter auf­zu­rüs­ten“. Der ist nicht neu, wenn man an die Halb­star­ken der 1950er-Jah­re denkt, zu de­ren Ma­cho­po­sen im­mer auch Mes­ser ge­hör­ten. Den­noch ge­ben die Zah­len An­lass zu Be­den­ken: Ei­ner Stu­die aus Nie­der­sach­sen zu­fol­ge, die auf Be­fra­gun­gen un­ter Ju­gend­li­chen be­ruht, zie­hen 29 Pro­zent der Jun­gen zu­min­dest ge­le­gent­lich mit ei­nem Mes­ser los, Ten­denz stei­gend. Neun Pro­zent der männ­li­chen Ju­gend­li­chen mar­schie­ren mit ih­rem Mes­ser auch mal zur Schu­le.

Man­che tun das, weil sie Angst ha­ben, ab­ge­zo­gen zu wer­den, an­de­re, um sich be­son­ders männ­lich zu füh­len. Vie­le aber hät­ten nur des­we­gen ein Mes­ser da­bei, weil al­le an­de­ren auch ei­nes ha­ben, sagt Bai­er. Oder wie es ein Schü­ler aus Ber­lin aus­drück­te, der für ei­ne Stu­die in­ter­viewt wur­de: „Ein­fach so, als Cool­ness.“Und wer sind die Ju­gend­li­chen, die ih­re Mes­ser dann auch ein­set­zen? Oft Jun­gen und Mäd­chen, die selbst Ge­walt er­lebt ha­ben oder ge­mobbt wur­den, so Bai­er. Ge­ne­rell gilt nach An­sicht des So­zio­lo­gen: Wer jung und mit Mes­ser un­ter­wegs ist, hat ein dop­pelt so ho­hes Ri­si­ko, ei­ne Ge­walt­tat zu be­ge­hen, wie Ju­gend­li­che oh­ne Mes­ser.

Die Dis­kus­si­on

Im­mer wie­der dreh­te sich die Dis­kus­si­on der ver­gan­ge­nen Wo­chen dar­um, dass un­ter Mi­gran­ten Mes­ser­an­grif­fe zu­neh­men wür­den. Tat­säch­lich gibt es in der Stu­die, die auf Schü­ler­be­fra­gun­gen aus Nie­der­sach­sen ba­siert, Hin­wei­se dar­auf, dass man­che Grup­pen häu­fi­ger Mes­ser tra­gen als an­de­re. So hät­ten Ju­gend­li­che aus Sü­d­eu­ro­pa, Po­len, Nord­afri­ka und dem ara­bi­schen Raum am häu­figs­ten Mes­ser da­bei. Es sei aber Quatsch, die Ta­ten der ver­gang­nen Wo­chen und Mo­na­te „auf die Mi­gran­ten­schie­ne“zu schie­ben, sagt Kri­mi­na­li­täts­for­scher Bai­er. Weil es schlicht kei­ne Zah­len da­zu ge­be. Und weil nicht je­der, der ein Mes­ser bei sich tra­ge, auch kri­mi­nell wer­de. Auch Mar­tin Ret­ten­ber­ger von der Kri­mi­no­lo­gi­schen Zen­tral­stel­le in Wies­ba­den hält die Dis­kus­si­on für ab­surd. „Es gibt kei­nen Kul­tur­be­griff von Ge­walt; kei­ne Re­li­gi­on, kei­ne Staats­an­ge­hö­rig­keit greift schnel­ler nach ei­nem Mes­ser.“

Das Ver­bot

Ei­gent­lich ist es in Deutsch­land ver­bo­ten, be­stimm­te Mes­ser in der Ge­gend her­um­zu­tra­gen. Kampf­mes­ser et­wa, Mes­ser ab ei­ner be­stimm­ten Klin­gen­län­ge oder sol­che, die man mit ei­ner Hand auf­schnap­pen las­sen kann. Das Waf­fen­ge­setz wur­de 2008 ver­schärft, nach­dem es zahl­rei­che töd­li­che Über­fäl­le mit Mes­sern ge­ge­ben hat­te. Was es ge­bracht hat, ist ei­ne an­de­re Fra­ge. Denn be­sit­zen darf man die Mes­ser nach wie vor, und man kann sie auch über­all kau­fen, in Waf­fen­lä­den oder im In­ter­net. Die Kon­trol­le sei schwie­rig, und ganz ver­bie­ten kön­ne man Mes­ser schließ­lich auch nicht, sagt Mar­tin Ret­ten­ber­ger.

Die Prä­ven­ti­on

Und was hilft dann? Auf­klä­rung, fin­det Ret­ten­ber­ger. Dar­über, was er­laubt ist und was nicht. Vor al­lem aber dar­über, was Mes­ser­sti­che an­rich­ten kön­nen. Das ver­sucht seit ei­ni­gen Jah­ren die Ber­li­ner Po­li­zei zu ver­mit­teln. Sie gibt an Ber­li­ner Schu­len Work­shops mit dem Ti­tel „Mes­ser ma­chen Mör­der“. Hin­ter­grund sei „die leid­vol­le Er­fah­rung der Er­mitt­ler“, dass es oft gar nicht erst zu ei­nem Ver­bre­chen ge­kom­men wä­re, wenn ein Tä­ter sein Mes­ser zu Hau­se ge­las­sen hät­te, heißt es bei der Ber­li­ner Po­li­zei. In den Kur­sen sit­zen dann Ju­gend­li­che zu­sam­men, die Mes­ser, Elek­tro­scho­cker oder Pfef­fer­spray da­bei­ha­ben oder zu­min­dest be­waff­ne­te Freun­de ken­nen, die jüngs­ten sind zwölf. Da fal­len dann Sät­ze wie: „Aber man muss doch im­mer was bei sich ha­ben“oder: „Wenn die drei sind und du ei­ner, was willst du ma­chen?“

Die Ju­gend­li­chen ler­nen, wie man sich wehrt und dass es am bes­ten ist, weg­zu­lau­fen, wenn man at­ta­ckiert wird. Und sie se­hen in Vi­de­os, was Mes­ser an­rich­ten kön­nen. Wie bei dem Op­fer, das ei­nen ein­zel­nen Stich in den Bauch be­kam und nun ein Le­ben lang ei­nen künst­li­chen Darm­aus­gang ha­ben muss. Die Kur­se sind be­liebt, ein Schü­ler, der für ei­ne Stu­die da­zu be­fragt wur­de, sag­te, am En­de sei­en sie ei­ner Meinung ge­we­sen: „Al­le fan­den das schei­ße.“

FO­TO: MAU­RI­TI­US IMAGES, AP

Fast schon Ga­ming-Ge­schich­te, aber of­fen­bar nicht frei von Schum­me­lei: das Spiel „Don­key Kong“.

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