Frei­spiel

Der Pia­nist Alex­an­der Mel­ni­kow ist ein neu­gie­ri­ger Zweif­ler, der stets die Wahr­heit sucht. Not­falls mit vier Flü­geln gleich­zei­tig

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - FEUILLETON - Rein­hard j. brem­beck

Der Bei­fall nach dem Kla­vier­kon­zert KV 453 von Wolf­gang Ama­de­us Mo­zart ist ver­klun­gen, die Büh­nen­ar­bei­ter wer­keln mit Stüh­len und No­ten­stän­dern her­um. Jetzt tre­ten drei von ih­nen, für­wahr kei­ne Her­ku­les­se, an den brau­nen Flü­gel, he­ben ihn oh­ne sicht­ba­re An­stren­gung hoch und tra­gen ihn weg. Bei­fall und La­chen bran­den im Kup­pel­saal des Han­no­ver Con­gress Cen­trums auf. Weiß doch ein je­der, dass das mit ei­nem mo­der­nen Flü­gel nie und nim­mer mög­lich wä­re.

Sehr wohl aber mit dem La­gras­sa, ei­nem um 1815 in Wi­en ge­bau­ten In­stru­ment, das gern für Auf­nah­men und Kon­zer­te ver­wen­det wird. In Han­no­ver al­ler­dings ist des­sen Kla­vier­ton an­fangs kaum zu ver­neh­men in Mo­zarts G-Dur-Kon­zert. Das liegt nicht nur an der wat­ti­gen Saa­la­kus­tik und schon gar nicht am Pia­nis­ten Alex­an­der Mel­ni­kow, die­sem neu­gie­rigs­ten und un­kon­ven­tio­nells­ten un­ter den gro­ßen Kla­vier­spie­lern. Es ist viel­mehr ein oft un­ter­schla­ge­nes Prin­zip die­ser Mu­sik.

Mo­zart auf dem Ham­mer­kla­vier ist an­ders: Der So­list muss sich vom Orches­ter erst be­frei­en

Wer Mo­zart auf dem mo­der­nen Flü­gel und von Auf­nah­men her kennt, der ist ei­nen selbst­be­wuss­ten und ganz deut­lich zu hö­ren­den So­lis­ten ge­wohnt, dem ir­gend­wo aus der akus­ti­schen Fer­ne ein Orches­ter­kol­lek­tiv ant­wor­tet. Live mit dem Ham­mer­kla­vier aber er­lebt man in Han­no­ver ge­nau das Ge­gen­teil: ein In­di­vi­du­um, das sich sei­ner schwa­chen Kräf­te voll­auf be­wusst ist, und sich den­noch aus der Umar­mung durch das er­sti­cken­de Kol­lek­tiv zu be­frei­en sucht. So wie sich das In­di­vi­du­um der Mo­zart-Zeit durch Auf­klä­rung und Fran­zö­si­sche Re­vo­lu­ti­on erst lang­sam eman­zi­pier­te. Es ist ein pa­cken­der Be­frei­ungs­kampf, bei dem es stän­dig um Le­ben und Tod geht.

Alex­an­der Mel­ni­kow ist ge­nau der rich­ti­ge Mann für solch ein Ex­pe­ri­ment. Der vor 45 Jah­ren in Mos­kau ge­bo­re­ne Pia­nist wirkt sehr se­ri­ös, ein we­nig schüch­tern, im­mer ein we­nig un­si­cher. Er scheint zu­dem stets rast­los auf der Su­che zu sein. Und die­ser Mann, der sie­ben Spra­chen spricht und über kei­ner­lei Show­ta­lent ver­fügt, gibt sich so auf der Büh­ne wie im Ge­spräch. Zu­dem ver­grü­belt und pes­si­mis­tisch.

Selbst wenn es um sei­ne Be­geis­te­rung für den Di­ri­gen­ten Teo­dor Curr­ent­zis und des­sen Trup­pe „mu­si­cAe­ter­na“geht, die mit ihm in Han­no­ver auf­tritt. Der aus At­hen stam­men­de und in Russ­land na­tu­ra­li­sier­te Curr­ent­zis ist der Shoo­ting Star der Sze­ne, ein In­di­vi­dua­list und Show­ta­lent, ei­ne kon­tro­vers dis­ku­tier­te Er­schei­nung, der wie ein Der­wisch über die Büh­ne tanzt. Mel­ni­kow, der so viel ru­hi­ge­re und zwei­feln­de­re Mu­si­ker, hat Curr­ent­zis vor Ur­zei­ten ken­nen und lie­ben ge­lernt, als der in St. Pe­ters­burg stu­dier­te. Er ist ihm ge­ra­de­zu hö­rig. Nur für Curr­ent­zis wür­de Mel­ni­kow mit dem akus­tisch so heik­len La­gras­saHam­mer­kla­vier auf Tour­nee ge­hen. Er wür­de selbst dann noch mit­ma­chen, wenn der Di­ri­gent ei­ne völ­lig an­de­re Auf­fas­sung von ei­nem Stück hät­te als er selbst. „Weil er so stark und wich­tig ist für mich als Mu­si­ker und Mensch. Wenn er zu mir sa­gen wür­de ‚Sascha, du musst aus dem Fens­ter sprin­gen‘, dann wür­de ich es ma­chen. Ich fin­de es ein­fach sinn­voll, was er macht.“

Star­ke Mu­si­ker­per­sön­lich­kei­ten ha­ben Mel­ni­kow schon früh ge­prägt. Sei­ne Mut­ter, ei­ne Alt­phi­lo­lo­gin und Schrift­stel­le­rin, kann­te den le­gen­dä­ren Pia­nis­ten Swja­toslaw Rich­ter. Sie be­glei­te­te Rich­ter 1986 auf des­sen rie­si­ger Tour­nee durch die So­wjet­uni­on bis nach Ja­pan, im Au­to, manch­mal im Zug. Dar­über hat sie ein Buch ge­schrie­ben, das auch auf Deutsch er­schie­nen ist (Wa­len­ti­na Tschem­berd­schi: Swja­toslaw Rich­ter. Ei­ne Rei­se durch Si­bi­ri­en. Re­si­denz-Ver­lag, 1992). Trotz die­ser Nä­he trau­te sich Mel­ni­kow lan­ge nicht vor Rich­ter zu spie­len. Aber er war sein frü­her und wich­tigs­ter Be­zugs­punkt, bis heu­te hält sei­ne Ver­eh­rung für ihn an: „Er war da­mals für mich Re­li­gi­on.“

Es ist ty­pisch für den rast­los neu­gie­ri­gen Mel­ni­kow, dass er sich aber nicht nur durch den Tra­di­tio­na­lis­ten Rich­ter in­spi­rie­ren ließ, son­dern gleich­zei­tig auch durch den so völ­lig an­ders ge­ar­te­ten Ale­xei Lju­bi­mow, Jahr­gang 1944. Die­ser „Gu­ru des Ham­mer­kla­viers“(Mel­ni­kow), woll­te im­mer al­les an­ders ma­chen, er be­geis­ter­te sich für die ra­di­ka­le Avant­gar­de und spiel­te, was für ein Pa­ra­dies­vo­gel, über­all in der So­wjet­uni­on Kon­zer­te auf Cem­ba­lo und Ham­mer­kla­vier. Mel­ni­kow sagt über Lju­bi­mow: „Er hat bis heu­te ein un­glaub­li­ches Feu­er. Was wich­tig ist, um neue We­ge zu fin­den.“Da­mit cha­rak­te­ri­siert sich Mel­ni­kov selbst. Es ist ty­pisch für die­sen Pia­nis­ten, dass er im Re­den über be­wun­der­te Kol­le­gen stets sol­che Selbst­por­träts lie­fert.

Mel­ni­kow ver­sucht die Syn­the­se sei­ner Vor­lie­ben, al­so von mo­der­nem Flü­gel und his­to­ri­schem Ham­mer­kla­vier. Er ver­bin­det in sich Rich­ter und Lju­bi­mow ge­nau­so wie sei­ne bei­den an­de­ren gro­ßen Vor­bil­der, den di­ri­gie­ren­den Pia­nis­ten Mich­ail Plet­njow und den Ham­mer­kla­vier­spie­ler Andre­as Stai­er. Da­bei geht er in die­ser Sai­son sehr viel wei­ter mit die­ser Syn­the­se als je­der an­de­re. In sei­nem Ber­li­ner Stu­dio ste­hen fünf In­stru­men­te le­gen­dä­rer Kla­vier­bau­er: die Ko­pie ei­nes Flü­gels von An­ton Wal­ter (für Mo­zart), ein Ori­gi­nal von Alois Graff (für Beet­ho­ven und Schu­mann), ein Ér­ard (für Cho­pin), ein Bö­sen­dor­fer und ein mo­der­ner St­ein­way. Mel­ni­kow kom­men­tiert dies la­ko­nisch: „Und das war’s.“

Neu­er­dings geht er mit min­des­tens vier die­ser In­stru­men­te auf Tour­nee, er hat auch schon ei­ne sen­sa­tio­nel­le CD auf­ge­nom­men mit Franz Schu­berts Wan­de­rer­Fan­ta­sie, Frédé­ric Cho­pins ers­tem Etü­denZy­klus, Franz Liszts „Don Juan“-Pa­ra­phra­se und Igor Stra­wins­kys „Pé­trouch­ka“. Das sind al­les Vir­tuo­sen­stü­cke, und je­des von ih­nen spielt der Vir­tuo­se Mel­ni­kow mit ele­gan­tem Un­der­state­ment auf ei­nem an­de­ren In­stru­ment (Har­mo­nia Mun­di). „Ich woll­te kei­nen Zir­kus ma­chen. Aber so kann man leich­ter se­hen, wo die Gren­zen der je­wei­li­gen In­stru­men­te sind, wo ein Kom­po­nist die­se Gren­ze er­reicht und wo er manch­mal noch wei­ter­geht.“

Da­bei geht es Mel­ni­kow – „ich bin auf kei­nen Fall ein Pu­rist“– nicht um die his­to­ri­sche Re­kon­struk­ti­on ei­ner un­wie­der­bring­lich ver­lo­ren ge­gan­ge­nen Rea­li­tät, son­dern um ei­ne neue Äs­t­he­tik, die den al­ten Stü­cken den Zu­gang zum Heu­te er­leich­tert. Ers­tens sind die­se Stü­cke auf ei­nem his­to­ri­schen Flü­gel leich­ter zu spie­len. Zwei­tens: „Es klingt bes­ser für mich.“Was aber Ge­schmacks­sa­che sei. Und drit­tens: „Auf dem Ham­mer­kla­vier kann man viel mehr De­tails her­aus­ar­bei­ten. Beim St­ein­way gibt es zu vie­le stö­ren­de Ober­tö­ne, er wird sehr schnell viel zu laut und er­zeugt ei­nen Stau in den Oh­ren.“

Selbst­kri­tisch wie Mel­ni­kow ist, weist er gleich auf ein De­fi­zit sei­ner Aus­wahl hin, in der Beet­ho­ven fehlt. Aus­ge­rech­net je­ner Kom­po­nist, des­sen „Ein­fluss auf den Kla­vier­bau grö­ßer war als der al­ler an­de­ren Kom­po­nis­ten zu­sam­men.“Aber es sei ihm schlicht un­mög­lich, Beet­ho­ven mit ei­nem an­de­ren Kom­po­nis­ten zu kom­bi­nie­ren. Da spricht der Äs­t­het Mel­ni­kow, der ein fei­nes Ge­spür für Qua­li­tät hat. So sei die Wan­de­rer-Fan­ta­sie ei­ner von Schu­berts Ver­su­chen, „et­was Vir­tuo­ses zu schrei­ben – was aber kein hun­dert­pro­zen­ti­ger Er­folg war“. Von Ser­gej Pro­kof­jew sagt er, dass der im­mer ein Avant­gar­dist und Re­vo­lu­tio­när sein woll­te, aber letzt­lich ein ly­ri­scher Kom­po­nist ge­blie­ben sei, des­sen Ton­spra­che sich kaum von der des Ro­man­ti­kers Ser­gej Rach­ma­ni­now un­ter­schei­de. Und dann gibt es so­gar ei­nen – nur ei­nen – Kom­po­nis­ten, den er re­gel­recht hasst: Dmi­tri Ka­ba­lew­ski. „Ich fin­de das vul­gär und nicht ta­len­tiert und nicht echt, ein­fach Dreck.“

Ge­nau­so kri­tisch geht er mit sich selbst ins Ge­richt. Es ge­be so viel gu­te Mu­sik, auf die er neu­gie­rig ist, und er kön­ne nicht Nein sa­gen, wenn man ihm ein in­ter­es­san­tes Stück an­trägt. Des­halb führt er mehr Stü­cke in ei­ner Sai­son auf als zehn sei­ner Pia­nis­ten­kol­le­gen zu­sam­men. „Ich spie­le so vie­le Sa­chen, und dann bin ich nicht so gut vor­be­rei­tet und sehr un­si­cher. Ich muss das än­dern.“Aber das klingt nicht wirk­lich über­zeu­gend aus dem Mund ei­nes Man­nes, der auch im Ge­spräch rast­los und ge­trie­ben wirkt. Der von sich sagt: „Ich bin nicht prä­ten­ti­ös“und „Ich bin an­ders“und „Ich bin sehr di­rekt“. Und der sich selbst nicht als Künst­ler sieht, son­dern als Mu­si­ker, des­sen Beruf völ­lig zweit­ran­gig sei.

FO­TO: JULIEN MIGNOT

Rast­los und ver­grü­belt: Alex­an­der Mel­ni­kow ist der un­kon­ven­tio­nells­te un­ter den gro­ßen Kla­vier­spie­lern.

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