Papa gibt noch ei­nen aus

Ge­ständ­nis­se, Be­säuf­nis­se, Be­kennt­nis­se: Andrea Breth in­sze­niert am Wie­ner Burg­thea­ter Eu­ge­ne O’Neills Fa­mi­li­en­tra­gö­die „Ei­nes lan­gen Tages Rei­se in die Nacht“als lang­at­mi­ges Kon­ver­sa­ti­ons­thea­ter in End­zeit­stim­mung

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - FEUILLETON - Von chris­ti­ne dös­sel

Mor­gens um halb neun ist der Tag schon ge­lau­fen. End­zeit­stim­mung von An­fang an. Mar­tin Ze­het­gru­bers nacht­schwar­ze Büh­ne zeigt nicht et­wa das Som­mer­haus der Fa­mi­lie Ty­ro­ne in New Lon­don, Con­nec­ti­cut, in des­sen Wohn­zim­mer Eu­ge­ne O’Neills Dra­ma „Ei­nes lan­gen Tages Rei­se in die Nacht“spielt, und zwar an ei­nem ein­zi­gen Tag: von mor­gens nach dem Früh­stück, wo al­le noch so tun, als sei ih­re Welt in Ord­nung, bis zum Voll­rausch ge­gen Mit­ter­nacht in der Geis­ter­stun­de der Be­kennt­nis­se und Ge­ständ­nis­se.

Nein, statt ei­ner rea­lis­ti­schen Sze­ne­rie zeigt Mar­tin Ze­het­gru­ber ein sym­bo­li­sches Was­te Land: ei­ne von Was­ser um­spül­te Gesteins­land­schaft mit kohl­schwar­zen Fels­bro­cken, die im Büh­nen­hin­ter­grund auf ei­ner Dreh­schei­be ge­mäch­lich ro­tie­ren. Vor und zwi­schen die­sen Me­teo­ri­ten sind schwar­ze Stüh­le dra­piert – Rest­mo­bi­li­ar aus dem bür­ger­li­chen Fa­mi­li­en­le­ben, von wel­chem auch der vor­ge­la­ger­te Par­kett­bo­den zeugt, der rech­ter Hand spitz über die Ram­pe hin­aus in den Zu­schau­er­raum ragt, als su­che er dort An­schluss.

Das Walske­lett ist auch Me­ne­te­kel für ei­ne vom Auss­ter­ben be­droh­te Art des Thea­ters

Im Hin­ter­grund der düs­te­ren Gesteins­land­schaft, die na­tür­lich ei­ne See­len­land­schaft ist, liegt ein rie­si­ges Tier­ske­lett. Erst im Schluss­bild bug­siert die Dreh­schei­be es zur vol­len An­schau­ung nach vor­ne: Es ist das Ske­lett ei­nes ge­stran­de­ten Wals, das am En­de da­liegt wie ein fos­si­les Me­ne­te­kel – Sym­bol viel­leicht auch für ei­ne Art von Thea­ter, die an die­sem vier St­un­den lan­gen Abend im Wie­ner Burg­thea­ter zwar mit fast schon mut­wil­lig be­geis­ter­tem Ap­plaus ge­fei­ert wird, die wohl aber auch vom Auss­ter­ben be­droht ist.

Re­gie ge­führt hat die Alt­meis­te­rin Andrea Breth, de­ren Nim­bus als ge­stren­ge Text- und See­len­ab­grund­for­sche­rin ihr über die Jahr­zehn­te ei­nen sol­chen Hei­den­re­spekt ein­ge­tra­gen hat, dass ih­re Ins­ze­nie­run­gen im­mer gleich un­ter Ge­nie­ver­dacht ste­hen. Selbst (oder ge­ra­de) dann, wenn sie we­ni­ger mit­rei­ßend als an­stren­gend das Stück nach­buch­sta­bie­ren und da­bei sug­ges­tiv mit dem selbst­auf­er­leg­ten An­spruch „Ach­tung, Thea­ter­kunst!“win­ken.

Das Text­durch­drin­gungs­thea­ter der Andrea Breth wird zum Teil der­art lang­at­mig und ehr­fürch­tig ze­le­briert, dass es oft hehr und sym­bol­schwer da­her­kommt. Wer will das heu­te noch so be­weih­räu­chernd se­hen? An­de­rer­seits trumpft das Text­durch­drin­gungs­thea­ter der Andrea Breth re­gel­mä­ßig mit der­art ex­qui­si­ten Schau­spiel­künst­lern auf – in die­sem Fall: Sven-Eric Bech­tolf, Corinna Kirch­hoff, Alex­an­der Fehling, Au­gust Diehl und Andrea Wenzl –, dass die Stü­ck­er­kun­dung mit ih­nen auch zur Ent­de­ckungs­rei­se wird. Wer möch­te sol­che Vir­tuo­si­tät nicht se­hen, sich nicht da­von be­geis­tern las­sen?

Im Span­nungs­feld die­ser bei­den Po­le ist auch Breths „Lan­gen Tages Rei­se in die Nacht“an­ge­sie­delt. Die Ins­ze­nie­rung ist ein schwe­rer Fall von Kon­ver­sa­ti­ons­thea­ter in ex­ten­so. Sie ver­langt ei­nem gro­ße Ge­duld und Kon­zen­tra­ti­on ab, Zu­hö­rer­qua­li­tä­ten. Sze­nisch wird nicht viel ge­bo­ten. Die Fi­gu­ren wir­ken auf der ner­vig-be­deu­tungs­schwe­ren End­zeit­büh­ne wie letz­te Über­le­ben­de. Ver­lo­re­ne Exis­ten­zen. Viel­leicht sind es auch Ge­spens­ter. Und die Welt: tot. Ein um­ge­stürz­ter Ha­fen. Ein Son­nen­ge­müt, wer da nicht de­pres­siv wird.

„Ei­nes lan­gen Tages Rei­se in die Nacht“ist ein hand­lungs­ar­mes, an Vor­wür­fen, Dis­pu­ten und Le­bens­beich­ten um­so rei­che­res, fast möch­te man sa­gen: ge­schwät­zi­ges Stück, das wie vom Whis­ky ge­schmiert läuft und trun­ke­ne Wie­der­ho­lung­s­pi­rou­et­ten dreht, bis sich al­le al­les an den Kopf ge­wor­fen und ih­ren See­len­müll vor­ein­an­der aus­ge­kippt ha­ben – bes­ter O’Neill, schlech­tes­ter Ib­sen. Der Au­tor wid­me­te das Dra­ma sei­ner drit­ten Frau Car­lot­ta und ver­füg­te, dass es erst 25 Jah­re nach sei­nem Tod auf­ge­führt wer­den dür­fe – we­gen des zu­tiefst au­to­bio­gra­fi­schen In­halts. Car­lot­ta hielt sich nicht dar­an und gab das Stück nach O’Neills Tod 1956 frei. Noch im sel­ben Jahr wur­de es in Stock­holm ur­auf­ge­führt.

O’Neill hat in der zer­mür­ben­den Sucht­tra­gö­die sei­ne Fa­mi­li­en­ge­schich­te ver­ar­bei­tet. Schon die Büh­nen­an­wei­sung gibt ex­akt das In­te­ri­eur des Hau­ses wie­der, in dem der No­bel­preis­trä­ger die Som­mer sei­ner Kind­heit ver­brach­te. Bei Breth ist es Au­gust Diehl, der zu Be­ginn die­se Sze­nen­an­wei­sung vor­trägt, wäh­rend die Büh­ne sich in ih­rer Düs­ter­nis aus­brei­tet und in der Fer­ne ein Paar tanzt. Es sind Ja­mes und Ma­ry Ty­ro­ne, ver­hei­ra­tet und schick­sal­haft ver­strickt seit 35 Jah­ren, er ein Säu­fer, sie mor­phi­um­süch­tig. Sie ha­ben zwei Söh­ne, Ja­mie und Ed­mund, auch die sind dem Al­ko­hol nicht ab­ge­neigt, vor al­lem Ja­mes Ju­ni­or flüch­tet sich in nächt­li­che Sex- und Sau­f­ex­zes­se. Ed­mund wie­der­um ist bläss­lich und krank, er lei­det an Tu­ber­ku­lo­se, aber das will nie­mand wahr­ha­ben, man spricht von ei­ner „Som­mer­grip­pe“.

Meis­ter der Ver­drän­gung sind sie al­le in die­ser schreck­lich mo­no­li­thi­schen Fa­mi­lie. Mut­ter Ma­ry ist ge­ra­de von ei­nem Ent­zug zu­rück und tut so, als sei sie weg von der Na­del. Aber al­le ah­nen, fürch­ten, wis­sen: Wenn sie sich nach oben zu­rück­zieht, ist es nicht, wie sie vor­gibt, we­gen ih­rer rheu­ma­ti­schen Hän­de. Son­dern we­gen der Ver­lo­ren­heit, aus der sich die­se ein­sa­me Frau in die Ent­rü­ckung der Sucht flüch­tet.

Kein wirk­li­ches Zu­hau­se zu ha­ben, ist das Leit­the­ma ih­res Leids. Ein Ehe­le­ben lang ist sie mit ih­rem Mann, dem Tour­nee­schau­spie­ler, von Kle­in­stadt zu Kle­in­stadt ge­zo­gen, hat in bil­li­gen Ho­tels über­nach­tet, nie Freun­de ge­won­nen, ein Kind und ih­ren christ­li­chen Glau­ben ver­lo­ren. Ma­ry ist das brü­chi­ge Zen­trum der Auf­füh­rung – wie ein ver­glim­men­der Stern, um den die an­de­ren krei­sen und ban­gen; das ha­va­rie­ren­de Mut­ter­schiff.

Corinna Kirch­hoff spielt sie mit er­le­se­ner Tra­gö­din­nen­grö­ße, un­end­lich stolz, un­end­lich trau­rig, ei­ne Whi­te La­dy im knö­chel­lan­gen Som­mer­man­tel, mit wal­len­der Spit­ze dar­un­ter (Françoi­se Cla­vel hat für al­le Fi­gu­ren hel­le Lei­nen­kos­tü­me wie aus dem Som­mer 1912 ent­wor­fen). Es hat et­was Rüh­ren­des, wie die­se Frau um Hal­tung und Wür­de ringt, wie sie hilf­los al­len et­was vor­lügt, sie kann da auch ganz spitz und de­zi­diert wer­den und ih­re Stim­me zi­ckig hoch­schril­len las­sen.

Der fie­be­r­äu­gi­ge Ed­mund, O’Neills Al­ter Ego, ist die ein­sams­te Fi­gur auf der Büh­ne

Dann wie­der, auf den Wel­len der Dro­ge se­gelnd, ist sie mäd­chen­haft ver­spielt und ver­träumt, um am Schluss („Auf­tritt Ophe­lia!“) end­gül­tig in ih­re Klos­ter­schuler­in­ne­run­gen ab­zu­drif­ten, lei­se vor sich hin brab­belnd (mit raf­fi­nier­ter Laut­ver­stär­kung), nicht mehr von die­ser Welt.

Zu den Ab­son­der­lich­kei­ten die­ses red­se­lig aus­ge­walz­ten Abends ge­hört, wie tro­cken er ist. Da­bei geht es um Rausch und De­li­ri­um. Zu den Er­freu­lich­kei­ten zählt, dass Sven-Eric Bech­tolf mal wie­der Thea­ter spielt. Er ist ein groß­ar­tig ro­bus­ter, wo es sein muss kalt­schnäu­zi­ger und selbst­ge­nüss­li­cher Schau­spie­ler, der als Geiz­hals Ja­mes Ty­ro­ne mit Zi­gar­re im Maul und Bauch-raus-Hal­tung auch ko­mi­sche Zü­ge hat. Be­we­gend die Sze­ne, in der er von der bit­te­ren Ar­mut sei­ner Kind­heit be­rich­tet. Emo­tio­nal ist die­ser Ja­mes völ­lig un­be­hol­fen. Wenn Ed­mund ihm in ei­nem Mo­ment der Ver­traut­heit da­von er­zählt, wie er ein­mal das Ge­fühl hat­te, sich auf­zu­lö­sen und in „et­was Grö­ße­rem“auf­zu­ge­hen, schläft der Va­ter ein. Ed­munds Art der Poe­sie hält er oh­ne­hin für „mor­bi­den Dreck“.

Au­gust Diehl ist na­tür­lich ei­ne Ide­al­be­set­zung für die­sen an der Lun­ge wie am Le­ben kran­ken Ed­mund (Eu­ge­ne O’Neills Al­ter Ego). Bleich, fie­be­r­äu­gig und zart, ist die­ser dem Tod ge­weih­te Po­et die ein­sams­te Fi­gur auf der Büh­ne. Und die fein­füh­ligs­te. Oft sitzt er ein­fach nur da, ver­nach­läs­sigt von den an­de­ren, spä­ter fast er­würgt in ei­nem Has­s­aus­bruch sei­nes Bru­ders Ja­mie (Alex­an­der Fehling spielt ihn mit dem Rau­bein-Charme ei­nes zy­ni­schen Prinz Har­ry). Im Blick auf die ver­geb­li­che Lie­bes­müh in sei­ner Fa­mi­lie scheint Ed­mund ei­ne Men­sch­lich­keit und Mil­de zu ent­wi­ckeln, die fast et­was Hei­li­ges hat. Je­den­falls et­was Ver­söhn­li­ches. Am En­de sitzt er al­lei­ne auf der Büh­ne, hin­ter ihm das Walske­lett, und so traum­se­lig, wie Diehl grinst, möch­te man ei­ne Me­lo­die an­stim­men: Oh du lie­ber Au­gus­tin, al­les ist hin.

FO­TO: BERND UH­LIG / BURG­THEA­TER

Streit­sze­nen ei­ner Ehe: Corinna Kirch­hoff und Sven-Eric Bech­tolf als Ma­ry und Ja­mes Ty­ro­ne.

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