POPKOLUMNE

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - FEUILLETON -

Pop lebt von der Über­trei­bung. Da­von, dass man sich auf­bläht und auf­bäumt – auch wenn die Rea­li­tät da­hin­ter oft in sich zu­sam­men­schrumpft. Au­ßer bei Beyon­cé. De­ren Rea­li­tät ist ein­fach grö­ßer als die an­de­rer Men­schen. Wes­halb es auch nicht über­trie­ben ist, et­was als his­to­risch zu be­zeich­nen, das wirk­lich his­to­risch ist: Beyon­cés Kon­zert beim Coa­chel­la-Fes­ti­val in Ka­li­for­ni­en am Sams­tag­abend. Ein his­to­ri­scher Mo­ment, nicht nur weil sie die ers­te schwar­ze Frau ist, die bei dem re­nom­mier­ten Fes­ti­val den Haupt­auf­tritt über­neh­men durf­te, son­dern auch weil er ein­drucks­voll Beyon­cés Be­deu­tung für den zeit­ge­nös­si­schen Pop zeig­te. Halb nu­bi­sche Göt­tin, halb Süd­staa­ten-Girl mar­schier­te sie über die Büh­ne. Hin­ter ihr, ne­ben ihr, über ihr: Tän­ze­rin­nen, Tromm­le­rin­nen, und ei­ne rie­si­ge Brass­band. Beyon­cé spiel­te ih­re größ­ten Hits, und Ehe­mann Jay-Z war beim Du­ett nicht mehr als Staf­fa­ge. War er nicht mal ein Rap-Su­per­star? Egal. Platz da. „Who run the world? Girls.“Beyon­cé ver­ein­te dann noch kurz mal Des­ti­ny’s Child wie­der. Und lie­fer­te sich ein Dan­ce-Batt­le mit Schwes­ter So­lan­ge. Zwi­schen­durch gab’s noch Zi­ta­te von Ni­na Si­mo­ne und Mal­com X und ei­ne er­grei­fen­de Per­for­mance von „Lift Every Voice And Sing“, der schwar­zen Na­tio­nal­hym­ne. Die Fes­ti­val-Sai­son hat ge­ra­de erst be­gon­nen, und schon fragt man sich, was denn da jetzt ei­gent­lich noch kom­men soll?

Ufo361 Über­haupt: Wer über den Echo in die­sen Ta­gen mal wie­der den Glau­ben an die deut­sche Pop­mu­sik ver­lo­ren hat, dem sei un­be­dingt „Fake“(Glit­ter­hou­se/In­di­go) emp­foh­len, das neue Al­bum von Die Ner­ven. Auf ih­rem vier­ten Al­bum hat die bes­te Stutt­gar­ter Band der Welt die Punk-At­ti­tü­de ein we­nig (wirk­lich nur ein klein we­nig, ver­spro­chen!) zu­rück­ge­nom­men und ih­ren Sound ge­öff­net. Zwi­schen Ne­wWa­ve-Syn­thies wa­bern im­mer noch mit schar­fer Kan­te ge­spiel­te Gi­tar­ren. Im Mu­sik­vi­deo zu „Angst“, dem Song, der der Band 2014 ih­ren Durch­bruch be­scher­te, ver­kör­per­ten Dirk von Lowt­zow und To­co­tro­nic die Band. Heu­te ver­wan­deln sich Die Ner­ven im­mer mehr in To­co­tro­nic. Die gran­dio­se Sing­le „Nie­mals“ist so ei­ne klas­si­sche Ab­leh­nungs­ges­te, wie man sie von Dirk von Lowt­zow kennt. Das Schlag­zeug rum­pelt vor­an, die of­fe­nen Gi­tar­ren­ak­kor­de pur­zeln in den Song hin­ein, und Sän­ger Max Rie­ger singt: „Fin­de nie­mals zu dir selbst, nie­mals, nie­mals, nie­mals.“Ein Ma­ni­fest ge­gen die Ar­ri­viert­heit. Der Rest ist mal wü­tend bro­deln­de, mal zärt­lich ver­lo­re­ne Gi­tar­ren­mu­sik. Und auch schon wie­der so er­staun­lich gut, dass man sich fragt, was da jetzt noch kom­men soll.

Pop ist ei­ne schnell­le­bi­ge Kunst, aber manch­mal muss man trotz­dem ei­ne Ewig­keit war­ten. 37 Jah­re auf Bri­an Wil­sons „Smi­le“et­wa, im­mer­hin 15 Jah­re auf „Chi­ne­se De­mo­cra­cy“von Guns n’Ro­ses. Vor 14 Jah­ren ist das letz­te Al­bum von A Per­fect Cir­cle er­schie­nen, je­ner Al­ter­na­ti­ve-Rock-Prog-Me­tal-Su­per­group, die sich dar­auf ver­stand, kom­pli­zier­te Fri­ckel­mu­sik für Men­schen zu spie­len, die kom­pli­zier­te Fri­ckel­mu­sik ei­gent­lich nicht mö­gen. Das neue Al­bum „Eat The Ele­phant“(BMG/War­ner) ist nun gar nicht so kom­pli­ziert, da­für aber auch gar nicht so lie­bens­wert. Zu­sam­men­ge­klatsch­te Gen­re­ver­satz­stü­cke in ei­ner bit­ter­kal­ten Pro­duk­ti­on, in der im­mer ir­gend­et­was klirrt, sei es das Pia­no, das Glo­cken­spiel oder die Stim­me von May­nard Ja­mes Ke­en­an. Lie­ber schnell ver­ges­sen und auf das neue Al­bum von Ke­en­ans Haupt­band

war­ten. Das ist ja auch erst seit zwölf Jah­ren fäl­lig.

Tool Zum Schluss noch ei­ne Ver­öf­fent­li­chung aus der Kis­te mit den Merk­wür­dig­kei­ten der be­son­de­ren Art: Sting und Shag­gy ha­ben ei­ne ge­mein­sa­me Plat­te ge­macht. Sie heißt „44/876“(In­ter­scope/Uni­ver­sal) und klingt ge­nau­so wie die Or­te, an de­nen Sting und Shag­gy sie im Som­mer auf­füh­ren wer­den: sanf­te Blä­ser für den Ba­rock­gar­ten des Füs­se­ner Fest­spiel­hau­ses, Off­beat im Schloss Sa­lem. „Der Geist von Bob Mar­ley ver­folgt mich“, singt Sting. Das könn­te schau­er­lich sein, ist aber El­der-Sta­tes­man-Reg­gae mit ei­nem Pop-Herz aus Gold.

Vor we­ni­gen Ta­gen ist das De­büt­al­bum von er­schie­nen. Nach drei gu­ten, aber doch et­was red­un­dan­ten Mixtapes („Ich bin 1 Ber­li­ner“, „Ich bin 2 Ber­li­ner“, usw.) ist der Rap­per end­lich aus fla­chen Wort­spiel­chen raus­ge­wach­sen und hat die düs­ters­te und schwers­te Mu­sik sei­ner Kar­rie­re auf­ge­nom­men. „808“(Stay High/Groo­ve Attack) ist die Dampf­wal­ze, die ganz lang­sam über den deut­schen Cloud-Rap rollt. „Ba­len­cia­ga“statt Su­pre­me. Die Sna­re klap­pert, die Wor­te deh­nen sich zwi­schen tiefs­ten Beats. Ufo361 ist ein wei­te­rer Be­weis da­für, wie gut deut­scher Rap jen­seits von preis­ge­krön­ten An­ti­se­mi­ten ge­ra­de ist.

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