Die Her­rin der Flie­gen

Ei­gent­lich woll­te As­trid Klein ja Schrift­stel­le­rin wer­den, jetzt herrscht sie über Bil­der. Ei­ne Re­tro­spek­ti­ve in Ham­burg

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - FEUILLETON - Till brieg­leb

Wer sich da­mit be­schäf­tigt, wie Se­xua­li­tät und Ge­walt mit­ein­an­der ver­wach­sen sind und wie die­se Trie­be das schein­bar fried­vol­le Ge­sell­schafts­le­ben prä­gen, dem lie­fert As­trid Klein zur An­schau­ung ei­nen opu­len­ten Bild­at­las. Seit den Sieb­zi­ger­jah­ren chif­friert die Köl­ner Künst­le­rin Mo­ti­ve, die sich um Lust und Do­mi­nanz, Ad­re­na­lin und Sinn­lich­keit, se­xu­el­le An­zie­hung und be­schä­men­de Ent­blö­ßung dre­hen. Es sind Stills ei­ner er­klär­ten Frei­heits­kul­tur, ein­ge­fro­re­ne Mo­men­te aus dem Fluss be­lieb­ter Kunst­pro­duk­tio­nen, die sie mit ih­ren Col­la­gen aus der Zeit nimmt und fi­xiert. Und plötz­lich kit­zeln die An­sich­ten von Film­stars wie Bri­git­te Bar­dot, Ca­the­ri­ne De­neuve oder So­phia Lo­ren, von Hel­den, Krie­gern und zu­pa­cken­den Na­tu­ren nicht mehr die Schau­lust, son­dern stel­len ei­ne ziem­lich kla­re Fra­ge: nach der Her­kunft von Ag­gres­si­vi­tät in un­se­ren Be­zie­hun­gen, und zwar ge­dul­de­ter, er­wünsch­ter wie er­schre­cken­der Ag­gres­si­vi­tät.

Die um­fas­sen­de und von As­trid Klein selbst ge­häng­te Re­tro­spek­ti­ve in der Samm­lung Fal­cken­berg in Ham­burg-Har­burg, die aus der Ent­wick­lung ei­nes Werk­ver­zeich­nis­ses ih­rer Ar­bei­ten aus 45 Jah­ren ent­stan­den ist, be­leuch­tet die­se Herr­schaft der ag­gres­si­ven See­len­me­cha­nik mit Uner­müd­lich­keit und mit­tels ver­schie­de­ner Me­di­en und Kon­zep­te. An­fäng­lich mit klei­nen Acryl­zeich­nun­gen auf schwar­zer Sei­de, die nack­te Lei­ber oh­ne Ge­sicht in du­bio­sen, er­reg­ten, sa­dis­ti­schen und bru­ta­len Mi­nia­tur­sze­nen voll li­bi­di­nö­ser Sym­bo­lik zei­gen. Dann in mit­tel­for­ma­ti­gen Col­la­gen ero­tisch auf­ge­la­de­ner Sze­nen aus fran­zö­si­schen Fil­men und Zeit­schrif­ten, die sie mit Schlag­zei­len und Text­frag­men­ten in ih­rer Bild­aus­sa­ge hin­ter­frag­te, et­wa wenn die sehr gro­be Umar­mung ei­ner halb­nack­ten Frau sar­kas­tisch da­mit be­grün­det wird, „dass voll­kom­me­ne Lie­be die Angst aus­trei­be“.

Schließ­lich mit den wand­gro­ßen For­ma­ten in den Acht­zi­gern, die be­droh­li­che Ge­gen­sät­ze in­sze­nier­ten und Klein zu ei­ner der ge­frag­tes­ten Künst­le­rin­nen der Vor­wen­de­zeit wer­den lie­ßen. In der ty­pi­schen Stim­mung die­ses Jahr­zehnts, das ge­prägt war von Wohl­stands­satt­heit und dif­fu­ser Angst vor Welt­zer­stö­rung, von der wis­sen­schaft­li­chen Au­f­ar­bei­tung der Na­zi­zeit und der Politik Helmut Kohls, schuf As­trid Klein prä­gnan­te Bild­ge­gen­sät­ze in farb­lo­ser Düs­ter­heit. Ein Wolfs­schat­ten be­droht hin­ter St­a­chel­draht ei­nen weib­li­chen Kör­per­um­riss. Ein Schä­del­berg häuft sich vor ei­ner Qua­dri­ga. Ein sich auf­lö­sen­der Kör­per liegt vor Trüm­mern, hin­ter de­nen Wal­hal­la strahlt wie ein Ver­steck des Bö­sen.

Selbst die abs­trak­tes­ten Ar­bei­ten As­trid Kleins kann man nicht le­sen, oh­ne auf Hal­tung zu sto­ßen, die durch die Ver­bin­dung von Bild und Text zur kon­kre­ten An­spra­che wird. Ih­re wei­ßen Bil­der mit blas­sen Text­zei­len, die sie ab En­de der Acht­zi­ger pro­du­zier­te, als ihr der Kunst­markt­rummel zu viel wur­de und sie sich ei­ne Zeit men­ta­ler Klös­ter­lich­keit ver­ord­ne­te, tra­gen Ti­tel wie „Wahn­zet­tel“oder „Nach­dem ich mei­ne Träu­me sorg­fäl­tig ver­schlang“. Sie zei­gen die ent­führ­te Mil­lio­närs­toch­ter, die sich ih­ren Ent­füh­rern an­schloss, Pat­ty He­arst, 1974 bei ei­nem Bank­über­fall. Oder sie dre­hen sich in ei­ner as­ke­ti­schen Col­la­ge aus weiß über­mal­ten Kle­be­strei­fen mit dem Ti­tel „Die gif­ti­gen Flie­gen“um das Wap­pen­tier von As­trid Kleins gro­ßem Bild­ro­man der Um­deu­tun­gen.

Mit dem Re­vol­ver feu­er­te sie auf Spie­gel. Ne­ben Ein­schuss­lö­chern ent­deckt man nun das ei­ge­ne Bild

Denn Flie­gen le­ben und ster­ben öf­ter in die­sem At­las – als Al­le­go­ri­en der Am­bi­va­lenz. In­stal­la­tio­nen aus elek­trisch bläu­li­chen oder kleb­rig gel­ben Flie­gen­fän­gern the­ma­ti­sie­ren das Stö­ren­de und Le­bens­un­wer­te des In­sekts für das mensch­li­che Be­wusst­sein, wäh­rend Bé­la Bar­tóks be­glei­ten­des Kla­vier­stück „Aus dem Ta­ge­buch ei­ner Flie­ge“de­ren an­ar­chi­sche Im­per­ti­nenz fei­ert. Die „gif­ti­gen Flie­gen“be­zie­hen sich auf Nietz­sches Schmä­hung der Markt­flie­ge als Ge­gen­bild zum Über­mensch. Und aus dem Tier wie­der­um lei­ten sich ver­schie­de­ne Mo­ti­ve des Flie­gens in As­trid Kleins Le­bens­werk ab, et­wa wenn sie mit ei­nem Sechs-Mil­li­me­ter-Re­vol­ver auf Spie­gel feu­ert, um dem Zu­schau­er, der sich spä­ter selbst zwi­schen den Ein­schuss­lö­chern be­trach­tet, sei­ne flie­gen­haf­te Ver­gäng­lich­keit spür­bar zu ma­chen.

Viel­leicht weil As­trid Klein ur­sprüng­lich mal Schrift­stel­le­rin wer­den woll­te, ist die­ses stän­dig Kom­men­tie­ren­de mit ei­ge­nen Tex­ten und ge­fun­de­nen Zi­ta­ten das Sie­gel ih­rer Ar­beit, von der hier rund 200 Wer­ke aus al­len Pha­sen aus­ge­stellt sind. Wo­bei je­ne Bild­re­den am längs­ten zur Be­trach­tung ein­la­den, die in ih­rer Kri­tik nicht so­fort zu ent­schlüs­seln sind. Zwar las­sen sich auch vie­le der fe­mi­nis­ti­schen Ir­ri­ta­tio­nen zum Frau­en­bild des eu­ro­päi­schen Films oder die dunk­len At­mo­sphä­ren zur deut­schen Ver­gan­gen­heits­ver­drän­gung, die Klein in Se­rie schuf, beim zwei­ten Hin­se­hen ih­rer Ein­deu­tig­keit be­rau­ben. Et­wa weil man die Frau­en in den ero­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit zer­ris­se­nen Klei­dern und ver­schmier­tem Ma­ke-up viel­leicht nicht zwangs­läu­fig als Op­fer, son­dern auch als Ak­teu­re ver­ste­hen kann.

Aber die viel­schich­tigs­ten Kom­po­si­tio­nen sind doch je­ne, de­ren di­dak­ti­scher Drang ge­bän­digt ist. Das Tri­pty­chon „Uto­pi­en de­nun­zie­ren“von 1987, das im Ti­tel noch recht päd­ago­gisch wirkt, ver­bin­det auf ei­nem Flü­gel zum Bei­spiel die Text­zei­len „See­le à la Aya­tol­lah“mit ei­nem zwei­ten Text­frag­ment vom „wich­ti­gen Aspekt des Dan­dy­tums“so­wie ei­ner sturm­ge­peitsch­ten Dü­nen­land­schaft. Oder auf ih­ren trans­pa­ren­ten Fo­li­en­bil­dern aus den Neun­zi­gern, die ei­nen sanf­ten Grünstich in das do­mi­nie­ren­de Schwarz-Weiß ih­rer Äs­t­he­tik ein­füh­ren, sind die Text­bot­schaf­ten teil­wei­se so ver­steckt auf dunk­len Flä­chen, dass die As­so­zia­tio­nen sich zu­nächst un­ge­lenkt ent­wi­ckeln kön­nen. Hier ent­steht ei­ne Poe­sie der An­schau­un­gen, die kei­ne schnel­le Po­in­te ver­spricht.

Kla­re Ant­wor­ten auf kom­ple­xe Fra­gen, das wä­re ja auch schon wie­der ei­ne Form der Ag­gres­si­on

Trotz­dem ist es das li­te­ra­ri­sche Emp­fin­den, ge­schult am sur­rea­len Rea­lis­mus ei­nes Ar­no Schmidt – mit des­sen Buchmons­ter „Zet­tel’s Traum“sich As­trid Klein auch bild­ne­risch be­schäf­tigt hat –, das dem Span­nungs­feld aus Ge­walt und Ero­tik im­mer wie­der die über­ra­schen­den Wen­dun­gen ver­leiht. Als ei­gen­sin­ni­ge Au­to­rin mit Schreib­ma­schi­nen und Sche­re ver­dich­tet As­trid Klein in kür­zes­ten Be­deu­tungs­fet­zen ei­ne Phi­lo­so­phie der Skep­sis und der Sehn­sucht, der Dis­tan­zie­rung und Le­bensumar­mung als zwei­er Kräf­te ei­ner See­le. Und da­zu be­nützt sie Sprach­for­men der Knapp­heit, die vom Apho­ris­mus bis zur Pa­ro­le rei­chen, vom Ka­lau­er bis zum Denk­satz, vom Da­da-Scherz bis zum zor­ni­gen Ernst.

Wenn es aber ein gro­ßes The­ma gibt, das in die­ser un­er­schöpf­li­chen Sprach­bil­dPoe­sie im­mer wie­der auf­taucht, dann ist es der Wunsch, Be­schä­mung zu ent­ge­hen. Und die­ser Zu­sam­men­hang von Scham und Ge­walt klingt dann fast doch wie ei­ne Ant­wort auf die Fra­ge nach der Her­kunft je­ner ne­ga­ti­ven Ag­gres­si­vi­tät, die im Spre­chen wie in kon­kre­ten Über­grif­fen ge­ra­de wie­der die Welt ver­düs­tert. Aber nur fast. Denn kla­re Ant­wor­ten auf kom­ple­xe Fra­gen, das wä­re ja auch schon wie­der ei­ne Form der Ag­gres­si­on. Und die ist The­ma von As­trid Kleins Kunst, nicht ihr Ziel.

FO­TO: SPRÜTH MAGERS/AS­TRID KLEIN

Es gibt von As­trid Klein abs­trak­te Wer­ke – aber auch Mo­ti­ve, die Text und Bild ein­an­der ent­frem­den wie „Un­tit­led (Il ve­n­ait de me …)“(1979). „As­trid Klein. Tr­ans­cen­den­tal Home­l­ess Cen­tral­ner­vous“in den Deich­tor­hal­len Samm­lung Fal­cken­berg in...

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