Ge­gen­wart wird ge­macht

Éric Vuil­lard er­zählt in „Die Ta­ges­ord­nung“vom Ur­sprung des Na­zi­re­gimes: ei­nem Ge­heim­tref­fen zwi­schen den Na­tio­nal­so­zia­lis­ten und der deut­schen In­dus­trie im Jahr 1933

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - LITERATUR - Von jo­seph hani­mann

Auf den ers­ten Sei­ten weiß man nicht recht, wie man die­ses Buch an­ge­hen soll, ob es in Rich­tung Fik­ti­on schnappt oder der Zeit­ge­schich­te vom Auf­stieg des Na­zi­re­gimes brav aus der Hand frisst. Éric Vuil­lards frü­he­re Wer­ke über die Kon­go-Kon­fe­renz 1884 in Ber­lin oder die trau­ri­ge Ge­schich­te von Buf­fa­lo Bill le­gen je­doch na­he, dass auch hier der sar­kas­ti­sche Biss in die Ge­schichts­rea­li­tät bald kom­men wird. Und er kommt, im Tip­peln der 24 aus ih­ren schwar­zen Li­mou­si­nen stei­gen­den Her­ren in de­zen­ten An­zü­gen, am 20. Fe­bru­ar 1933 vor dem Amts­sitz des Reichs­tags­prä­si­den­ten. Un­ter den ge­lüf­te­ten Filz­hü­ten wer­den kah­le Schä­del und schüt­ter er­grau­te Haar­krän­ze sicht­bar, und ei­ni­gen Herr­schaf­ten treibt auf der Trep­pe nach we­ni­gen Stu­fen schon der Schweiß un­ter dem Kra­gen. Von den ge­dämpf­ten Kon­ver­sa­ti­ons­schnip­seln ver­ste­hen wir kein Wort. Die Ein­gangs­sze­ne des Buchs ist zu lei­se ein­ge­stellt. Sie ist ab­so­lut plas­tisch in den smart ge­kno­te­ten Kra­wat­ten, gezwirn­ten Schnurr­bär­ten und et­was trau­ri­gen Au­gen. Aber sie ist ton­los. Ge­spens­tisch.

Beim Knar­ren der Dop­pel­tür im Vor­zim­mer des Pa­lasts geht dann ein Ruck durch die War­ten­den. Der Reichs­tags­prä­si­dent Her­mann Gö­ring tritt ein. Die Her­ren Krupp, Al­bert Vög­ler, Gün­ther Quandt, Fried­rich Flick und wie sie sonst al­le hei­ßen, die Ver­tre­ter von Bay­er, Opel, Sie­mens, Al­li­anz, IG Far­ben, Te­le­fun­ken, wer­den zum Sit­zungs­tisch ge­be­ten. Mit dem schwa­chen Re­gime müs­se man Schluss ma­chen, hö­ren sie den hin­zu­ge­kom­me­nen Füh­rer mah­nen und sind er­leich­tert: Er ist of­fen­bar viel bes­ser als sein Ruf. Die Wah­len stün­den be­vor, fügt Gö­ring hin­zu. Durch den Raum geht ein keh­li­ges Hus­ten, das kaum ver­nehm­ba­re Kli­cken ei­ner Stift­kap­pe. Sonst Stille. „Und nun, mei­ne Her­ren, zur Kas­se!“, schließt der Ban­kier Hjal­mar Schacht. Vuil­lard, der fran­zö­si­sche Mi­nia­tu­rist für his­to­ri­sche Sze­nen, ist hier im Ele­ment. Sein Buch lässt man nicht mehr los.

Der Krieg als kom­ple­xe Sum­me aus vie­len klei­nen Mo­men­ten des Weg­bli­ckens und Sich­du­ckens

Statt Ro­man­fi­gu­ren auf­zu­bau­en, Hand­lungs­in­tri­gen zu knüp­fen, Or­te und Er­eig­nis­se zu er­fin­den, hat er sich dar­auf spe­zia­li­siert, in knapps­ter Form his­to­ri­sche Be­ge­ben­hei­ten so zu in­sze­nie­ren, dass Jahr­hun­dert­ge­schich­te aus ih­nen quillt. Er schleift an den De­tails, fühlt sich in Fi­gu­ren und Si­tua­tio­nen ein, kehrt skur­ri­le Ne­ben­säch­lich­kei­ten her­vor, bis es uns Le­sern scheint, wir stün­den selbst in der Sze­ne. Gleich­zei­tig ste­hen wir aber hoch dar­über und er­ken­nen Zu­sam­men­hän­ge. Die­se Er­zähl­re­gie von Nä­he und Fer­ne hat der Au­tor in die­sem mit dem Gon­court-Preis aus­ge­zeich­ne­ten Buch wei­ter ver­fei­nert.

Al­les ist fak­tisch re­cher­chiert, nichts ist frei er­fun­den. „Ré­cit“nennt sich das Buch im fran­zö­si­schen Ori­gi­nal: ein Be­richt, kein Ro­man. Die be­kann­ten his­to­ri­schen Er­eig­nis­se wer­den aber im­mer von je­nen bei­läu­fi­gen, schrä­gen Mo­men­ten her er­zählt, in de­nen die Sa­che nicht rund läuft, in de­nen es im Ge­trie­be knackt und die Ge­schich­te kurz aus dem Ru­der läuft. Lord Ha­li­fax, Rats­prä­si­dent im Ka­bi­nett Cham­ber­lains, kann bei sei­nem Höf­lich­keits­be­such bei Gö­ring im No­vem­ber 1937 des­sen selt­sa­mes Le­der­wams, den Sä­bel am Gurt und die fins­te­ren An­deu­tun­gen in den pol­tern­den Scher­zen nicht über­se­hen, tut aber so. Ös­ter­reichs Kanz­ler Kurt Schu­sch­nigg, der am 12. Fe­bru­ar 1938 auf dem Berg­hof von Hit­ler ge­ra­de die Le­vi­ten ge­le­sen be­kam über Ös­ter­reichs Politik und beim War­ten auf das Ab­kom­men, das man ihm dik­tiert, Zi­ga­ret­te um Zi­ga­ret­te raucht wie ein Schlot, wird das Dik­tat am En­de doch hin­neh­men – er, der Un­beug­sa­me, der Mann des Neins, der klei­ne Dik­ta­tor. Die deut­schen Wa­gen­ko­lon­nen las­sen dann aber beim An­schluss ei­nen Mo­nat spä­ter lang auf sich war­ten, den Leu­ten am Stra­ßen­rand ver­stummt der Freu­den­ruf „Der Füh­rer kommt!“im end­lo­sen Har­ren, Mo­tor­schä­den ha­ben un­ter den deut­schen Pan­zern ei­nen heil­lo­sen Stau ver­ur­sacht. Man sieht ei­nen wut­schnau­ben­den Füh­rer und über die Fahr­bahn het­zen­de Mecha­ni­ker – „wie in ei­ner Slap­stick­ko­mö­die“.

Vuil­lard schnappt aus dem Re­per­toire der Welt­ge­schich­te je­ne Mo­men­te auf, in de­nen sie stot­tert und ih­re im­po­san­te Selbst­ver­ständ­lich­keit ver­liert. Die­se Mo­men­te setzt er dann ziel­si­cher in Sze­ne und spielt da­bei auch mit der Rol­le des Er­zäh­lers. Dank ihm sind wir über­all haut­nah da­bei, be­ob­ach­ten wie durchs Schlüs­sel­loch Ge­heim­tref­fen, kön­nen uns in Schu­sch­niggs trüb­sin­ni­ge Stim­mung am nass­kal­ten Vor­mit­tag am Fens­ter des Berg­hofs ein­füh­len und das Feucht­wer­den sei­ner Hän­de spü­ren. Dar­in liegt die ein­zi­ge Fan­ta­sie­ar­beit des Au­tors: aus­ma­len, le­ben­dig ma­chen, nach ver­bor­ge­nen Aspek­ten schür­fen. Und da­bei die stets ge­nann­ten Qu­el­len im­mer neu hin und her wen­den. Vom ös­ter­rei­chi­schen Kanz­ler hät­ten wir zwei Fo­tos, auf­ge­nom­men im Jahr 1934 in Genf, teilt der Er­zäh­ler uns mit. Ei­nes da­von sei das be­kann­te stren­ge Po­li­ti­ker­por­trät. Das an­de­re Fo­to, die nicht re­tu­schier­te Vor­la­ge des ers­ten, das nur ein paar Ar­chi­va­ren be­kannt sei, zei­ge den Mann selt­sam in sich ge­kehrt, et­was schlaff, fast ver­träumt, und mit ei­nem ver­knautsch­ten Re­vers sei­ner Wes­ten­ta­sche. Zwei ver­schie­de­ne Per­so­nen im sel­ben Bild. Durch Ve­ren­gung des Blick­felds ha­be der Po­li­ti­ker an Sub­stanz ge­won­nen – „nichts ist un­schul­dig an der Kunst des Er­zäh­lens.“

Ein Krieg zieht her­auf und er ist die kom­ple­xe Sum­me aus vie­len klei­nen Mo­men­ten des Weg­bli­ckens, Sich­du­ckens, Ver­nünf­tigs­ein­wol­lens, aus Nach­ge­ben, Schön­re­den, Selbst­be­trug und krum­men Hin­ter­ge­dan­ken. Ähn­lich ver­hielt es sich auch in Vuil­lards frü­he­ren Bü­chern mit der zi­vi­li­sa­to­ri­schen Evi­denz des ko­lo­nia­len Eu­ro­pa und den An­fän­gen der west­li­chen Un­ter­hal­tungs­in­dus­trie in den In­dia­ner­shows Nord­ame­ri­kas.

Die er­zäh­le­ri­sche Frei­heit in die­sem neu­en Buch wird manch­mal et­was weit ge­trie­ben und glei­tet et­wa im Ge­dan­ken­sprung aus dem Kanz­ler­tref­fen im Berg­hof zu den Zeich­nun­gen des Art-brut-Künst­lers Lou­is Sout­ter in Be­lie­big­keit ab. Den­noch er­gibt der stän­di­ge Sze­nen­wech­sel ein ein­drück­li­ches Bild da­von, wie Ge­gen­wart ge­macht wird. Im un­ver­sieg­ba­ren Fluss der Bü­cher über die Na­zi­zeit nimmt die­ses ei­ne be­son­de­re Stel­lung ein. Und die Über­set­ze­rin hat die Schwie­rig­keit der äu­ßerst ge­raff­ten Sze­nen- und Per­so­nen­schil­de­rung – Vuil­lards wah­res Fa­b­ri­ka­ti­ons­ge­heim­nis – vor­züg­lich ge­meis­tert.

FO­TO: PATRICE NORMAND/OPA­LE/LEEMAGE/DDP IMAGES

Éric Vuil­lard in­sze­niert in knapps­ter Form his­to­ri­sche Be­ge­ben­hei­ten. 2017 er­hielt er den Prix Gon­court.

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