Nicht ganz dicht

Impf­stoff­her­stel­ler lie­fert le­cken­de Sprit­zen aus

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - WISSEN - Chris­ti­na berndt

Bei der Fir­ma Gla­xo Smith Kli­ne sind die Sprit­zen nicht ganz dicht. Des­halb kön­ne bei Imp­fun­gen mal et­was da­ne­ben­ge­hen, so kann man den Inhalt des „In­for­ma­ti­ons­schrei­bens“über­set­zen, das der Phar­ma­rie­se An­fang April an Deutsch­lands Ärz­te ver­schick­te. Statt im Kör­per des Impf­lings lan­det Impf­flüs­sig­keit dann au­ßen an der Sprit­ze. Ob die Imp­fung in ei­nem sol­chen Fal­le über­haupt er­folg­reich ist? Das sol­len Ärz­te dem Schrei­ben zu­fol­ge selbst ab­wä­gen. Ent­we­der las­sen sie ein­fach al­les wie es ist und neh­men ei­nen even­tu­ell ver­min­der­ten Impf­schutz ih­rer Pa­ti­en­ten in Kauf, oder sie imp­fen nach. Un­ter­do­sie­rung? Über­do­sie­rung? Dop­pel­be­las­tung mit Alu­mi­ni­um, Sta­bi­li­sa­to­ren und Kon­ser­vie­rungs­mit­teln? Er­höh­te Ne­ben­wir­kun­gen? Aus Sicht des Impf­stoff­her­stel­lers und „in Ab­spra­che mit der Eu­ro­päi­schen Arz­nei­mit­tel­be­hör­de (EMA) und dem Paul-Ehr­lich-In­sti­tut“(PEI) al­les kein Pro­blem.

Die feh­ler­haf­ten Char­gen wer­den den­noch ab­ver­kauft und noch bis En­de 2019 an Ärz­te aus­ge­ge­ben

Be­trof­fen ist fast das hal­be Sor­ti­ment der Fir­ma, Ein­zel- und Mehr­fach­impf­stof­fe ge­gen Te­ta­nus, Diph­the­rie, Keuch­hus­ten, Kin­der­läh­mung, FSME, Hib, He­pa­ti­tis A und B, dar­un­ter auch wel­che für Kin­der und Neu­ge­bo­re­ne, die im Zwei­fels­fall ei­ne zwei­te In­jek­ti­on über sich er­ge­hen las­sen müss­ten. Den­noch hält es GSK nicht für not­wen­dig, die feh­ler­haf­ten Impf­stof­fe vom Markt zu neh­men. Ärz­te kön­nen sie nicht ein­mal um­ge­hen: Seit Ja­nu­ar 2018 sei der Her­stel­lungs­feh­ler be­ho­ben, so das Un­ter­neh­men, Sprit­zen mit Le­cka­ge-Ge­fahr wür­den aber noch bis En­de 2019 aus­ge­ge­ben. Ärz­te, die der­zeit über ih­re Apo­the­ken ver­su­chen, ge­zielt die neue­ren Impf­stoff­char­gen zu be­stel­len, wer­den Re­cher­chen der SZ zu­fol­ge ab­ge­wie­sen: Erst wür­den die al­ten Char­gen ab­ver­kauft, lässt GSK die Apo­the­ken wis­sen.

Die Pro­ble­me mit den Sprit­zen, bei de­nen zwi­schen der Na­del und ei­ner Ke­ra­mik­spit­ze Flüs­sig­keit aus­tritt, sind al­les an­de­re als neu. GSK, EMA und PEI wis­sen be­reits seit 2015 da­von. Doch wäh­rend die deut­sche Be­hör­de die Le­cka­ge wei­ter­hin still­schwei­gend dul­den woll­te, hat die EMA nun dar­auf be­stan­den, Ärz­te zu in­for­mie­ren. Das PEI er­klär­te auf An­fra­ge, es sei „kei­ne Ge­fähr­dung von Pa­ti­en­ten er­kenn­bar“, die Qua­li­tät und Ste­ri­li­tät des Impf­stof­fes sei nicht be­ein­träch­tigt. Es müs­se nie­mand Angst ha­ben, dass durch die Un­dich­tig­keit Kei­me in die Sprit­zen ge­lan­gen. Ei­ne Markt­rück­nah­me sei da­ge­gen „mit dem Ri­si­ko ei­ner ein­ge­schränk­ten Ver­sor­gung mit zahl­rei­chen Impf­stof­fen“ver­bun­den.

GSK ver­weist auf An­fra­ge zu­dem auf die ge­rin­ge An­zahl von be­trof­fe­nen Sprit­zen. Die Häu­fig­keit für ei­ne Le­cka­ge lie­ge nur bei 26 von ei­ner Mil­li­on Sprit­zen, das ge­he aus Mel­dun­gen von Ärz­ten her­vor, die un­dich­te Sprit­zen re­kla­miert hät­ten. Zugleich räumt die Fir­ma aber ein: „Al­ler­dings ist die ge­naue Häu­fig­keit nicht be­kannt und kann des­halb auch hö­her sein.“

Das ist so­gar sehr wahr­schein­lich der Fall. Un­ter­la­gen zu­fol­ge, die der SZ vor­lie­gen, flie­ßen Be­an­stan­dun­gen längst nicht im­mer in die Impfpan­nen­sta­tis­tik ein. Ei­ner Kin­der­ärz­tin aus Müns­ter et­wa, die aus­tre­ten­de Trop­fen be­merkt hat­te, teil­te GSK im No­vem­ber 2016 mit, der Her­stel­ler ha­be die ein­ge­schick­te Sprit­ze ge­tes­tet. „Es konn­te kei­ne Le­cka­ge ob­ser­viert wer­den. Die Re­kla­ma­ti­on wird so­mit vom Her­stel­ler als nicht be­rech­tigt ein­ge­stuft.“

Wolf­gang Be­cker-Brü­ser fin­det die gan­ze An­ge­le­gen­heit em­pö­rend. „Wenn ein Man­gel er­kannt ist, müss­te das Mit­tel vom Markt ge­nom­men wer­den“, for­dert der Her­aus­ge­ber des phar­ma­kri­ti­schen Arz­neiTe­le­gramms, statt­des­sen wer­de das Aus­maß her­un­ter­ge­spielt. „Der Fir­ma wird oh­ne­hin nur ein Bruch­teil der miss­glück­ten Imp­fun­gen ge­mel­det“, so Be­cker-Brü­ser. Ärz­ten sei­en sol­che Mel­dun­gen oft zu auf­wen­dig. „Und die Hin­wei­se, die die Fir­ma er­hält, ak­zep­tiert sie nicht ein­mal.“So wer­de den Ärz­ten der Schwar­ze Pe­ter für ei­nen Pro­duk­ti­ons­man­gel des Her­stel­lers zu­ge­scho­ben – und die Leid­tra­gen­den sei­en am En­de die Pa­ti­en­ten.

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