Raus aus der Teil­zeit­fal­le

Bun­des­ar­beits­mi­nis­ter Hu­ber­tus Heil hat ei­nen Ge­setz­ent­wurf vor­ge­legt, der Ar­beit­neh­mern er­laubt, wie­der Voll­zeit zu ar­bei­ten. Al­ler­dings wer­den wohl 40 Pro­zent der be­rufs­tä­ti­gen Frau­en gar nicht da­von pro­fi­tie­ren

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - WIRTSCHAFT - Von alex­an­der ha­ge­lü­ken und hen­ri­ke roß­bach

Ber­lin/Mün­chen – Pünkt­lich zum Son­der­par­tei­tag der So­zi­al­de­mo­kra­ten am Wo­che­n­en­de kann Bun­des­ar­beits­mi­nis­ter Hu­ber­tus Heil (SPD) den Ge­nos­sen sei­nen ers­ten Ge­setz­ent­wurf prä­sen­tie­ren. In Zu­kunft sol­len Ar­beit­neh­mer ein Recht ha­ben, be­fris­tet Teil­zeit zu ar­bei­ten und da­nach wie­der Voll­zeit. Wis­sen­schaft­ler be­grü­ßen den Vor­stoß: „Bis­her wur­den Frau­en in Teil­zeit häu­fig aufs Ab­stell­gleis ge­scho­ben. Sie wer­den in we­ni­ger in­ter­es­san­te Tä­tig­kei­ten plat­ziert und aus kar­rie­re­för­dern­den Pro­gram­men ge­nom­men“, sagt Ute Klam­mer vom In­sti­tut für Ar­beit und Qua­li­fi­ka­ti­on. Es gibt aber auch Kri­tik, dass vie­le Be­schäf­tig­te gar nicht von der Neu­re­ge­lung pro­fi­tie­ren.

Der Ge­setz­ent­wurf wur­de in die Res­sort­ab­stim­mung ge­ge­ben. Das Ka­bi­nett kön­ne sich schon am 23. Mai da­mit be­fas­sen, sag­te der neue Staats­se­kre­tär im Ar­beits­mi­nis­te­ri­um, Björn Böh­ning. Dass Mi­nis­ter Heil so schnell ein ers­tes Häk­chen auf sei­ner Auf­ga­ben­lis­te set­zen kann, liegt dar­an, dass er ei­ne Vor­la­ge hat­te: ei­nen Ent­wurf, über den sich Uni­on und SPD in der vor­an­ge­gan­ge­nen Le­gis­la­tur­pe­ri­ode nicht mehr ei­nig­ten. Im Ko­ali­ti­ons­ver­trag steck­ten sie für die Wie­der­vor­la­ge ei­nen en­gen Rah­men, da­mit das Pro­jekt nicht aber­mals am Zwist um De­tails schei­tert. Heil hat das nun um­ge­setzt – un­ter ei­nem neu­en Na­men: „Brü­cken­teil­zeit“.

70 Pro­zent der Müt­ter ar­bei­ten Teil­zeit, doch nur fünf Pro­zent der Vä­ter

Im Prin­zip ver­folgt er mit dem Ge­setz zwei Zie­le: Zum ei­nen sol­len vor al­lem Frau­en nicht in der Teil­zeit­fal­le ste­cken blei­ben. Zum an­de­ren soll das Ge­setz ein wei­te­res Stück sein auf dem Weg zu ei­ner selbst­be­stimm­ten Ar­beits­zeit je nach Le­bens­la­ge. Fast ei­ne Mil­li­on Ar­beit­neh­mer woll­ten ih­re Ar­beits­zeit ger­ne ver­rin­gern, gut 1,8 Mil­lio­nen Teil­zeit­kräf­te da­ge­gen mehr ar­bei­ten. Bei­den will Heil ent­ge­gen­kom­men. Den Un­ter­neh­men wie­der­um bie­te das Ge­setz Pla­nungs­si­cher­heit und die Mög­lich­keit, Mit­ar­bei­ter an sich zu bin­den, hieß es. Die Bun­des­ver­ei­ni­gung der Ar­beit­ge­ber­ver­bän­de sprach da­ge­gen von ei­nem „schwer­wie­gen­den Ein­griff in die un­ter­neh­me­ri­sche Frei­heit“, der die Pla­nungs­si­cher­heit der Be­trie­be mas­siv ver­let­ze.

„Die Viel­zahl der Teil­zeit­be­schäf­tig­ten wür­de ger­ne län­ger ar­bei­ten“, weiß KaiUwe Mül­ler vom Wirt­schafts­in­sti­tut DIW. „Die For­schung zeigt, dass Teil­zeit­be­schäf­ti­gung oft Kar­rie­re­chan­cen ver­schlech­tert.“Hö­he­re Löh­ne, Wei­ter­bil­dung und be­ruf­li­che Ent­wick­lung gibt es eher bei Voll­zeit­jobs. Mül­ler be­ob­ach­tet ein klas­si­sches Mus­ter: Ei­ne Frau ar­bei­tet Voll­zeit, geht ei­ne Part­ner­schaft ein, be­kommt Nach­wuchs, geht in Teil­zeit und ver­bleibt dort. „Teil­zeit­jobs sind meist nicht so gut, die Ver­hand­lungs­macht zu Hau­se sinkt – dann macht ten­den­zi­ell der Mann Kar­rie­re.“70 Pro­zent der Müt­ter mit Kin­dern un­ter 18 ar­bei­ten Teil­zeit, nur fünf Pro­zent der Vä­ter. Fast nir­gends in Eu­ro­pa lie­gen die Ar­beits­zei­ten von Frau­en und Män­nern so aus­ein­an­der.

Das Recht auf Rück­kehr in Voll­zeit nach der Teil­zeit soll nur in Be­trie­ben mit mehr als 45 Mit­ar­bei­tern gel­ten. Für Fir­men mit bis zu 200 Mit­ar­bei­tern gel­ten Ein­schrän­kun­gen: Je „an­ge­fan­ge­ne 15 Ar­beit­neh­mer“muss der Ar­beit­ge­ber dort nur ei­nem die be­fris­te­te Teil­zeit ge­wäh­ren. Staats­se­kre­tär Böh­ning sprach von ei­ner „sach­ge­rech­ten Re­ge­lung“und ei­nem „Bei­trag zur Fach­kräf­te­si­che­rung“, die auch im Sin­ne der Ar­beit­ge­ber sei. In­no­va­ti­ve Ar­beit­ge­ber re­agier­ten jetzt schon ad­äquat auf die ver­än­der­ten An­sprü­che der Ar­beit­neh­mer.

En­zo We­ber vom In­sti­tut für Ar­beits­markt und Be­rufs­for­schung (IAB) glaubt, dass es für die Fir­men nicht ein­fach wird, es auf­zu­fan­gen, wenn Mit­ar­bei­ter die Ar­beits­zeit re­du­zie­ren. Die Fir­men hät­ten aber auch Vor­tei­le: Bis­her ein­ge­schränk­te Be­schäf­tig­te ent­wi­ckel­ten sich wei­ter, sie wür­den pro­duk­ti­ver und in­no­va­ti­ver.

Kri­tisch sieht We­ber die Aus­nah­men: „Vie­le, die in klei­ne­ren Fir­men ar­bei­ten, kom­men ge­ne­rell nicht in den Ge­nuss des neu­en Rechts.“Nach ei­ner Ant­wort der Re­gie­rung an die Lin­ken-Ab­ge­ord­ne­te Jutta Krell­mann be­deu­tet der Schwel­len­wert 45 Mit­ar­bei­ter, dass von den gut 40 Mil­lio­nen Be­schäf­ti­gen 15 Mil­lio­nen kein Rück­kehr­recht be­kom­men, dar­un­ter sind 40 Pro­zent al­ler weib­li­chen Be­rufs­tä­ti­gen. Die SPD woll­te ur­sprüng­lich nur Fir­men mit we­ni­ger als 15 Mit­ar­bei­tern von dem Recht aus­neh­men. Für zehn Mil­lio­nen Be­schäf­tig­te in Fir­men bis 200 Mit­ar­bei­ter gilt das Recht nur ein­ge­schränkt.

For­sche­rin Klam­mer weist dar­auf hin, auch für klei­ne Fir­men sei ei­ne Er­ör­te­rungs­pflicht vor­ge­se­hen, wenn Mit­ar­bei­ter in Voll­zeit zu­rück wol­len. „Kommt das Gan­ze ins Rol­len, ver­lie­ren viel­leicht klei­ne­re Fir­men die Angst, dass es nicht geht. Da­mit so ein Ge­setz er­folg­reich ist, ge­hört im­mer ein Rol­len- und Nor­men­wan­del da­zu.“Nach dem Ge­setz­ent­wurf muss der Be­schäf­tig­te die Ar­beits­zeit min­des­tens für ein Jahr ver­rin­gern, ma­xi­mal sind es fünf Jah­re. Nach die­ser Pha­se kann erst nach ei­nem Jahr War­te­zeit ein neu­er Teil­zeit­an­trag ge­stellt wer­den. En­zo We­ber fin­det, da­durch wür­den den Ar­beit­neh­mern „un­nö­tig vie­le Hand­schel­len an­ge­legt. Wenn ei­ne jun­ge Fa­mi­lie ein Kind kriegt, ist es schwer, sich für meh­re­re Jah­re auf die Ar­beits­zeit fest­zu­le­gen“. Statt sol­che star­ren Zei­t­räu­me zu be­ach­ten, soll­ten Mit­ar­bei­ter lie­ber Wech­sel in Teil- und Voll­zeit bis zu ei­nem Jahr vor­her an­mel­den müs­sen, da­mit sich die Fir­ma dar­auf ein­stel­len kann.

Zu­sam­men mit der Brü­cken­teil­zeit will Mi­nis­ter Heil auch beim Ar­bei­ten auf Ab­ruf neue Re­geln fest­le­gen, was et­wa in der Gas­tro­no­mie re­le­vant ist. Wenn kei­ne be­stimm­te Ar­beits­zeit ab­ge­spro­chen wur­de, sol­len künf­tig 20 statt zehn Wo­chen­stun­den als ver­ein­bart gel­ten – da­mit Ar­beit­neh­mer ver­läss­li­cher mit ei­nem be­stimm­ten Ein­kom­men pla­nen kön­nen. Auch die Mehr- und Min­der­ar­beit wird be­grenzt. Ei­ne wei­te­re Än­de­rung be­trifft Ar­beit­neh­mer, die der­zeit un­be­fris­tet in Teil­zeit ar­bei­ten. Wenn sie in Voll­zeit wech­seln wol­len und der Ar­beit­ge­ber das ab­lehnt, muss er künf­tig be­wei­sen, dass kei­ne ent­spre­chen­de Stel­le vor­han­den ist.

FO­TO: FE­LIX KÄST­LE/DPA

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