In klei­nen Schrit­ten

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - WIRTSCHAFT - Von max häg­ler

Die Luft in Stutt­gart wird bes­ser. Was der grü­ne Ober­bür­ger­meis­ter Fritz Kuhn die­ser Ta­ge ver­kün­de­te, ist na­tür­lich ei­ne gu­te Nach­richt für die Men­schen die­ser Stadt, aber auch ei­ne gu­te Nach­richt für die gan­ze Re­pu­blik: Auch vie­le Trip­pel­schrit­te kön­nen das gro­ße Pro­blem mit der schlech­ten Luft merk­lich lin­dern. In Stutt­gart schaff­ten sie es in ei­nem müh­sa­men Pro­zess der klei­nen Maß­nah­men den Staub der Stra­ße zu be­gren­zen, der aus den Aus­puf­fen kommt, oder vom Abrieb der Brem­sen und Rei­fen.

Durch Tem­po­li­mits an Stei­gun­gen, mit kräf­ti­gen Kehr­ma­schi­nen und Staub ab­sor­bie­ren­dem Moos, bes­se­ren Am­pel­schal­tun­gen, al­so we­ni­ger Stop-and-go, und mit dem über­all in der Stadt pla­ka­tier­ten mo­ra­li­schen Ap­pell: Es herrscht Fe­in­stau­balarm! Stei­gen Sie bit­te um auf die Öf­fent­li­chen! Und da­zu kam Glück: das pas­sen­de Wet­ter. Auch neue­re Wa­gen mit bes­se­ren Fil­tern mö­gen ih­ren Teil zur Lö­sung bei­ge­tra­gen ha­ben.

Bas­teln mit Moos­wän­den und ein biss­chen Fe­gen al­lein hilft ge­gen Stick­oxid nicht

Es sieht im Er­geb­nis nun so aus, als könn­ten in Stutt­gart die ent­spre­chen­den EU-Grenz­wer­te oh­ne Fahr­ver­bo­te ein­ge­hal­ten wer­den. Doch Vor­sicht! Da­mit ist das Pro­blem nicht ge­löst. Denn es gibt noch an­de­re Luft­ver­schmut­zer als die­se klei­nen und sehr klei­nen Par­ti­kel. Bei dem so oft dis­ku­tier­ten Stick­oxid, ei­nem Ab­gas, das zu zwei Drit­teln aus Die­sel­au­tos kommt, ist das Pro­blem schwie­ri­ger.

Auch hier könn­te man mit vie­len klei­nen Maß­nah­men ans Ziel kom­men, sa­gen Ex­per­ten. Aber: die der­zeit ge­gan­ge­nen Schrit­te sind zu klein, es dau­ert zu lang. Bas­teln mit Moos und Fe­gen samt Kehr­schau­fel rei­chen beim Stick­oxid nicht aus, selbst wenn sich das Ver­kehrs­mi­nis­ter Andre­as Scheu­er und die Au­to­ma­na­ger von Au­di, BMW, Mer­ce­des und VW so vor­stel­len und auf sin­ken­de Wer­te ver­wei­sen.

An viel be­fah­re­nen deut­schen Stra­ßen fin­den sich im­mer noch mit­un­ter 80 Mi­kro­gramm die­ser NOx be­nann­ten Ga­se pro Ku­bik­me­ter Luft. Der Grenz­wert liegt bei 40 Mi­kro­gramm. Hys­te­rie ist zwar nicht an­ge­bracht, die­ses Land hat ja lan­ge Zeit da­mit ge­lebt. Aber weil es ge­ra­de Mo­de zu sein scheint, ver­meint­lich klei­ne Über­schrei­tun­gen als läss­lich ab­zu­tun, und man­cher das Pro­blem gern lö­sen wür­de in­dem man Mess­sta­tio­nen in den Gr­a­ben schiebt, sei kurz er­in­nert: ei­ne ho­he NOx-Be­las­tung scha­det vor al­lem be­reits er­krank­ten Men­schen enorm; die Stu­di­en­la­ge ist dicht. Ge­ra­de eben hat das Uni­k­li­ni­kum Je­na ei­nen wei­te­ren sehr wahr­schein­li­chen Zu­sam­men­hang auf­ge­zeigt: Steigt die NOx-Be­las­tung bin­nen 24 St­un­den nur um 20 Mi­kro­gramm, kann sich das aku­te Herz­in­farkt-Ri­si­ko ver­dop­peln.

Bes­sern sich die Wer­te nicht schnell, ist es al­so nach­voll­zieh­bar, dass Au­tos aus­ge­sperrt wer­den: Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hat die Mög­lich­keit er­öff­net. Ab dem 1. Sep­tem­ber 2019 könn­te so­gar die Fahrt mit recht neu­en Eu­ro-5-Die­sel­au­tos ver­bo­ten wer­den. Das wür­de Mil­lio­nen Men­schen tref­fen, egal ob es mit oder oh­ne blaue Pla­ket­te or­ga­ni­siert wird.

Um die Be­las­tung der Luft zu sen­ken und zugleich die größt­mög­li­che Frei­heit zu ge­währ­leis­ten, sind nun al­le ge­for­dert: Wie in Stutt­gart müs­sen die Men­schen über­all dar­an er­in­nert wer­den, dass ih­re in­di­vi­du­el­le Mo­bi­li­tät stets zu Las­ten an­de­rer geht. Job­ti­ckets, Mit­fahr­ge­le­gen­hei­ten, neue Sam­mel­bus­se – die au­to­ver­lieb­te Stadt Stutt­gart hat ge­zeigt, dass sich da­mit ein biss­chen et­was än­dern lässt. Viel­leicht müs­sen Die­sel­fah­rer auch ei­ni­ge Stre­cken­sper­run­gen hin­neh­men.

Der so­ge­nann­te Um­welt­fonds, den Staat und Fahr­zeug­her­stel­ler be­spielt ha­ben, muss end­lich ins Lau­fen kom­men, in Ab­stim­mung mit Kom­mu­nen, Län­dern, der Bun­des­re­gie­rung und In­dus­trie. Um die Ge­schwin­dig­keit zu er­hö­hen, müs­sen die mit dem Fonds ver­bun­de­nen Pa­ten­schaf­ten, die Her­stel­ler be­vor­zugt mit mit­tel­gro­ßen Städ­ten ein­ge­gan­gen sind, aus­ge­baut wer­den, auf al­le Groß­städ­te. An­sprech­part­ner muss ein Vor­stand sein. Die viel zu zö­ger­lich durch­ge­führ­ten Soft­ware-Up­dates müs­sen end­lich ein­ge­spielt wer­den, oh­ne wei­te­ren Ver­zug. Und wenn die ei­ne Mil­li­ar­de Eu­ro aus dem Fonds nicht reicht, um ge­nü­gend Ra­bat­te für sau­be­re Bus­se oder E-Ta­xis zu ge­wäh­ren, nun, dann braucht es noch mehr Geld.

Den Haupt­ver­ur­sa­chern, den Her­stel­lern, muss klar sein, dass die Al­ter­na­ti­ve sehr viel teu­rer wer­den wür­de: Es geht um die Hard­ware-Nach­rüs­tung von Mil­lio­nen von Au­tos oder ge­ge­be­nen­falls die Ent­schä­di­gung ih­rer Be­sit­zer bei Fahr­ver­bo­ten. Es ist Auf­ga­be der Bun­des­re­gie­rung die­se Droh­ku­lis­se auf­zu­bau­en – und da­für zu sor­gen, dass ih­re Um­set­zung nicht nö­tig wird. Da­bei gilt es zu be­den­ken: Die In­dus­trie wird kaum et­was freiwillig tun, wenn es Geld kos­tet; sie muss ge­zwun­gen wer­den zu den not­wen­di­gen Schrit­ten.

FO­TO: M. NEU­BAU­ER

„Das Netz­werk, das wir hier ge­schaf­fen ha­ben, ist ein­zig­ar­tig.“Su­san­ne Klat­ten

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