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Der In­ter­na­tio­na­le Wäh­rungs­fonds warnt: Die welt­wei­te Kon­junk­tur­par­ty geht dem En­de zu

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - WIRTSCHAFT - C. gam­melin, c. hul­ver­scheidt

New York/Ber­lin – Wohl sel­ten war ein Blick auf die Zah­len so er­freu­lich: 2,5 und 2,0 Pro­zent für Deutsch­land, 2,9 und 2,7 für die USA, 6,6 und 6,4 für Chi­na. Das sind die Wachs­tums­ra­ten, die der In­ter­na­tio­na­le Wäh­rungs­fonds (IWF) den drei Län­dern in sei­nem neu­en Kon­junk­tur­aus­blick für 2018 und 2019 vor­aus­sagt – vie­le an­de­re Staa­ten kom­men auf ähn­lich gu­te Wer­te. Mehr noch: Fast al­le Zah­len wur­den im Ver­gleich zur Pro­gno­se vom letz­ten Herbst nach oben re­vi­diert, teils so­gar dras­tisch. Die welt­wei­te Kon­junk­tur­par­ty, so ist man ver­sucht zu sa­gen, wird ewig wei­ter­ge­hen.

Auf die­sen Ge­dan­ken kann al­ler­dings nur kom­men, wer die zu­ge­hö­ri­ge Analyse nicht liest, denn der IWF hat sei­ne so hüb­sche Ta­bel­le mit ei­nem un­ge­wöhn­lich pes­si­mis­tisch-war­nen­den Be­gleit­text ver­se­hen. „In den meis­ten Län­dern wer­den die gu­ten Wachs­tums­zah­len nicht von Dau­er sein“, schreibt Chef­volks­wirt Mau­rice Obst­feld gleich im ers­ten Ab­satz sei­nes Vor­worts. „Die po­li­tisch Ver­ant­wort­li­chen soll­ten da­her die Ge­le­gen­heit nut­zen, um das Wachs­tum stär­ker zu un­ter­füt­tern, es dau­er­haf­ter zu ma­chen und die Re­gie­run­gen so aus­zu­stat­ten, dass die­se für den nächs­ten Ab­schwung bes­ser ge­wapp­net sind.“

Ein from­mer Wunsch, wie dem Öko­no­men wohl selbst schwant, denn nur we­nig spä­ter kommt er auf den Po­pu­lis­mus, den Pro­tek­tio­nis­mus und die zu­neh­men­de po­li­ti­sche wie wirt­schaft­li­che Po­la­ri­sie­rung zu spre­chen, die im­mer mehr Län­der prä­gen und die sich bei ei­ner deut­li­chen Kon­junk­tur­ab­küh­lung noch ver­stär­ken könn­ten. Sor­ge be­rei­tet dem IWF vor al­lem die weit­ge­hen­de Sta­gna­ti­on vie­ler Ein­kom­men seit der Welt­fi­nanz­kri­se von 2008, die Men­schen an­fäl­lig für die Ver­spre­chen von Po­pu­lis­ten ma­che. Wenn die Re­gie­run­gen die Pro­ble­me nicht an­gin­gen, sei­en so­gar je­ne Er­fol­ge in Ge­fahr, die durch wirt­schaft­li­che Re­for­men der Ver­gan­gen­heit längst ge­si­chert schie­nen, so der Fonds.

Zu den po­li­ti­schen Pro­ble­men kom­men ge­sell­schaft­li­che und öko­no­mi­sche. Obst­feld ver­weist et­wa auf das ver­brei­tet lang­sa­me Pro­duk­ti­vi­täts­wachs­tum und den Um­stand, dass vie­ler­orts im­mer we­ni­ger Er­werbs­tä­ti­ge im­mer mehr Rent­nern ge­gen­über­stün­den. Das ma­che es vor al­lem für Ge­ring- und Durch­schnitts­ver­die­ner noch schwie­ri­ger, an je­ne Ein­kom­mens­zu­wäch­se an­zu­knüp­fen, die vor der Kri­se ein­mal üb­lich wa­ren. Hin­zu kom­me, dass vie­le der Maß­nah­men, mit de­nen Re­gie­run­gen und No­ten­ban­ken die Konjunktur in den letz­ten Jah­ren ge­stützt hät­ten, aus­lie­fen oder sich gar ins Ge­gen­teil ver­keh­ren könn­ten. Vor al­lem in den USA, wo Prä­si­dent Do­nald Trump die Staats­schuld mit der Steu­er­re­form und neu­en Mi­li­tär­aus­ga­ben dras­tisch nach oben treibt, be­ste­he die Ge­fahr, dass die Leit­zin­sen schnel­ler an­ge­ho­ben wer­den müss­ten als bis­her ge­plant.

Ein wei­te­rer Ri­si­ko­fak­tor ist aus IWFSicht der „es­ka­lie­ren­de Kreis­lauf aus Han­dels­re­strik­tio­nen und Ver­gel­tung“, den die USA, Eu­ro­pa und Chi­na in Gang ge­setzt ha­ben. „Die ers­ten Schüs­se in ei­nem mög­li­chen Han­dels­krieg sind be­reits ab­ge­feu­ert wor­den“, schreibt Obst­feld. Die Kri­se kön­ne sich noch wei­ter ver­schär­fen, wenn die US-Re­gie­rung das Han­dels­de­fi­zit durch ih­re Fi­nanz­po­li­tik wei­ter in die Hö­he trei­be und „Eu­ro­pa und Asi­en“– ge­meint sind vor al­lem Deutsch­land und Chi­na – sich wei­ter wei­ger­ten, das Pro­blem ih­rer im­men­sen Han­dels­über­schüs­se an­zu­ge­hen.

Die auf­zie­hen­den dunk­len Wol­ken am zu­letzt so blau­en Kon­junk­tur­him­mel wer­den auch bei der Früh­jahrs­ta­gung von IWF und Welt­bank The­ma sein, zu der Po­li­ti­ker und No­ten­ban­ker aus al­len Erd­tei­len in der zwei­ten Wo­chen­hälf­te in Wa­shing­ton zu­sam­men­kom­men. Bun­des­fi­nanz­mi­nis­ter Olaf Scholz plant – wie schon beim G-20Tref­fen in Bu­e­nos Ai­res – nur ei­ne 48-stün­di­ge Stipp­vi­si­te, bei der er sich oben­drein vor al­lem eu­ro­päi­schen The­men wid­men will: Am Don­ners­tag soll er sich bei ei­ner Po­di­ums­dis­kus­si­on zur Zu­kunft der Eu­ro­Zo­ne äu­ßern, am Frei­tag wer­den die Ver­hand­lun­gen um Schul­den­er­leich­te­run­gen für Grie­chen­land fort­ge­setzt. Im Ge­päck hat Scholz im­mer­hin ei­ne leicht ver­bes­ser­te Kon­junk­tur­pro­gno­se der gro­ßen Wirt­schafts­for­schungs­in­sti­tu­te: Wie am Di­ens­tag be­kannt wur­de, er­war­tet die Ex­per­ten ein Plus von 2,2 Pro­zent für die­ses und von zwei Pro­zent für nächs­tes Jahr. Das sind je­weils 0,2 Pro­zent­punk­te mehrals bei der letz­ten Schät­zung im Herbst vor­her­ge­sagt.

Auch der Bun­des­fi­nanz­mi­nis­ter weiß al­ler­dings, dass die IWF-Obe­ren ih­re Au­gen längst auf die Jah­re nach 2019 rich­ten. Der Fonds wer­de bei der Ta­gung Druck ma­chen, jetzt Struk­tur­re­for­men an­zu­ge­hen, die Staats­schul­den zu sen­ken und an­de­re Wachs­tums­hemm­nis­se ab­zu­bau­en, hieß es in Ber­li­ner Re­gie­rungs­krei­sen. Schließ­lich hat­te IWF-Che­fin Chris­ti­ne La­g­ar­de ih­re Kern­bot­schaft in jüngs­ter Zeit schon wie­der­holt for­mu­liert: „Man soll­te das Dach de­cken, so­lan­ge die Son­ne noch scheint.“

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