Ma­cher und Po­la­ri­sie­rer

Mar­kus Sö­der hat teu­re Pro­gram­me auf­ge­legt, um sich zu pro­fi­lie­ren. Ge­nutzt hat es ihm we­nig

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - 2 THEMA DER WOCHE - Ro­man de­i­nin­ger, wolf­gang wittl

Ein bö­ser Witz kur­siert in die­sen Ta­gen über Mar­kus Sö­der, er­zählt wird er von sei­nen nicht ge­ra­de bes­ten Freun­den in der CSU. Der Witz geht so: Sö­der be­haup­te, er ha­be von sei­nem Vor­gän­ger Horst See­ho­fer zu we­nig Zeit be­kom­men, um sich bei den Men­schen als Mi­nis­ter­prä­si­dent be­wei­sen zu kön­nen. Das Ge­gen­teil sei rich­tig. Sö­der ha­be nicht zu we­nig, son­dern zu viel Zeit ge­habt: Je län­ger er Bay­ern re­gie­re, des­to tie­fer sa­cke die CSU in den Pro­gno­sen ab. Aber viel­leicht ist das ja gar kein Witz, Um­fra­gen stüt­zen die­se Theo­rie. We­ni­ge Wo­chen nach Sö­ders Amts­an­tritt lag die CSU sta­bil über 40 Pro­zent, auch mit dem Mi­nis­ter­prä­si­den­ten und sei­nem Ka­bi­nett wa­ren die Bay­ern mehr­heit­lich zu­frie­den. Die­se Wer­te ha­ben sich gründ­lich ge­dreht. Was al­so ist pas­siert?

Als Sö­der am 18. April die­ses Jah­res sei­ne ers­te Re­gie­rungs­er­klä­rung hält, se­hen die Men­schen, welche Art Mi­nis­ter­prä­si­dent da auf sie zu­kommt: Hun­dert Ein­zel­pro­jek­te stellt Sö­der vor, von A (wie Ar­ten­schutz­zen­trum) bis Z (wie Zu­kunfts­tech­no­lo­gi­en), für je­den et­was. Es ist ein kost­spie­li­ger Bauch­la­den, den Sö­der da öff­net. Die Po­li­tik, die ihn an die Spit­ze des Frei­staats ge­bracht hat, setzt er dort mit ähn­li­chen Mit­teln fort. Sö­der will Ma­cher sein und Kämp­fer, Mo­der­ni­sie­rer und in­nen­po­li­ti­scher Hard­li­ner, aber auch Tra­di­ti­ons­be­wah­rer und baye­ri­scher See­len­streich­ler – ei­ne Mi­schung aus sei­nen Vor­gän­gern Ed­mund Stoi­ber und Horst See­ho­fer.

Das ge­lingt nur mä­ßig. Wie schon als Mi­nis­ter hetzt Sö­der von Ter­min zu Ter­min, al­les Re­gie­rungs­han­deln schnei­det er auf ei­ne Per­son zu: sich selbst. Sö­der pflügt durchs Land, als stün­de in der Ver­fas­sung, ein neu­er Mi­nis­ter­prä­si­dent müs­se je­dem Bür­ger in den ers­ten sechs Mo­na­ten die Hand schüt­teln. Freun­de ra­ten ihm, er sol­le sich Zeit neh­men. Lie­ber ein Ter­min we­ni­ger, da­für aus­führ­li­cher mit Men­schen spre­chen. Na­he­zu täg­lich ver­kün­det Sö­der ei­ne neue mil­lio­nen­schwe­re Maß­nah­me. Es ist wie ein Feu­er­werk, bei dem al­le Se­kun­den ei­ne wei­te­re Ra­ke­te in den Him­mel steigt. Die ge­blen­de­ten Zu­schau­er neh­men sie nicht mehr wahr.

Sö­der setzt so­zia­le Ak­zen­te, eben­falls mit viel Geld: Ein baye­ri­sches Bau­kin­der­geld gibt es, 1000 Eu­ro Pfle­ge­geld und ein Fa­mi­li­en­geld, das aus­ge­rech­net die So­zi­al­de­mo­kra­ten kri­ti­sie­ren. Sö­der be­dient al­le und je­den, die mil­li­ar­den­schwe­ren Aus­ga­ben wür­den auf Dau­er selbst das rei­che Bay­ern her­aus­for­dern. Schwer­punk­te sei­nes Pro­gramms sind um­strit­ten, die Ver­gan­gen­heit und sein Image ho­len ihn ein. Sö­der will Wohn­raum schaf­fen und muss sich vor­wer­fen las­sen, als Fi­nanz­mi­nis­ter nicht ge­gen den Ver­kauf ei­ner staat­li­chen Wohn­bau­ge­sell­schaft ge­kämpft zu ha­ben. Er lässt in Be­hör­den Kreu­ze auf­hän­gen, was so­gar die Kir­chen spal­tet. Er führt ei­ne Grenz­po­li­zei und ein schär­fe­res Po­li­zei­ge­setz ein, Tau­sen­de De­mons­tran­ten ge­hen da­ge­gen auf die Stra­ße. Sö­der will Lan­des­va­ter sein, aber er po­la­ri­siert – vor al­lem im Som­mer, als er an See­ho­fers Sei­te im Kampf ge­gen An­ge­la Mer­kels Flücht­lings­po­li­tik ein „End­spiel der Glaub­wür­dig­keit“aus­ruft. Von den Par­tei­freun­den im Bund hat er sich in­zwi­schen dis­tan­ziert. Die Af­fä­re um Hans-Ge­org Maa­ßen, der Streit um die Nach­rüs­tung bei Die­sel­Fahr­zeu­gen – Berlin ist für Sö­der Be­las­tung und Grund für den Ab­sturz.

Im Wahl­kampf wirbt er nicht zu Un­recht mit Bay­erns Er­fol­gen. Aber Wah­len in un­ru­hi­gen Zei­ten werden nicht durch Leis­tungs­bi­lan­zen ent­schie­den, son­dern durch Ver­trau­en – sie­he Win­fried Kret­sch­mann und Ma­lu Drey­er, sie­he An­ne­gret Kramp-Kar­ren­bau­er und Stephan Weil. Sö­der hat das ge­merkt. Seit Wo­chen gibt er sich be­tont de­mü­tig, er sagt, er ler­ne täg­lich da­zu. Doch sei­ne Zuf­rie­den­heits­wer­te lie­gen weit un­ter de­nen sei­ner Vor­gän­ger. Seit ei­nem hal­ben Jahr Mi­nis­ter­prä­si­dent: Mar­kus Sö­der Mit­te März an sei­nem neu­en Ar­beits­platz in der Münch­ner Staats­kanz­lei.

FO­TO: SVEN HOPPE / DPA

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.