Ero­si­on in Bay­ern

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - 4 MEINUNG - Von kurt kis­ter

An die­sem Sonn­tag wird Bay­ern, po­li­tisch ge­se­hen, halb­wegs nor­mal werden. Wäh­rend in al­len an­de­ren Bun­des­län­dern Ko­ali­ti­ons­re­gie­run­gen die Re­gel wa­ren und seit Lan­gem nir­gend­wo mehr ei­ne ein­zi­ge Par­tei über meh­re­re Le­gis­la­tur­pe­ri­oden klar do­mi­nier­te, war das in Bay­ern bis­lang an­ders. Die CSU er­reich­te seit 1958 nie we­ni­ger als 43 Pro­zent; sie er­ziel­te et­li­che Ma­le mehr als 50 Pro­zent, und zwei­mal lag sie so­gar jen­seits der 60 Pro­zent. Bay­ern war ei­ne Wahl­mon­ar­chie, in der die Mehr­heit mit ih­ren mal au­to­ri­tä­ren, mal bleich-bü­ro­kra­ti­schen Kö­ni­gen vom Schla­ge Franz Jo­sef Strauß oder Ed­mund Stoi­ber zu­frie­den war. Das hat­te viel da­mit zu tun, dass in Bay­ern zwar nicht im­mer To­le­ranz und Chan­cen­ge­rech­tig­keit, aber doch Wirt­schaft und pri­va­ter Wohl­stand wuch­sen.

2018 wird es an­ders. Zwar ist die Wahl noch kei­nes­wegs ge­lau­fen, und die Zahl der Un­ent­schie­de­nen ist auch jetzt noch be­trächt­lich. Den­noch wä­re es ei­ne gro­ße Über­ra­schung, wür­de die CSU auch nur in die Nä­he der 40-Pro­zen­tMar­ke kom­men. Soll­te es so aus­ge­hen, wie vie­le Um­fra­gen an­deu­ten, wird die eins­ti­ge Do­mi­nanz­par­tei eher in Rich­tung der 30-Pro­zent-Mar­ke fal­len.

Das ist auch ei­ne Fol­ge der Zeit­läuf­te. Die Ero­si­on der Volks­par­tei­en ist in man­chen Län­dern Eu­ro­pas schon ab­ge­schlos­sen; in Deutsch­land hat sie be­gon­nen. Dies ist deut­lich am Schick­sal der SPD zu be­ob­ach­ten, ei­ner in Nord­west­deutsch­land noch re­la­tiv star­ken re­gio­na­len Mi­lieu­par­tei, die im Sü­den und im Os­ten der Re­pu­blik mitt­ler­wei­le zu den Klei­nen ge­hört. Im Bund liegt sie sta­bil un­ter 20 Pro­zent, ge­gen­wär­tig hin­ter AfD und Grü­nen.

In Bay­ern kon­kur­riert die SPD grö­ßen­mä­ßig mit den Frei­en Wäh­lern, Grü­ne und AfD sind ihr ent­eilt. Das ist im Lan­de Kurt Eis­ners, Wil­helm Ho­eg­ners und Hans-Jo­chen Vo­gels bit­ter, aber die Rea­li­tät. Sim­pel ge­sagt: Die Bay­ern mö­gen ih­re So­zis als Ober­bür­ger­meis­ter, be­son­ders wenn sie so gut an­zap­fen kön­nen wie der in München. Über die Rat­häu­ser hin­aus aber gilt die SPD nicht mehr als Teil der Lö­sung.

Vie­le Men­schen, die ei­ne ge­fühlt eher lin­ke, mo­der­ne, auf Um­welt und Bür­ger­rech­te ach­ten­de Par­tei wol­len, wäh­len heu­te nicht mehr die So­zi­al­de­mo­kra­ten, son­dern die Grü­nen. Das er­klärt ne­ben an­de­rem die Stär­ke der Grü­nen in Bay­ern und Ba­den-Würt­tem­berg, aber auch ihr Wachs­tum im Bund. Die Grü­nen kön­nen die neue SPD werden. In der aus­dif­fe­ren­zier­ten Par­tei­en­land­schaft von mor­gen sind sie viel­leicht die dritt-, mög­li­cher­wei­se die zweit­stärks­te Kraft. Al­ler­dings geht es in ei­nem sol­chen Sze­na­rio mit sechs oder sie­ben Par­tei­en nicht mehr um Stär­ken von 30-plus-Pro­zent, son­dern um Mar­gen zwi­schen 15 und 25 Pro­zent.

Die Stär­ke der Grü­nen in Bay­ern ist frei­lich nicht nur ei­ne Funk­ti­on der Schwä­che der SPD – auch wenn es dem grü­nen Spit­zen­per­so­nal hier­zu­lan­de bes­ser ge­lingt, „baye­risch“zu wir­ken als den Kon­kur­ren­ten von der SPD oder den Tau­send-Eu­roTrach­ten­jan­ker-Leu­ten von der FDP (wie üb­lich muss die FDP um den Ein­zug in den Land­tag zit­tern). Die Grü­nen pro­fi­tie­ren auch da­von, dass die Füh­rung der CSU, per­so­ni­fi­ziert von Horst See­ho­fer und Mar­kus Sö­der, Ak­zep­tanz und Image der CSU in ei­ner Wei­se be­schä­digt hat, wie dies zu­vor nicht pas­siert ist – auch nicht un­ter den Über­gangs­chefs Gün­ther Beck­stein und Er­win Hu­ber. See­ho­fer, der gro­ße Tak­ti­ker, und Sö­der, der ehr­gei­zi­ge Re­for­mer, ha­ben da­für ge­sorgt, dass die CSU je­nes prag­ma­ti­sche Pro­fil ver­lo­ren hat, das sie für Kon­ser­va­ti­ve und Li­be­ra­le gleich­zei­tig wähl­bar mach­te.

Sö­ders rechts­po­pu­lis­ti­sches Ge­schwätz vom „Asyl­tou­ris­mus“und vom „Staats­ver­sa­gen“, das er erst wie­der halb­her­zig kas­sier­te, als es schon zu spät war, holt nie­man­den von der AfD zu­rück, be­för­dert aber An­ti-CSU-De­mons­tra­tio­nen in München und an­ders­wo. Der in stra­te­gi­schen Fra­gen un­klu­ge Sö­der ver­such­te, die CSU mehr rechts zu po­si­tio­nie­ren. Des­we­gen sein Po­pu­lis­mus, sein Kreuz-Be­schluss, die Grenz­po­li­zei, das Star­kerMann-aus-Fran­ken-Ge­ha­be. Die AfD, die nun wirk­lich rechts steht, dank­te es ihm. Li­be­ra­le CSU-Sym­pa­thi­san­ten dank­ten es ihm nicht.

Da­zu ka­men Horst See­ho­fers zwi­schen post­pu­ber­tär und prä­se­nil chan­gie­ren­de Recht­ha­be­rei ge­gen­über An­ge­la Mer­kel so­wie sei­ne Irr­lich­te­rei­en nach dem Mot­to: „Heu­te Abend tre­te ich zu­rück, mor­gen früh bin ich wie­der da.“Für die CSU, die sich wie die CDU in der Volks­par­tei­kri­se be­fin­det, war das ein Brand­be­schleu­ni­ger.

Die An­nah­me, die CSU kön­ne durch Kon­fron­ta­ti­on mit der CDU ge­win­nen, war falsch. Was Sö­der und See­ho­fer als Ei­gen­stän­dig­keit ver­stan­den, wur­de als Zer­strit­ten­heit wahr­ge­nom­men. Kurz vor der Wahl gab es auch noch ge­gen­sei­ti­ge Schuld­zu­wei­sun­gen. Sö­der re­de­te von „Berlin“und mein­te See­ho­fer; See­ho­fer sag­te, er ha­be sich nicht in „die baye­ri­sche Wahl­kampf­füh­rung ein­ge­mischt“. Ja, wo sam­ma denn, sagt da der Bay­er, der CSU-Chef hat nichts mit der Wahl­kampf­füh­rung der CSU zu tun?

Bleibt noch die AfD. Sie ist in Bay­ern nicht so stark wie im Os­ten, sie ist aber auch nicht schwach. Es gab un­ter CSUWäh­lern im­mer schon ei­nen AfD-Flü­gel, lan­ge be­vor die AfD ge­grün­det wur­de. An­ders als zu Zei­ten der Re­pu­bli­ka­ner und der NPD aber ist heu­te die Un­ter­stüt­zung ei­ner Rechts­par­tei kein Ta­bu mehr, im Ge­gen­teil. Der Ta­bu­bruch durch re­ak­tio­nä­re Schwa­dro­neu­re wie Alex­an­der Gau­land ist Wahl­kampf­kal­kül.

Wenn es geht, wird die CSU mit den Frei­en Wäh­lern (FW) ko­alie­ren, auch weil die oh­ne­hin in er­heb­li­chem Ma­ße aus un­zu­frie­de­nen CSU-Sym­pa­thi­san­ten be­ste­hen. Soll­te die FDP in den Land­tag kom­men, kann für Sö­der auch ei­ne Drei­er­ko­ali­ti­on CSU, FW und FDP ei­ne Op­ti­on sein. Das In­ter­es­san­tes­te aber wä­re ei­ne schwarz-grü­ne Ko­ali­ti­on. In der müss­te sich die CSU so ver­än­dern, dass sie viel­leicht von der Do­mi­nanz­par­tei zu ei­ner nor­ma­len Par­tei werden könn­te. Mit See­ho­fer geht das nicht, mit Sö­der schon. Der ist fle­xi­bel, so­lan­ge es ihm nützt. Am in­ter­es­san­tes­ten wä­re ei­ne schwarz-grü­ne Ko­ali­ti­on. Da­für müss­te die CSU al­ler­dings ihr Do­mi­nanz­ge­ha­be auf­ge­ben und ei­ne nor­ma­le Par­tei werden. Das wird ihr schwer­fal­len

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