In der Grau­zo­ne

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - 4 MEINUNG - Von mi­chae­la schwinn

Was ist er­laubt, wann ma­che ich mich straf­bar? Und ist es ei­gent­lich rich­tig, was ich ma­che? Es ist ein mo­ra­li­scher und recht­li­cher Schwe­be­zu­stand, in dem sich Ärz­te, die Ab­trei­bun­gen vor­neh­men, der­zeit be­fin­den. Die po­li­ti­sche und ju­ris­ti­sche De­bat­te um den Pa­ra­gra­fen 219a, um das Wer­be­ver­bot bei Ab­trei­bun­gen, hat vie­le von ih­nen tief ver­un­si­chert.

Die­se Un­ge­wiss­heit, die­se Ängs­te dürf­te auch die neu­er­li­che Ent­schei­dung des Land­ge­richts Gie­ßen über den Fall der All­ge­mein­me­di­zi­ne­rin Kristina Hä­nel nicht auf­lö­sen. Sie hat­te Be­ru­fung ein­ge­legt, nach­dem sie im ver­gan­ge­nen Jahr zu ei­ner Geld­stra­fe ver­ur­teilt wor­den war, weil sie auf ih­rer In­ter­net­sei­te über Schwan­ger­schafts­ab­brü­che in­for­miert hat­te. Das Ur­teil war rich­tig, ent­schied nun das Land­ge­richt. Wo­mög­lich hat­te es auch gar kei­ne an­de­re Wahl: Dem Wort­laut des Pa­ra­gra­fen nach ist Hä­nel schul­dig.

Ei­nes aber hät­te das Land­ge­richt Gie­ßen ma­chen kön­nen, ja so­gar ma­chen müs­sen: das Ver­fah­ren aus­set­zen und Karlsruhe an­ru­fen, die Hü­ter der Ver­fas­sung, so wie es Hä­nels An­walt for­der­te. Dass es das nicht tat, ist ab­surd – der Rich­ter selbst äu­ßer­te Zwei­fel dar­an, dass das Wer­be­ver­bot mit der deut­schen Ver­fas­sung zu ver­ein­ba­ren ist. Auch er wird er­kannt ha­ben, dass es längst nicht mehr um Hä­nel al­lein geht, son­dern dar­um, ob der Pa­ra­graf Frau­en in Not­la­gen Hil­fen ver­wehrt, die ih­nen zu­ste­hen; ob er dem Recht auf kör­per­li­che Un­ver­sehrt­heit und auf In­for­ma­ti­ons­frei­heit wi­der­spricht. Sol­che Fra­gen kön­nen ju­ris­tisch nur in Karlsruhe ge­klärt werden.

In Gie­ßen woll­te man das an­schei­nend nicht, statt­des­sen duck­te man sich weg. Das ist nicht un­se­re Sa­che, das soll ge­fäl­ligst die Po­li­tik re­geln, war die in­di­rek­te Bot­schaft. Schön wä­re es, könn­te man ent­geg­nen. Seit Mo­na­ten gleicht die Re­gie­rungs­de­bat­te um den Pa­ra­gra­fen 219a ei­nem Tau­zie­hen, bei dem kei­ne Sei­te auch nur ei­nen Zen­ti­men­ter nach­ge­ben will: Die ei­nen wol­len den Pa­ra­gra­fen strei­chen, die an­de­ren ihn um­schrei­ben, wie­der an­de­re al­les so las­sen, wie es ist.

Die Re­gie­rung muss drin­gend ei­nen Kom­pro­miss beim Pa­ra­gra­fen 219a fin­den

So aber wie es ge­ra­de ist, kann es nicht blei­ben. Die Straf­an­dro­hung für Ärz­te muss weg. Des­halb aber den gan­zen Pa­ra­gra­fen zu strei­chen ist nicht nö­tig. Es wür­de rei­chen, den Text so zu for­mu­lie­ren, dass Me­di­zi­ner wie­der sach­lich über ih­re Ar­beit in­for­mie­ren kön­nen. Sie brau­chen Ge­wiss­heit. Ei­nes wird in der hoch­e­mo­tio­na­len De­bat­te näm­lich häu­fig ver­ges­sen: Schon heu­te gibt es kaum mehr Ärz­te, die ei­nen Ab­bruch vor­neh­men, und es werden im­mer we­ni­ger. Jun­ge Me­di­zi­ner ent­schei­den sich kaum mehr da­für, spä­ter Ab­trei­bun­gen an­zu­bie­ten. Ih­re Angst ist groß, von fa­na­ti­schen so­ge­nann­ten Le­bens­schüt­zern un­ter Druck ge­setzt, ver­folgt und vor Ge­richt ge­bracht zu werden.

Dass der Ruf von Ärz­ten, die Ab­brü­che vor­neh­men, in Ver­ruf ge­ra­ten ist, hat auch mit der recht­li­chen Grau­zo­ne zu tun, die das Wer­be­ver­bot schafft. Die end­lo­se De­bat­te in der Re­gie­rung trägt wei­ter da­zu bei. Falls nicht bald ei­ne Lö­sung ge­fun­den wird – wie von Jus­tiz­mi­nis­te­rin Ka­ta­ri­na Bar­ley ver­spro­chen –, dann könn­te es sein, dass sich die Dis­kus­si­on mehr oder we­ni­ger von al­lei­ne er­le­digt. Ir­gend­wann gibt es in Deutsch­land fast kei­ne Ab­trei­bungs­ärz­te mehr. Und Frau­en müs­sen wie­der ins Aus­land fah­ren, wenn sie un­ge­wollt schwan­ger sind.

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