Ab­grün­de

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - 4 MEINUNG - Ja­na ste­ge­mann

Dem Vor­sit­zen­den Rich­ter war klar, dass er an die­sem Frei­tag ei­ne Ent­täu­schung aus­lö­sen wür­de. Ent­täu­schend aber wa­ren nicht die mil­den Stra­fen im Pro­zess um den Ein­sturz des Köl­ner Stadt­ar­chivs. Ent­täu­schend war viel­mehr, dass die Straf­kam­mer des Land­ge­richts Köln nach 48 Pro­zess­ta­gen nicht die Schuld­fra­ge klär­te – son­dern letzt­lich nur die Ein­sturz­ur­sa­che. Es wur­de so viel über die Ei­gen­hei­ten von Schlitz­wän­den ge­spro­chen, dass Pro­zess­be­ob­ach­ter zu Tief­bau-Ex­per­ten wur­den. Doch wer wirk­lich die Ver­ant­wor­tung trägt für die Ka­ta­stro­phe, bei der im März 2009 zwei jun­ge Män­ner star­ben, 36 Men­schen ihr Zu­hau­se ver­lo­ren und ein Sach­scha­den von 1,2 Mil­li­ar­den Eu­ro ent­stand, bleibt un­ge­klärt.

Die Staats­an­walt­schaft er­mit­tel­te zu­nächst ge­gen 70 Be­schul­dig­te, es blie­ben vier An­ge­klag­te üb­rig. Bo­den­per­so­nal ge­wis­ser­ma­ßen. Ver­ur­teilt zu ei­ner acht­mo­na­ti­gen Be­wäh­rungs­stra­fe wur­de ein­zig ein Bau­über­wa­cher. Der Ver­dacht liegt na­he, dass die Fal­schen auf der An­kla­ge­bank sa­ßen. Dass man nur die Klei­nen be­straf­te und die Gro­ßen lau­fen ließ.

Die Gro­ßen, das wa­ren die Bau­fir­men mit Bil­fin­ger Ber­ger an der Spit­ze, die städ­ti­schen Ver­kehrs­be­trie­be als Bau­herr und zu­gleich sich selbst kon­trol­lie­ren­de Auf­sichts­be­hör­de so­wie die Stadt­ver­wal­tung als pla­nen­de Be­hör­de. Doch die Ver­ant­wor­tung für die­se Jahr­hun­der­tKa­ta­stro­phe wur­de schon vor Straf­pro­zess­be­ginn nach un­ten durch­ge­reicht. Man könn­te sa­gen: ty­pisch Köln, Haupt­stadt der or­ga­ni­sier­ten Ver­ant­wor­tungs­lo­sig­keit.

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