Sich für ei­ne Ge­burt recht­fer­ti­gen

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - 6 POLITIK - Von mi­chae­la schwinn

München – Sie ka­men mit Pla­ka­ten, mit Schil­dern. Ei­ne Fe­men-Ak­ti­vis­tin hat­te ih­re Wut auf die nack­ten Brüs­te ge­schrie­ben: „Stop War on Wo­men“. Et­wa 150 Men­schen ver­sam­mel­ten sich vor dem Land­ge­richt in Gie­ßen, um Kristina Hä­nel zu un­ter­stüt­zen. Auch der hes­si­sche SPD-Chef Thors­ten Schä­fer-Güm­bel war als Pro­test­red­ner er­schie­nen.

Sie al­le woll­ten Hä­nel bei­ste­hen bei ih­rem Kampf ge­gen den Pa­ra­gra­fen 219a des Straf­ge­setz­buchs, das Wer­be­ver­bot bei Ab­trei­bun­gen. Die­ser näm­lich brach­te sie im ver­gan­ge­nen Jahr vor Ge­richt. Die All­ge­mein­me­di­zi­ne­rin wur­de zu ei­ner Geld­stra­fe von vier­zig Ta­ges­sät­zen zu je 150 Eu­ro ver­ur­teilt, weil sie auf ih­rer Home­page über Ab­trei­bun­gen in­for­mier­te. Das aber woll­te die Ärz­tin nicht hin­neh­men und ging in Be­ru­fung. „Die Rechts­la­ge in Deutsch­land be­darf ei­ner Klä­rung“, schrieb sie auf Twit­ter.

Mit Zu­ver­sicht be­trat sie am Frei­tag den Ge­richts­saal des Land­ge­richts in Gie­ßen, denn egal was pas­sie­ren wür­de, sie hat­te be­reits vor­her an­ge­kün­digt, wenn nö­tig durch al­le In­stan­zen zu ge­hen. Kurz nach Mit­tag war dann auch klar, dass ihr Kampf nicht vor dem Land­ge­richt en­den wür­de: Es be­stä­tig­te ih­re Ver­ur­tei­lung we­gen il­le­ga­ler Wer­bung für Ab­trei­bun­gen und wies die Be­ru­fung der Ärz­tin ab.

„Als Bür­ger sa­ge ich“, so der Rich­ter, „mö­ge das Ge­setz ge­än­dert werden.“

Der Fall lös­te ei­ne De­bat­te über das Ab­trei­bungs­recht und ins­be­son­de­re den be­tref­fen­den Pa­ra­gra­fen aus. Un­ter­stüt­zer Hä­nels ar­gu­men­tie­ren, die­ser be­hin­de­re das An­recht von Frau­en, sich sach­lich über die Mög­lich­kei­ten ei­nes Schwan­ger­schafts­ab­bruchs zu in­for­mie­ren. Be­für­wor­ter des Pa­ra­gra­fen 219a ver­wei­sen dar­auf, dass das Wer­be­ver­bot die ge­setz­lich fest­ge­schrie­be­ne Pflicht für Frau­en flan­kie­re, sich be­ra­ten zu las­sen. Dar­an sol­le nicht ge­rüt­telt werden. In­for­ma­tio­nen, wo Ab­brü­che vor­ge­nom­men werden könn­ten, sei­en zu­dem in den Be­ra­tungs­stel­len zu­gäng­lich.

Dass es bei die­ser ak­tu­el­len Ent­schei­dung des Land­ge­richts um viel mehr geht als nur um die All­ge­mein­me­di­zi­ne­rin Hä­nel und ih­re Home­page, zeigt auch die For­de­rung ih­res An­walts: „Un­ser Ziel be­steht dar­in, dass das Ge­richt das Ver­fah­ren aus­setzt und ei­ne Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts ein­holt“– dar­über, ob 219a über­haupt mit der Ver­fas­sung ver­ein­bar sei.

Ob­wohl selbst der Rich­ter Zwei­fel äu­ßer­te, ob das Wer­be­ver­bot ver­fas­sungs­mä­ßig ist, lehn­te das Land­ge­richt die Vor­la­ge des Falls in Karlsruhe ab. Die Ge­rich­te sei­en „in sol­chen Din­gen über­for­dert“, hieß es. „Als Bür­ger sa­ge ich“, so der Rich­ter, „mö­ge das Ge­setz ge­än­dert werden.“Aber der Pa­ra­graph 219a sei klar und deut­lich for­mu­liert, der Wil­le des Ge­setz­ge­bers sei ein­deu­tig. „Stop War on Wo­men“hat­te ei­ne Fe­men-Ak­ti­vis­tin auf ih­ren nack­ten Ober­kör­per ge­schrie­ben. Kurz nach Be­ginn der Ver­hand­lung wur­den sie von Jus­tiz­be­am­ten weg­ge­führt. Vor dem Ge­bäu­de de­mons­trier­ten cir­ca 150 Men­schen für ei­nen frei­en Zu­gang zu In­for­ma­tio­nen über Schwan­ger­schafts­ab­brü­che.

In­di­rekt schob das Ge­richt ei­ne Ent­schei­dung in der Sa­che da­mit zur Po­li­tik zu­rück. In der Bun­des­re­gie­rung sind Wer­be­ver­bot und Ab­trei­bung zu emo­ti­ons­ge­la­de­nen Sym­bolthe­men ge­wor­den. Seit fast ei­nem Jahr ver­su­chen Po­li­ti­ker in Berlin, das Pro­blem zu klä­ren. Nach­dem man im Bun­des­tag kei­ne Ei­ni­gung er­zie­len konn­te, sol­len nun vier Mi­nis­ter der Bun­des­re­gie­rung ei­nen Vor­schlag aus­ar­bei­ten: Jus­tiz­mi­nis­te­rin Ka­ta­ri­na Bar­ley und Fa­mi­li­en­mi­nis­te­rin Fran­zis­ka Gif­fey für die SPD und Kanz­ler­amts­chef Helge Braun und Ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn für CDU.

Bar­ley be­ton­te, sie sei op­ti­mis­tisch, dass „noch in die­sem Herbst“ei­ne Lö­sung in der Ko­ali­ti­on ge­fun­den wer­de. „Hier ver­traue ich auch auf das Wort der Kanz­le­rin, die zu­ge­sagt hat, ei­ne gu­te Lö­sung für al­le Be­tei­lig­ten zu fin­den.“So­wohl Jus­tiz­mi­nis­te­rin Bar­ley als auch Frau­en­mi­nis­te­rin In ers­ter In­stanz war Kristina Hä­nel zu ei­ner Geld­stra­fe von 6000 Eu­ro ver­ur­teilt wor­den. die

Gif­fey plä­dier­ten in die­ser Wo­che für ei­ne Re­form des Pa­ra­gra­fen 219a. „Wir müs­sen die gu­te Ar­beit von Ärz­tin­nen und Ärz­ten ent­kri­mi­na­li­sie­ren und ih­nen Rechts­si­cher­heit ge­ben“, sag­te Gif­fey am Frei­tag. Zu­vor hat­te schon Bar­ley auf die Neu­re­ge­lung ge­drun­gen. Lin­ke und Grü­ne ver­lan­gen die Strei­chung des Pa­ra­gra­fen, Mehr als 100 Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te drin­gen auf ei­ne grund­le­gen­de Klä­rung ethi­scher Fra­gen bei Blut­tests für Schwan­ge­re, et­wa auf ein Down-Syn­drom des Kin­des. Die Fort­schrit­te der ge­ne­ti­schen Dia­gno­se er­for­der­ten ge­sell­schaft­li­che Ant­wor­ten, wie mit den Er­kennt­nis­sen um­zu­ge­hen sei, sag­te der CDU-Ab­ge­ord­ne­te Ru­dolf Hen­ke bei der Vor­stel­lung ei­ner frak­ti­ons­über­grei­fen­den Initia­ti­ve am Frei­tag in Berlin. An­ge­strebt wird da­für ei­ne of­fe­ne De­bat­te im Bun­des­tag An­fang kom­men­den Jah­res. Hin­ter­grund ist ei­ne Prü­fung, in wel­chen Fäl­len die ge­setz­li­chen Kas­sen sol­che Tests künf­tig be­zah­len könn­ten.

Die Grü­nen-Ab­ge­ord­ne­te Co­rin­na Rüf­fer sag­te, statt durch im­mer mehr Tests

die FDP schlägt ei­ne Ab­schwä­chung vor. Ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn wies die Ide­en zur Än­de­rung des um­strit­te­nen 219a in der Ver­gan­gen­heit al­ler­dings ve­he­ment zu­rück. Auch die Vor­sit­zen­de der Frau­en­uni­on, An­net­te Wid­mann-Mauz, sag­te: „Wir werden ei­nen Vor­schlag ma­chen, oh­ne den Le­bens­schutz den An­schein zu er­we­cken, man ha­be es un­ter Kon­trol­le, was für ein Kind man be­kom­me, ge­he es um Wert­schät­zung von Viel­falt. Dagmar Schmidt (SPD) sag­te, El­tern soll­ten nie in Ge­fahr ge­ra­ten, sich für die Ge­burt ei­nes Kin­des recht­fer­ti­gen zu müs­sen. Den An­stoß für ei­ne De­bat­te ha­ben zehn Par­la­men­ta­ri­er von Uni­on, SPD, Grü­nen, Lin­ken und FDP in ei­nem ge­mein­sa­men Pa­pier ge­ge­ben.

Seit 2012 werden Schwan­ge­ren vor­ge­burt­li­che Blut­tests an­ge­bo­ten, die un­ter an­de­rem un­ter­su­chen, ob das Kind mit Down-Syn­drom auf die Welt kom­men wür­de. Lan­ge hat­te sich dies zu­vor nur mit ei­ner ris­kan­te­ren Frucht­was­ser­un­ter­su­chung ab­schät­zen las­sen.

des un­ge­bo­re­nen Le­bens in­fra­ge zu stel­len.“Denn in der Uni­on be­steht die Sor­ge, dass mit der Än­de­rung des Wer­be­pa­ra­gra­fen der ge­sam­te, vor mehr als 20 Jah­ren ge­fun­de­ne Kom­pro­miss zur Be­ra­tungs­pflicht und Zwölf-Wo­chen-Frist bei Schwan­ger­schafts­ab­brü­chen ins Wan­ken ge­rie­te – könn­te doch am En­de der De­bat­te ei­ne Li­be­ra­li­sie­rung von Ab­trei­bun­gen ste­hen.

Nach dem Ur­teil des Land­ge­richts wird um­so mehr deut­lich, dass ei­ne Ent­schei­dung wohl nur die Re­gie­rung her­bei­füh­ren kann. Wann die­se fällt, bleibt aber un­klar, auch wenn die SPD ein Ul­ti­ma­tum ge­stellt hat: Wenn nicht bis zum Herbst ein ab­ge­stimm­ter Ent­wurf vor­lie­ge, auf den sich bei­de Ko­ali­tio­nä­re ei­ni­gen kön­nen, wer­de man mit den „re­form­wil­li­gen“Ab­ge­ord­ne­ten im Bun­des­tag spre­chen – und zur Not dar­auf drin­gen, den Frak­ti­ons­zwang auf­zu­he­ben.

Ei­nen Rat gab der Rich­ter des Land­ge­richts Gie­ßen der Ärz­tin Kristina Hä­nel noch mit auf den Weg: „Sie müs­sen das Ur­teil tra­gen wie ei­nen Eh­ren­ti­tel in ei­nem Kampf für ein bes­se­res Ge­setz.“Und die­sen Kampf wird Hä­nel wei­ter­füh­ren: Sie kün­dig­te Re­vi­si­on beim Ober­lan­des­ge­richt Frank­furt am Main an.

FO­TOS: SILAS ST­EIN/AFP

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