Grund­los glück­lich

Der Bund will die Woh­nungs­not lin­dern, in­dem er ei­ge­ne Flä­chen ab­gibt. Das hat auch mit zwei Per­so­na­li­en zu tun

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - 6 POLITIK - Mi­ke szy­man­ski

Berlin – Es ist nicht ge­ra­de der be­schei­dens­te Ort, den Chris­toph Krupp ge­wählt hat, um über güns­ti­ge Woh­nun­gen zu re­den: das Kron­prin­zen­pa­lais in Berlin. Ein ver­schwen­de­ri­scher Pracht­bau an der Stra­ße Un­ter den Lin­den. Krupp, 59 Jah­re alt, will da­mit aber nicht an­ge­ben. Das Pa­lais ge­hört nun ein­mal der Bun­des­an­stalt für Im­mo­bi­li­en­auf­ga­ben, der Bi­ma. De­ren Vor­stands­spre­cher ist Krupp seit Mo­nats­an­fang. Die Bi­ma ver­wal­tet die bun­des­ei­ge­nen Lie­gen­schaf­ten, das Kron­prin­zen­pa­lais ist ei­ne von knapp 20 000. In ei­nem Sei­ten­flü­gel hat die An­stalt mit Haupt­sitz in Bonn ein paar be­schei­de­ne Bü­ro­räu­me.

Von drau­ßen dringt Bau­lärm ins Zim­mer. Die Fens­ter lässt Krupp trotz­dem ge­öff­net. Ge­ra­de so, als wä­re der Krach Mu­sik in sei­nen Oh­ren. Krupps Er­folg wird sich tat­säch­lich ein­mal dar­an mes­sen las­sen müs­sen, wie vie­le Bau­krä­ne sich ge­dreht ha­ben in sei­ner Zeit an der Spit­ze der Bi­ma. Woh­nungs­knapp­heit ist ei­nes der drän­gen­den Pro­ble­me der Zeit. Na­tür­lich steht die Fra­ge im Raum, was der Bund bei­tra­gen kann, um es zu lö­sen.

In die­ser Wo­che hat ei­ne Be­mer­kung von Bun­des­fi­nanz­mi­nis­ter Olaf Scholz (SPD) auf­hor­chen las­sen: Der Bund kön­ne zwar mit sei­nen Grund­stü­cken nicht al­le Pro­ble­me lö­sen, sag­te Scholz. Aber wo er dies kön­ne, da wer­de er das auch tun. Das war so­zu­sa­gen der Ar­beits­auf­trag an Krupp und die Bi­ma, die ne­ben den Grund­stü­cken auch noch als Ver­mie­te­rin von et­wa 36 000 Woh­nun­gen auf­tritt. Krupp soll nun mög­lich ma­chen, was geht.

Den ge­setz­li­chen Rah­men hat der Bun­des­tag kürz­lich aus­ge­wei­tet. Ei­ner neu­en Richt­li­nie zu­fol­ge kann die Bi­ma künf­tig „al­le ent­behr­li­chen Lie­gen­schaf­ten“ver­bil­ligt und – un­ter Um­stän­den so­gar gra­tis – an Kom­mu­nen ab­ge­ben. „Als Bi­ma wol­len wir Part­ner der Kom­mu­nen sein“, sagt Krupp. „Wir sind ger­ne be­reit, mit ih­nen über un­se­re Grund­stü­cke zu re­den.“

Das sind ganz neue Tö­ne. Wenn Kom­mu­nen Grund vom Bund ha­ben woll­ten, dann war die Bi­ma aus Sicht vie­ler Kom­mu­nal­po­li­ti­ker so et­was wie die End­geg­ne­rin in ei­nem Com­pu­ter­spiel. Nach ei­nem Weg vol­ler Hin­der­nis­se hat zum Schluss die Bi­ma nie­der­ge­run­gen werden müs­sen. Un­ter Fi­nanz­mi­nis­ter Wolf­gang Schäu­b­le (CDU) hielt die Bi­ma eher die Hand auf die Lie­gen­schaf­ten. Der Städ­te­tag be­klag­te, der An­stalt ge­he es dar­um, Ge­win­ne zu ma­xi­mie­ren.

Auf Schäu­b­le folg­te Scholz. Und die­ser Po­li­ti­ker hat mit Chris­toph Krupp ei­nen en­gen Ver­trau­ten an der Bi­ma-Spit­ze, der die glei­chen Zie­le wie er ver­folgt: „Auf Grund­stü­cken, die heu­te noch der Bi­ma ge­hö­ren, kön­nen kom­mu­na­le Woh­nungs­un­ter­neh­men, freie Woh­nungs­un­ter­neh­men und die Bi­ma selbst in den nächs­ten fünf Jah­ren zu­sam­men ei­ni­ge Zehn­tau­send Woh­nun­gen bau­en“, kün­digt Krupp jetzt an.

Scholz und Krupp ken­nen sich seit 1998. Bei­de wa­ren in der Ham­bur­ger Lo­kal­po­li­tik ak­tiv. Scholz war Kreis­vor­sit­zen­der der SPD in Al­to­na, Krupp war Kreis­vor­sit­zen­der der SPD in Ber­ge­dorf und spä­ter dort Be­zirks­amts­lei­ter. Als Scholz 2011 Ers­ter Bür­ger­meis­ter in Ham­burg wur­de, hol­te er Krupp als Chef der Se­nats­kanz­lei zu sich. Da­mals star­te­te Scholz auch sein Woh­nungs­bau­pro­gramm für Ham­burg. Zu­nächst 6000, spä­ter dann 10 000 Woh­nun­gen pro Jahr soll­ten neu ent­ste­hen. Nun ver­sucht Scholz auf Bun­des­ebe­ne das Pro­blem der Woh­nungs­knapp­heit in den Griff zu be­kom­men.

Auf den Grund­stü­cken sol­len die Prei­se un­ter der ört­li­chen Ver­gleichs­mie­te lie­gen

Von den knapp 20 000 Lie­gen­schaf­ten des Bun­des gel­ten 5000 als „ent­behr­lich“. Wo über­all tat­säch­lich Woh­nun­gen ge­baut werden kön­nen, muss jetzt ge­prüft werden. Wo die Bi­ma baut, sol­len die Prei­se aber „mög­lichst un­ter der orts­üb­li­chen Ver­gleichs­mie­te lie­gen“, wie Krupp aus­führt. Auch was den Ver­kauf der Grund­stü­cke an­geht, hat Krupp ei­ne kla­re Bot­schaft: „Wir ver­kau­fen nicht meist­bie­tend, wenn wir im Woh­nungs­bau die Al­ter­na­ti­ve ha­ben, Woh­nun­gen zu bau­en, die sich die Leu­te auch lang­fris­tig leis­ten kön­nen. Da leis­te ich lie­ber mei­nen Bei­trag zum be­zahl­ba­ren Woh­nen“, sagt Krupp. „Für Wohl­stand und Wachs­tum in Deutsch­land ist das der bes­se­re Weg, als kurz­fris­tig auf den bes­ten Preis zu set­zen.“In den Bal­lungs­räu­men hält Krupp die Prei­se für „künst­lich über­höht“. Aus sei­ner Sicht wä­re es ein Feh­ler, mit den bun­des­ei­ge­nen Grund­stü­cken auf die­sem „Hoch­preis­ni­veau“ein­zu­stei­gen und die­se Ent­wick­lung so­gar noch zu be­för­dern.

Wo­zu das füh­ren kann, konn­te er in Ham­burg stu­die­ren. „Fast die Hälf­te der Bür­ger hat dort ein Ein­kom­men, das zum Be­zug ei­ner So­zi­al­woh­nung be­rech­tigt. Es kann aber doch nicht sein, dass der Staat für die Hälf­te der Bür­ge­rin­nen und Bür­ger das Woh­nen sub­ven­tio­nie­ren muss.“

Krupp ist da­von über­zeugt, stär­ker in die in­dus­tri­el­le Fer­ti­gung von Woh­nun­gen ein­stei­gen zu müs­sen. Fer­ti­ge Grund­ris­se, ein­mal ge­neh­mig­te Bau­ty­pen – das spart Zeit bei der Ge­neh­mi­gung. „Es geht nicht um die Plat­te, es geht nicht dar­um, bil­lig zu bau­en. Es geht dar­um, Pro­zes­se zu op­ti­mie­ren“, sagt er. Es sei aber auch ei­ne Fra­ge, ob an­de­res, in­di­vi­du­el­le­res Bau­en, über­haupt noch mög­lich ist an­ge­sichts des Fach­kräf­te­man­gels auf dem Bau und des ge­stie­ge­nen Be­darfs. „Kriegt die Wirt­schaft das hin, oh­ne ei­nen Teil der Woh­nun­gen in Se­ri­en­fer­ti­gung zu bau­en? Au­tos könn­ten wir in der Stück­zahl nicht oh­ne In­dus­tria­li­sie­rung bau­en“, sagt er. In Ham­burg hät­te er da­mit schon gu­te Er­fah­run­gen ge­macht. Et­wa 20 000 Lie­gen­schaf­ten be­sitzt der Bund in Deutsch­land. Jetzt soll ge­prüft werden, wo dort Woh­nun­gen ge­baut werden könn­ten.

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