Die Reichs­ten ha­ben die Wahl

Am Sonn­tag be­stim­men die Lu­xem­bur­ger ihr neu­es Par­la­ment. Über Mi­gra­ti­on de­bat­tiert man im wohl­ha­bends­ten Land der EU nicht

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - 8 POLITIK - Tho­mas kirch­ner

Lu­xem­burg – Ei­gent­lich gibt es kei­nen stich­hal­ti­gen Grund, an die­sem Sonn­tag die Christ­so­zia­le Volks­par­tei zu wäh­len. Ihr Spit­zen­kan­di­dat Clau­de Wi­se­ler weiß selbst kei­nen zu nen­nen. Die CSV hät­te die letz­te Steu­er­re­form „bil­li­ger ge­macht“und den Haus­halt bes­ser aus­ge­gli­chen, sagt er in sei­nem ge­räu­mi­gen Eck­bü­ro ge­gen­über der „Cham­bre“, dem Lu­xem­bur­ger Par­la­ment. An­sons­ten hat er der re­gie­ren­den Ko­ali­ti­on aus Li­be­ra­len, Grü­nen und So­zi­al­de­mo­kra­ten we­nig vor­zu­wer­fen. De­ren Au­ßen-, Eu­ro­pa-, Mi­gra­ti­ons­po­li­tik? Al­les in Ord­nung, be­schei­nigt Wi­se­ler der Kon­kur­renz.

Der 58-Jäh­ri­ge, weiß ge­schei­telt, kan­ti­ges Ge­sicht, ist ein an­sehn­li­cher, freund­li­cher, aber un­cha­ris­ma­ti­scher Po­li­ti­ker, der mit sei­ner „Ver­läss­lich­keit“und „Kom­pe­tenz in Sach­fra­gen“wirbt. „Das ist viel­leicht we­ni­ger schil­lernd“, räumt er ein. Trotz­dem könn­te er an die­sem Sonn­tag, wenn die Um­fra­gen stim­men, zum neu­en Pre­mier­mi­nis­ter ge­wählt werden. Wie kann das sein? Viel­leicht, weil es im­mer so war: Lu­xem­burg ist CSV-Land.

Ei­ne kur­ze Aus­nah­me bil­de­ten nur die Jah­re 1974 bis 1979, als der Li­be­ra­le Gas­ton Thorn re­gier­te. Spä­ter ver­tei­dig­te Je­anClau­de Juncker den Kle­in­staat als Fi­nanz­mi­nis­ter und Pre­mier mehr als 20 Jah­re lang ge­gen di­ver­se An­grif­fe auf das Bank­ge­heim­nis. Doch dann brach­te ei­ne Ge­heim­dien­staf­fä­re den Christ­so­zia­len in Be­dräng­nis. Bei ei­ner vor­ge­zo­ge­nen Neu­wahl 2013 ge­schah, für Lu­xem­bur­ger Ver­hält­nis­se, Un­ge­heu­er­li­ches: Noch in der Im Lu­xem­bur­ger Wahl­kampf herrsch­ten mo­de­ra­te Tö­ne: Selbst die Op­po­si­ti­on hat den Re­gie­ren­den we­nig vor­zu­wer­fen.

Wahl­nacht for­mier­te sich ein lan­ge vor­be­rei­te­tes, links­li­be­ra­les Juncker-muss-we­gBünd­nis. Die CSV, ob­wohl weit­aus stärks­te Par­tei, sah sich am nächs­ten Mor­gen in die Op­po­si­ti­on ge­zwun­gen; Juncker flüch­te­te nach Eu­ro­pa und wur­de Prä­si­dent der Eu­ro­päi­schen Kom­mis­si­on.

Seit­her geht es Lu­xem­burg nicht schlech­ter. Die Mit­te-links-Re­gie­rung un­ter dem li­be­ra­len Pre­mier Xa­vier Bet­tel pro­fi­tier­te vom welt­wei­ten Auf­schwung, die Wirt­schaft wächst sta­bil um drei bis

vier Pro­zent im Jahr. Die Ent­hül­lun­gen um du­bio­se Steu­er­de­als („Lux­leaks“) hin­ter­lie­ßen höchs­tens ei­ne win­zi­ge Del­le auf dem Fi­nanz­platz. Et­was mehr Trans­pa­renz ließ sich nicht ver­mei­den, an­sons­ten wi­der­setzt sich die Re­gie­rung al­len Ver­su­chen, die EU-Steu­er­po­li­tik stär­ker zu har­mo­ni­sie­ren. Mit wei­tem Ab­stand sind die Lu­xem­bur­ger wei­ter­hin die Reichs­ten in Eu­ro­pa. Das Brut­to­in­lands­pro­dukt pro Kopf lag im Jahr 2017 bei 92 800 Eu­ro. In Deutsch­land wa­ren es 39 500 Eu­ro. Neu­er­dings ver­kauft Bet­tel sein Land auch als High­tech- und Start-up-Stand­ort. Wirt­schafts­mi­nis­ter Eti­en­ne Schnei­der be­an­sprucht gar ei­ne füh­ren­de Rol­le für Lu­xem­burg bei der För­de­rung von Roh­stof­fen im Wel­tall. Der So­zi­al­de­mo­krat wür­de gern selbst Pre­mier­mi­nis­ter werden und hat sich of­fen für ei­ne Fort­set­zung des bis­he­ri­gen Bünd­nis­ses aus­ge­spro­chen. Es wird „Gam­bia“-Ko­ali­ti­on ge­nannt, weil die Far­ben der Par­tei­en je­nen der gam­bi­schen Flag­ge ent­spre­chen.

In­nen­po­li­tisch er­reich­te die Re­gie­rung ei­ne Tren­nung von Kir­che und Staat, gleich­ge­schlecht­li­che Paa­re dür­fen nun hei­ra­ten und Kin­der ad­op­tie­ren. Ein Dämp­fer war der Ver­such, Aus­län­dern das Stimm­recht zu ge­ben, was 80 Pro­zent der Bür­ger bei ei­nem Re­fe­ren­dum 2015 ab­lehn­ten. Seit­her scheint der Ko­ali­ti­on der Schwung ab­han­den­ge­kom­men zu sein.

Was die Nach­bar­län­der be­schäf­tigt – schar­fe De­bat­ten um die Mi­gra­ti­on, Spal­tung der Ge­sell­schaft –, kommt in Lu­xem­burg nicht vor. Rechts­po­pu­lis­ten à la AfD sucht man ver­ge­bens. Die rechts­kon­ser­va­ti­ve ADR, die bis­her drei der 60 Ab­ge­ord­ne­ten stellt, warnt vor zu viel Ein­wan­de­rern, aber mit ge­mä­ßig­ten Tö­nen; die eu­ro­päi­sche In­te­gra­ti­on stellt sie nicht in­fra­ge. „In Lu­xem­burg gibt es Mi­gra­ti­on nicht nur vom Hö­ren­sa­gen, sie ist über­all sehr prä­sent“, sagt Je­an-Lou Si­weck, Chef­re­dak­teur des ge­werk­schafts­na­hen Ta­ge­blatts. „Vie­le fah­ren hier über zwei, drei Gren­zen am Tag.“Die Hälf­te der 600 000 Ein­woh­ner sind Aus­län­der, und täg­lich pen­deln fast 200 000 Fran­zo­sen, Bel­gi­er und Deut­sche zur Ar­beit in das Groß­her­zog­tum.

Die­se Men­schen tra­gen zum Wohl­stand Lu­xem­burgs bei und si­chern Ge­häl­ter im öf­fent­li­chen Dienst. Aber sie ver­stop­fen auch Stra­ßen. Die Dau­er­staus rund um die Haupt­stadt quä­len Pend­ler wie Ein­hei­mi­sche zu­neh­mend. Das Be­völ­ke­rungs­wachs­tum ließ wie­der­um die Im­mo­bi­li­en­prei­se ex­plo­die­ren. Der Ruf nach neu­en Ver­kehrs­kon­zep­ten und be­zahl­ba­rem Wohn­raum do­mi­niert denn auch den Wahl­kampf.

Die ne­ga­ti­ven Fol­gen des Wirt­schafts­wachs­tums sind ein The­ma ge­wor­den

Hier wol­len sich die Grü­nen pro­fi­lie­ren. Nö­tig sei­en mehr so­zia­ler Woh­nungs­bau und ei­ne Ab­kehr vom In­di­vi­du­al­ver­kehr, sagt Me­ris Se­ho­vic, Vor­sit­zen­der der grü­nen Ju­gend­or­ga­ni­sa­ti­on. Die Re­gie­rung ha­be be­gon­nen, In­ves­ti­tio­nen in Bahn, Bus und Stra­ßen­bah­nen um­zu­len­ken.

Seit Län­ge­rem de­bat­tiert das Land nun über die ne­ga­ti­ven Fol­gen des Wirt­schafts­wachs­tums, in­zwi­schen sind auch un­ge­wohnt na­tio­na­lis­ti­sche Tö­ne zu hö­ren: Die For­de­rung von Ak­ti­vis­ten, das nur von we­ni­gen Aus­län­dern ge­spro­che­ne Lu­xem­bur­gisch stär­ker zu för­dern und so­gar zur EUAmts­spra­che zu ma­chen, hat viel An­klang ge­fun­den. Im Wahl­kampf spielt es nur in­di­rekt ei­ne Rol­le, wie im Slo­gan der Li­be­ra­len: „Zu­kunft auf Lu­xem­bur­gisch“, steht auf ih­ren Pla­ka­ten.

FO­TO: JOHN THYS/AFP

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