Der Rap­per tönt

Kanye West trifft Do­nald Trump im Wei­ßen Haus, lobt den Prä­si­den­ten über­schwäng­lich und pro­vo­ziert da­mit die Mehr­heit der Schwar­zen. Doch es gibt auch an­de­re Stim­men

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - POLITIK 9 - Von alan cas­sidy

Wa­shing­ton – Ein po­li­tisch en­ga­gier­ter schwar­zer Rap­per und ein wei­ßer Prä­si­dent tref­fen sich im Oval Of­fice: Das hät­te auf­schluss­reich werden kön­nen. Ei­ne Chan­ce, vor lau­fen­den Ka­me­ras über all die Pro­ble­me zu re­den, die Afro­ame­ri­ka­ner je­den Tag er­le­ben – und die Fra­ge zu stel­len, was es mit Ame­ri­ka macht, wenn im Wei­ßen Haus ei­ner re­giert, der nach An­sicht vie­ler Men­schen ein Ras­sis­mus­pro­blem hat. Doch der Rap­per heißt Kanye West, der Prä­si­dent Do­nald Trump, und da­mit ist die Aus­gangs­la­ge ei­ne ganz an­de­re. Denn West ist Trump-An­hän­ger.

In ei­nem lan­gen Mo­no­log zog West, ein Hip-Hop-Su­per­star, die­se Wo­che ei­ne Li­nie von der Dro­gen­sze­ne sei­ner Hei­mat­stadt Chi­ca­go über sei­ne Zu­sam­men­ar­beit mit Adi­das bis zur Prä­si­den­ten­ma­schi­ne Air Force One, über die er zu Trump sag­te, er sol­le sie durch ein mit Was­ser­stoff be­trie­be­nes „iPla­ne“er­set­zen. Da­zwi­schen sprach er über das Ge­fühl, das er beim Tra­gen sei­ner ro­ten Trump-Müt­ze ver­spü­re („wie ein Su­per­held“), sin­nier­te über ein Par­al­lel­uni­ver­sum und über sei­ne bi­po­la­re Per­sön­lich­keits­stö­rung. Dann stand er auf, um­arm­te Trump und be­dank­te sich. Der sag­te den Jour­na­lis­ten im Raum: „Das war ziem­lich ein­drück­lich, Leu­te.“

Mag sein, dass die bei­den beim an­schlie­ßen­den Lunch, als kei­ne Ka­me­ras mehr da­bei wa­ren, doch noch ganz se­ri­ös die The­men­lis­te durch­gin­gen, die das Wei­ße Haus vor dem Tref­fen ver­sandt hat­te: Ge­fäng­nis­re­form, Fa­b­rik­jobs, Po­li­zei­ge­walt. Doch selbst wenn nicht: Für Trump und West hat das Tref­fen sei­nen Zweck auch so er­füllt. Der Prä­si­dent er­hielt die Ge­le­gen­heit, der Welt zu zei­gen, dass er sich sehr wohl um Schwar­ze küm­me­re. Er muss­te das nicht ein­mal sel­ber sa­gen: West über­nahm das für ihn. Und dem Rap­per ge­lang es mit sei­nem über­schwäng­li­chen Lob für Trump ein wei­te­res Mal, die Mehr­heit der schwar­zen Kom­men­ta­to­ren zu pro­vo­zie­ren. Noch wäh­rend er sei­ne Ge­dan­ken vor­trug, twit­ter­te Don­na Bra­zi­le, die ehe­ma­li­ge Par­tei­che­fin der De­mo­kra­ten: „Kanye West hat uns um Jah­re zu­rück­ge­wor­fen.“

Da­mit sprach Bra­zi­le aus, was vie­le Afro­ame­ri­ka­ner über Wests Be­geis­te­rung für Trump den­ken. Doch es gibt eben auch die an­de­ren Stim­men, die in den ver­gan­ge­nen Mo­na­ten in der rech­ten Me­di­en­welt lau­ter ge­wor­den sind. Da ist zum Bei­spiel Can­d­ace Owens, ei­ne 28-jäh­ri­ge schwar­ze Ak­ti­vis­tin, die ih­re Kar­rie­re als Youtube-Per­sön­lich­keit be­gann und in­zwi­schen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­che­fin bei Turning Po­ints USA ist, der größ­ten kon­ser­va­ti­ven Stu­den­ten­or­ga­ni­sa­ti­on. Auf Fox News wird Owens in­zwi­schen stän­dig zu­ge­schal­tet, sie ist auch re­gel­mä­ßig zu Gast auf re­pu­bli­ka­ni­schen Par­tei­ver­an­stal­tun­gen. Dort kri­ti­siert sie dann die „Op­fer­men­ta­li­tät“vie­ler Schwar­zer. An Trump be­wun­dert Owens des­sen „Sie­ger­men­ta­li­tät“, an der sich Afro­ame­ri­ka­ner ein Vor­bild neh­men soll­ten. Der hört sol­che Din­ge gern: „Can­d­ace Owens hat ei­nen gro­ßen Ein­fluss auf die Po­li­tik in un­se­rem Land“, twit­ter­te Trump im Mai.

Auch Ai­sha Owm­by mag Owens – und Trump. Die 42 Jah­re al­te Be­ra­te­rin aus Vir­gi­nia stand kürz­lich mit gut 50 mehr­heit­lich schwar­zen Frau­en in ei­nem Saal des Trump In­ter­na­tio­nal Ho­tel in Wa­shing­ton, um die Grün­dung ei­ner Or­ga­ni­sa­ti­on zu fei­ern, die sich Black Wo­men Walk nennt.

Die Ein­kom­mens­sche­re zwi­schen Schwar­zen und Wei­ßen hat sich ver­grö­ßert

Owm­by hat­te noch nie ein po­li­ti­sches Amt, aber jetzt will sie Schwar­ze, die mit den De­mo­kra­ten nichts an­fan­gen kön­nen, da­zu be­we­gen, sich für die Re­pu­bli­ka­ner zu en­ga­gie­ren – be­son­ders Frau­en. Sel­ber ha­be sie im­mer kon­ser­va­tiv ge­wählt, sagt sie. „Es stört mich, wenn so ge­tan wird, als sei­en wir Schwar­zen ein mo­no­li­thi­scher Block. Wir Schwar­zen sind po­li­tisch so di­vers wie un­se­re Kul­tur.“

Schon bei Ba­rack Oba­ma ha­be sie sich in ih­rem Um­feld da­für recht­fer­ti­gen müs­sen, ihn nicht zu wäh­len. Nun, mit Trump, sei es be­son­ders schlimm ge­wor­den. „Ich ha­be Fa­mi­li­en­mit­glie­der, die nicht mehr mit mir spre­chen, Freun­de, die mei­ne Nach­rich­ten nicht mehr be­ant­wor­ten.“An die­sem Kli­ma, sagt Owm­by, sei­en die Lin­ken schuld. „Na­tür­lich gibt es bei den Re­pu­bli­ka­nern Ras­sis­ten, die sich hin­ter ei­ner USA-Flag­ge ver­ste­cken. Aber das ist ein klei­ner Teil des kon­ser­va­ti­ven La­gers. Es sind die De­mo­kra­ten, die die­se Span­nun­gen hoch­schau­keln und da­mit Po­li­tik ma­chen.“So wie sie, sagt Owm­by, wür­den lang­sam vie­le Afro­ame­ri­ka­ner den­ken. „Sie durch­schau­en, dass sie von den De­mo­kra­ten be­vor­mun­det werden, wenn die­se sa­gen: Wie könnt ihr nur ei­nen wie Trump un­ter­stüt­zen?“

Trump sel­ber ar­gu­men­tiert ähn­lich. Ger­ne re­det er von der gro­ßen Ar­beits­lo­sig­keit un­ter den Schwar­zen und da­von, dass die­se vom Wirt­schafts­wachs­tum be­son­ders pro­fi­tier­ten. Al­ler­dings gibt es auch die an­de­ren Zah­len: In Trumps ers­tem Amts­jahr hat sich die Ein­kom­mens­sche­re zwi­schen Wei­ßen und Schwar­zen wei­ter ver­grö­ßert. Vie­le Schwar­ze ar­bei­ten in schlecht be­zahl­ten, zeit­lich be­fris­te­ten Stel­len. Die Kin­der­sterb­lich­keit ist un­ter Schwar­zen im­mer noch viel hö­her. Auch das wä­ren The­men, über die ein schwar­zer Rap­per mit ei­nem wei­ßen Prä­si­den­ten re­den könn­te. Nur viel­leicht ein biss­chen an­ders als in die­ser Wo­che.

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