Gou­ver­neu­re fal­len wie Do­mi­no­stei­ne

In Russ­land muss ein Pro­vinz­chef nach dem an­de­ren ab­dan­ken. Der Kreml ver­sucht da­mit, der Un­zu­frie­den­heit im Volk die Spit­ze zu neh­men

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - POLITIK 9 - Ju­li­an hans

Mos­kau – Man könn­te es als ei­ne Mi­schung aus Be­schei­den­heit und Al­ters­weis­heit deu­ten, wie Rus­tem Cha­mi­tow am Don­ners­tag sei­nen Rück­tritt als Ober­haupt der Re­gi­on Basch­ki­ri­en be­grün­de­te: „Re­gi­ons­ober­häup­ter im rei­fen Al­ter soll­ten die Ent­schei­dung, ih­re Tä­tig­keit nie­der­zu­le­gen, recht­zei­tig tref­fen“, er­klär­te er. „Sie soll­ten in Wür­de ge­hen und nicht un­ter Druck.“

Cha­mi­tow ist 64 Jah­re alt, zwei Jah­re jün­ger als der rus­si­sche Prä­si­dent. Da­für, dass das Al­ter wohl doch nicht der Haupt­grund für den Wech­sel an der Spit­ze der Re­gi­on sein dürf­te spricht, dass er nur ei­ner von vie­len ist. Seit die Kan­di­da­ten des Kreml bei den Re­gio­nal­wah­len An­fang Sep­tem­ber rei­hen­wei­se Nie­der­la­gen ein­ste­cken muss­ten, fal­len die Pro­vinz­chefs wie die Do­mi­no­stei­ne.

Al­lein in den ver­gan­ge­nen zwei Wo­chen muss­ten neun Gou­ver­neu­re ab­tre­ten. Dar­un­ter auch Män­ner, de­ren Pos­ten lan­ge als si­cher gal­ten, wie der Gou­ver­neur von St. Pe­ters­burg, Ge­or­gij Pol­tawt­schen­ko. Und es wird er­war­tet, dass wei­ter aus­ge­wech­selt wird. Die Zei­tung Ve­do­mos­ti nennt un­ter Be­ru­fung auf In­for­man­ten im Kreml min­des­tens fünf an­ge­zähl­te Kan­di­da­ten.

Ob der Aus­tausch des Per­so­nals in der Pro­vinz ge­nügt, um der wach­sen­den Un­zu­frie­den­heit im Volk zu be­geg­nen, ist of­fen. Seit An­fang ver­gan­ge­nen Jah­res sei der Wunsch nach Er­neue­rung grö­ßer als der Wunsch nach Sta­bi­li­tät, stellt der Chef des staats­na­hen Mei­nungs­for­schungs­in­sti­tuts Wzi­om, Wa­le­rij Fjo­do­row, fest.

Der Un­mut trifft zu­neh­mend auch den Prä­si­den­ten. In we­ni­ger als ei­nem Jahr ist der An­teil der­je­ni­gen, die in Um­fra­gen des un­ab­hän­gi­gen Le­wa­da-Zen­trums Wla­di­mir Pu­tin ihr Ver­trau­en aus­spre­chen, um 20 Pro­zent­punk­te auf 39 Pro­zent ge­sun­ken. Das staats­na­he In­sti­tut Fom misst ei­nen Ab­sturz von 80 auf 58 Pro­zent.

Ka­ta­ly­sa­tor für den Stim­mungs­um­schwung war nach ein­hel­li­ger Mei­nung al­ler Ex­per­ten die Er­hö­hung des Ren­ten­ein­tritts­al­ters um fünf Jah­re, die Pu­tin im Sep­tem­ber mit ei­ni­gen nur klei­nen Ab­mil­de­run­gen ab­seg­ne­te. In­zwi­schen wür­den aber selbst Er­eig­nis­se kri­tisch be­trach­tet, die noch vor we­ni­gen Jah­ren die Um­fra­ge­er­geb­nis­se Pu­tins und sei­ner Po­li­tik in die Hö­he trie­ben, stellt der Po­li­to­lo­ge Ni­ko­laj Pe­trow in der Zei­tung Ve­do­mos­ti fest. „Die Men­schen las­sen sich nicht mehr von den Er­fol­gen in Sy­ri­en und in der Au­ßen­po­li­tik be­geis­tern. Ih­nen ge­fällt nicht, wie sich ihr Le­ben zu Hau­se ent­wi­ckelt.“

In den ver­gan­ge­nen vier Jah­ren sind die Re­al­ein­kom­men um mehr als zehn Pro­zent Die Ren­ten­re­form hat­te vie­le ge­gen die Re­gie­rung auf­ge­bracht: Pen­sio­nä­rin bei der Gou­ver­neurs­wahl in der Re­gi­on Wla­di­mir. ge­fal­len. Die Men­schen hät­ten den Ein­druck, der Staat ver­su­che sei­ne Pro­ble­me auf ih­re Kos­ten zu re­geln, glaubt da­her auch der Le­wa­da-Chef Lew Gud­kow.

Nach­dem die Wäh­ler An­fang Sep­tem­ber den Statt­hal­tern von Pu­tins Gna­den ih­re Stim­me ver­wei­ger­ten, ver­sucht der Kreml jetzt of­fen­bar, wei­te­ren Nie­der­la­gen zu­vor­zu­kom­men.

60 To­te bei ei­nem Brand. Und die Bit­te um Ver­ge­bung geht an den Prä­si­den­ten, nicht die Leu­te

Die Zeit, in de­nen Gou­ver­neu­re ech­te Schwer­ge­wich­te in der rus­si­schen Po­li­tik wa­ren, sind lan­ge vor­bei. Bo­ris Jel­zin hat­te es noch mit Per­sön­lich­kei­ten zu tun, die über ih­re Re­gi­on hin­aus be­kannt wa­ren und der Macht­fül­le des Prä­si­den­ten et­was ent­ge­gen­setz­ten. Wla­di­mir Pu­tin ent­le­dig­te sich die­ser Ri­va­len; nach der Gei­sel­nah­me in ei­ner Schu­le in Bes­lan wur­de im Sep­tem­ber 2004 die di­rek­te Wahl der Re­gi­ons­chefs un­ter dem Vor­wand ab­ge­schafft, dies sei zur Wah­rung der in­ne­ren Si­cher­heit not­wen­dig. Fort­an er­nann­te der Prä­si­dent die Chefs der mehr als 80 Re­gio­nen.

Erst un­ter dem Ein­druck der Mas­sen­pro­tes­te im Win­ter 2011/2012 wur­de die Di­rekt­wahl der Re­gi­ons­ober­häup­ter wie­der ein­ge­führt – ein Zu­ge­ständ­nis an die Un­zu­frie­de­nen. In der Pra­xis hat das al­ler­dings we­nig ge­än­dert; im ver­gan­ge­nen Jahr hat Pu­tin die Chefs von 20 Re­gio­nen aus­ge­wech­selt. Das Volk darf sie bei den Wah­len le­dig­lich for­mell be­stä­ti­gen.

Kei­nes der Ober­häup­ter der in­zwi­schen 85 Fö­de­ra­ti­ons­sub­jek­te (die an­nek­tier­te Krim und Se­was­to­pol mit­ge­zählt) hat sich seit­dem pro­fi­liert ge­schwei­ge denn ei­ne ei­gen­stän­di­ge Po­si­ti­on ge­gen­über dem Zen­trum ver­tre­ten. Im staat­li­chen Fern­se­hen tau­chen sie meis­tens in der Rol­le des er­ge­be­nen Guts­ver­wal­ters auf, der dem Prä­si­den­ten un­ter­wür­fig Re­chen­schaft ab­legt. Ei­ne Son­der­rol­le ha­ben le­dig­lich der Mos­kau­er Bür­ger­meis­ter Ser­gej Sob­ja­nin und Ram­san Ka­dy­row, der in der Re­pu­blik Tsche­tsche­ni­en ein Schre­ckens­re­gime führt.

Ein bit­te­res Bei­spiel da­für, wem sich die Pro­vinz­o­ber­häup­ter ver­ant­wort­lich füh­len, gab im März der Gou­ver­neur von Ke­me­ro­wo, Aman Tu­le­jew. Nach dem Brand in ei­nem Ein­kaufs­zen­trum mit 60 To­ten, dar­un­ter vie­le Kin­der, sprach er nicht die An­ge­hö­ri­gen an, son­dern bat zer­knirscht den Prä­si­den­ten um Ver­ge­bung, „dass auf un­se­rem Ter­ri­to­ri­um so et­was ge­sche­hen konn­te“.

FO­TO: IMAGO/ITAR-TASS

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