Die Her­ren der Flie­gen

Alt­kanz­ler Ger­hard Schröder möch­te der Markt­kir­che in Han­no­ver ein Fens­ter sei­nes Freun­des Mar­kus Lü­pertz schen­ken. Wenn das so ein­fach wä­re

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - 10 PANORAMA - Von martin zips

Es ist schon är­ger­lich, wenn man ein biss­chen Freu­de ma­chen möch­te, und dann kommt ei­nem so et­was da­zwi­schen. Alt­kanz­ler Ger­hard Schröder möch­te der Markt­kir­che in Han­no­ver ein neu­es Fens­ter schen­ken, das sein Freund Mar­kus Lü­pertz ent­wor­fen hat. Lü­pertz ist nicht ir­gend­wer. Er ist ei­ner der be­kann­tes­ten deut­schen Künst­ler der Ge­gen­wart und war lan­ge Jah­re Rek­tor an der Kunst­aka­de­mie Düs­sel­dorf. Das Münch­ner Haus der Kunst plant für 2019 ei­ne gro­ße Lü­pertz-Schau. Man kann es viel­leicht so sa­gen: Wenn Lü­pertz und Schröder mit ei­nem Ge­schenk auf­tau­chen, kann man nicht ein­fach „Nein“sa­gen. Das wä­re ja Wahn­sinn.

Der Kir­chen­vor­stand und die Pas­to­rin der Markt­kir­che wa­ren von dem Ge­schenk auch gleich sehr an­ge­tan. Schröder, 74, ist Eh­ren­bür­ger sei­ner Hei­mat­stadt Han­no­ver und auch mit der mitt­ler­wei­le fünf­ten Ehe­frau wei­ter­hin evan­ge­lisch. Ei­gent­lich hät­te das et­wa 13 Me­ter ho­he Lü­pertz-Fens­ter die­ser Ta­ge be­reits ein­ge­baut werden sol­len – ge­rech­net hat­te man in der Markt­kir­che da­mit zum Re­for­ma­ti­ons­tag am 31. Ok­to­ber. In der Süd­sei­te des aus dem 14. Jahr­hun­dert stam­men­den und im Zwei­ten Welt­krieg stark be­schä­dig­ten Kir­chen­ge­bäu­des wä­re es, wenn es al­lein nach Schröder, Lü­pertz und dem Kir­chen­vor­stand ge­gan­gen wä­re, ganz wun­der­bar auf­ge­ho­ben. Lü­pertz sagt: Kir­che sei für ihn „ei­ne Mög­lich­keit zu glau­ben“. Und Glau­ben sei wich­tig, „sonst wird das Le­ben rein ma­te­ria­lis­tisch“und „nur von Miss­trau­en be­stimmt“.

Doch da ist noch die­se läs­ti­ge Sa­che mit dem Stief­sohn des Ar­chi­tek­ten Die­ter Oes­ter­len (1911 – 1994). Nach Oes­ter­lens Plä­nen war die Markt­kir­che nach dem Krieg neu auf­ge­baut wor­den. Sein Stief­sohn Ge­org Bis­sen, ein in Ja­pan re­gis­trier­ter Ju­rist mit dem Schwer­punkt „Ban­king and Fi­nan­ce“, hat die Ur­he­ber­rech­te an der bau­li­chen Gestal­tung der Markt­kir­che ge­erbt – und sein Ve­to ge­gen das Fens­ter ein­ge­legt. Ach ja, die Er­ben.

Via Mail er­klärt Bis­sen, es ge­he ihm um nichts an­de­res als um die „sa­kra­le At­mo­sphä­re“des Got­tes­hau­ses. Im schrift­li­chen Nach­lass ha­be sein Stief­va­ter sei­nen Leit­ge­dan­ken von der „groß­ar­ti­gen Ein­fach­heit und Ge­schlos­sen­heit des Rau­mes“fest­ge­legt. Lü­pertz hin­ge­gen ha­be die Ab­sicht, „die­se At­mo­sphä­re zu ver­än­dern“. Und zwar mit ei­nem sehr bun­ten Fens­ter, auf dem auch rie­si­ge Fleisch­flie­gen zu se­hen sind. Fleisch­flie­gen?

Im Ge­spräch mit der Süd­deut­schen Zei­tung nennt Mar­kus Lü­pertz sei­ne Flie­gen „or­na­men­tal, auf­re­gend und span­nend“. Er er­zählt von der Le­gen­de, laut der Martin Lu­ther auf der Wart­burg ei­ne ihn stö­ren­de, ge­ra­de­zu teuf­li­sche Flie­ge mit ei­nem vol­len Tin­ten­fass be­wor­fen ha­be. „Den Tin­ten­fleck kann man heu­te noch auf der Wart­burg se­hen, der wird im­mer wie­der er­neu­ert“, schwärmt Lü­pertz. Zu­dem wer­de der Teu­fel „in der Re­li­gi­on als ,Herr der Flie­gen‘ be­zeich­net“. Was al­so spre­che da ge­gen sei­nen Ent­wurf, der die­ser Ta­ge von ei­ner hes­si­schen Glas­ma­nu­fak­tur um­ge­setzt wer­de und spä­tes­tens An­fang des kom­men­den Jah­res die Markt­kir­che schmü­cken könn­te? Ge­sprä­che mit der Kir­chen­ge­mein­de je­den­falls ha­be er be­reits vie­le ge­führt, sagt Lü­pertz. „Ich bin 77, und na­tür­lich ist das ein biss­chen müh­sam. Aber ich bin ein um­strit­te­ner Künst­ler, und da musst du zu den Leu­ten fah­ren und mit ih­nen re­den und sie über­zeu­gen.“Und: „Es ist nicht un­be­dingt so, dass die Leu­te ,Hal­le­lu­ja‘ schrei­en, wenn sie mei­nen Na­men hö­ren. Das macht mich aber auch nicht bit­ter. Das ist halt so.“

Den ein oder an­de­ren Be­den­ken­trä­ger in der Kir­chen­ge­mein­de je­den­falls dürf­te es tat­säch­lich be­ru­higt ha­ben, dass Lü­pertz ne­ben den Fleisch­flie­gen auch noch den Re­for­ma­tor höchst­selbst in sei­nem Fens­ter­ent­wurf mit­ein­ge­baut hat. „Die Lu­ther-Fi­gur un­ten ist min­des­tens fünf Me­ter hoch, und kei­ne der Flie­gen er­reicht die­se Di­men­sio­nen“, er­klärt der als jun­ger Mann zur ka­tho­li­schen Kir­che kon­ver­tier­te Va­ter von fünf Kin­dern. Durch ei­nen vor dem Augs­bur­ger Rat­haus phy­sisch aus­ge­tra­ge­nen Kampf mit ei­nem Geg­ner sei­ner Aphro­di­te-Skulp­tur war Lü­pertz vor ei­ni­gen Jah­ren auch au­ßer­halb der Kunst­sze­ne be­kannt ge­wor­den.

Die 100 000 Eu­ro je­den­falls, die der Alt­kanz­ler für Her­stel­lung und Ein­bau sprin­gen las­sen möch­te, sol­len al­lein aus Vor­trags­ho­no­ra­ren stam­men, so wird ver­si­chert. Ist es Geld aus Russ­land? „Ich bit­te Sie“, stöhnt Lü­pertz, der ge­ra­de im Ber­li­ner Ho­tel Ad­lon un­ter Schrö­ders Hoch­zeits­gäs­ten weil­te. „Was soll ich denn dar­auf ant­wor­ten?“Auch Schrö­ders Bü­ro bleibt ei­ne Ant­wort schul­dig.

Lü­pertz hat schon vie­le Kir­chen­fens­ter ent­wor­fen. Für die hüb­sche Dorf­kir­che in Lands­berg-Gütz zum Bei­spiel oder die Ka­the­dra­le von Ne­vers (Zen­tral­frank­reich). Auch für die Ma­ri­en­kir­che in Lipp­stadt. Ei­ni­ge Ent­wür­fe wur­den um­ge­setzt. Im Köl­ner Dom al­ler­dings kam im Jahr 2007 sein Kol­le­ge Ger­hard Rich­ter zum Zug, der, wie Lü­pertz et­was ge­häs­sig an­merkt, ein­fach nur far­bi­ge Plätt­chen „mit ei­nem Leim auf die Glas­schei­ben kleb­te und so­mit für sich die Mo­der­ne pach­te­te. Üb­ri­gens: Die Ga­ran­tie für die­sen Leim be­trägt 25 Jah­re.“Für ei­ne Kir­che nicht viel. In der Kunst­sze­ne, sagt Lü­pertz, gel­te Rich­ter den­noch als „der pro­gres­si­ve Mo­der­ne“, wäh­rend er als „al­ter­tüm­li­cher Blei­ver­gla­ser“ge­se­hen wer­de. Ver­steht doch kein Mensch.

Das Flie­gen-Fens­ter je­den­falls ist ihm wich­tig. Da­für will er not­falls vor Ge­richt zie­hen. Auch der Kir­chen­vor­stand prü­fe ju­ris­ti­sche Schrit­te, so Pas­to­rin Han­na Krei­sel-Lie­ber­mann. „Noch aber set­zen wir auf Dia­log.“Der Stief­sohn des Ar­chi­tek­ten al­ler­dings dis­ku­tiert nicht mehr. Der Lü­pertz-Ent­wurf, meint Ge­org Bis­sen, kol­li­die­re „be­wusst“mit der „schöp­fe­ri­schen“Grund­idee. Geht es ihm auch um Geld? „Ich ha­be mir in die­ser Sa­che schon vie­le Be­lei­di­gun­gen an­hö­ren müs­sen“, klagt er. „Auch von Herrn Lü­pertz. Dass er jetzt meint, es wür­de mir um Geld ge­hen, liegt nun völ­lig ne­ben der Sa­che und spie­gelt viel­leicht sei­ne Ge­dan­ken­welt wi­der. Ich wer­de – wenn die Kir­che ein Ge­richts­ver­fah­ren ha­ben will – Kos­ten für Gut­ach­ten und Ge­richts­ver­fah­ren ger­ne aus ei­ge­ner Ta­sche be­zah­len, um das Werk mei­nes Stief­va­ters zu be­wah­ren.“

Der sehr lei­den­schaft­lich agie­ren­de Lü­pertz je­den­falls sieht sich durch die An­ge­le­gen­heit nur in sei­ner An­sicht be­stä­tigt, „Es ist nicht un­be­dingt so, dass die Leu­te ,Hal­le­lu­ja‘ schrei­en.“ Mar­kus Lü­pertz (links) sagt, er ha­be mit Ger­hard Schröder (rechts) ei­ne „geis­ti­ge Aus­ein­an­der­set­zung“über das Fens­ter ge­führt (Ent­wurf oben). in ei­ner Welt zu le­ben, „die sich ge­gen­sei­tig knech­tet mit Po­li­tik und Päd­ago­gik“. Je­der pas­se nur noch dar­auf auf, dass der an­de­re das Rich­ti­ge sa­ge. „Ei­ne Art In­qui­si­ti­on.“Da pas­se es nur zu gut, „dass jetzt der Stief­sohn ei­nes längst ver­stor­be­nen Kir­chen­ar­chi­tek­ten mein Kir­chen­fens­ter ver­hin­dern will.“Zu­dem, so klagt Lü­pertz wei­ter, sei die Wahr­neh­mung von bil­den­der Kunst „zum Event ver­kom­men“. Da müs­se man nur in den Lou­vre ge­hen und sich vor die Mo­na Li­sa stel­len: „Ein mit­tel­mä­ßi­ges Bild. Die Leu­te ste­hen täg­lich in Scha­ren da­vor, weil es ei­ne Le­gen­de ist. Am En­de ha­ben wahr­schein­lich die meis­ten die Kunst nicht be­grif­fen, son­dern ei­ne De­vo­tio­na­lie ab­ge­hakt.“So blei­be ihm, dem Künst­ler, nur der Glau­ben.

Sonst wä­re das Le­ben doch ziem­lich sinn­los. So sinn­los wie ein Flie­gen­le­ben.

DPA, IMAGO, MAR­KUS LÜ­PERTZ/VG BILDKUNST, BONN 2018

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