Schlä­ge auf den Kopf

21-Jäh­ri­ger ge­steht Mord an bul­ga­ri­scher Jour­na­lis­tin

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - 10 PANORAMA - Flo­ri­an has­sel

Warschau – Es dürf­te ei­ne Ak­ti­on un­ter gro­ßem Po­li­zei­schutz sein, wenn der des Mor­des an der Fern­seh­mo­de­ra­to­rin Vik­to­ria Ma­ri­no­wa ver­däch­ti­ge Se­we­rin K. sei­ne Ge­fäng­nis­zel­le in Deutsch­land ver­lässt und nach Bul­ga­ri­en aus­ge­flo­gen wird. In Cel­le ord­ne­te das Ober­lan­des­ge­richt Aus­lie­fe­rungs­haft für den 21 Jah­re al­ten Bul­ga­ren an. Die­se wird ge­wöhn­lich bin­nen zehn Ta­gen voll­zo­gen. Bul­ga­ri­ens Re­gie­rung ist alar­miert: Nach dem mut­maß­li­chen Mord durch K. sind in Bul­ga­ri­en Res­sen­ti­ments ge­gen Ro­ma spür­bar.

Be­reits am Don­ners­tag er­fuh­ren die Bul­ga­ren, wie Se­we­rin K. die Flucht ge­lun­gen war – und dass er sei­ne Schuld am Tod von Ma­ri­no­wa zu­ge­ge­ben ha­be. Ein lang jäh­ri­ger Freund und Nach­bar von K. er­zähl­te dem Fern­seh­sen­der No­va, sie hät­ten durch die Nacht zum 6. Ok­to­ber ei­nen Ge­burts­tag ge­fei­ert. Am Sams­tag­mor­gen sei K. al­lei­ne nach Hau­se ge­gan­gen. Tags dar­auf – ei­nen Tag nach Ma­ri­no­was Tod – ha­be er K. in ei­ner 30 St­un­den lan­gen Au­to­fahrt von Ru­se nach Ham­burg ge­bracht, doch nicht ge­wusst, dass er ei­nen Mord­ver­däch­ti­gen fah­re.

In Bul­ga­ri­en ko­chen nun Res­sen­ti­ments ge­gen Ro­ma hoch

K.s Mut­ter Nad­jesch­da, in de­ren Woh­nung in Sta­de K. am Di­ens­tag­abend fest­ge­nom­men wur­de, er­klär­te ge­gen­über No­va und dem Fern­seh­sen­der BTV, ihr Sohn ha­be sie und sei­nen Stief­va­ter noch ein­mal se­hen und sich dann der Po­li­zei stel­len wol­len. Se­we­rin ha­be ge­sagt, er ha­be auf der Ge­burts­tags­fei­er Bier und Whis­key ge­trun­ken und die Dro­ge Crys­tal Meth ge­nom­men.

„Ma­ma, ich ha­be ei­nen Men­schen ge­tö­tet. Ich bin ge­kom­men, um euch noch ein­mal zu se­hen“, gab die Mut­ter sei­ne Wor­te wie­der. Er ha­be ge­sagt, er ha­be Ma­ri­no­wa nicht er­würgt, sie müs­se durch sei­ne Schlä­ge auf den Kopf ge­stor­ben sein. Als er im Fern­se­hen ge­hört ha­be, dass Ma­ri­no­wa ei­ne klei­ne Toch­ter hin­ter­las­se, ha­be er ge­weint. Ein oder zwei St­un­den nach sei­nem Ein­tref­fen in Sta­de ha­be die Po­li­zei Se­we­rin be­reits fest­ge­nom­men.

Deut­sche Po­li­zis­ten kann­ten Se­we­rin K. längst. Er ver­barg sich of­fen­bar vor der deut­schen Jus­tiz in Bul­ga­ri­en. Nach SZ-In­for­ma­tio­nen er­wisch­te ei­ne Strei­fe des Po­li­zei­re­viers Groß­hans­dorf na­he Ham­burg Se­we­rin K. im Ja­nu­ar 2018 mit ge­fälsch­tem Füh­rer­schein. „Des­halb wur­de An­zei­ge we­gen Ver­dachts auf Ur­kun­den­fäl­schung er­stat­tet“, sagt ei­ne Po­li­zei­spre­che­rin in Rat­ze­burg. Im Sep­tem­ber schrieb die Staats­an­walt­schaft Lü­beck K. bun­des­weit zur Auf­ent­halts­er­mitt­lung aus, „weil wir kei­nen fes­ten Wohn­sitz für ihn er­mit­teln konn­ten“, sagt ein Spre­cher der Staats­an­walt­schaft Lü­beck.

Am Tag nach sei­ner Fest­nah­me gab K. vor dem Amts­ge­richt in Sta­de an, er sei mit der auf der Do­nau­pro­me­na­de in Ru­se jog­gen­den Ma­ri­no­wa in Streit ge­ra­ten und ha­be ihr mit der Faust ins Ge­sicht ge­schla­gen. Dar­auf­hin sei sie ge­fal­len; er ha­be sie hoch­ge­ho­ben, in ei­nen Busch ge­wor­fen und sei wei­ter­ge­gan­gen. Er ha­be Ma­ri­no­wa nicht tö­ten wol­len und nicht ver­ge­wal­tigt. „Ein po­li­ti­scher Hin­ter­grund kann auf der Grund­la­ge die­ser Ein­las­sung nicht an­ge­nom­men werden“, er­klär­te die Ge­ne­ral­staats­an­walt­schaft Cel­le. Nach­dem K. kei­nen Ein­wand ge­gen ei­ne ver­ein­fach­te Aus­lie­fe­rung hat­te, ord­ne­te das Ober­lan­des­ge­richt Aus­lie­fe­rungs­haft an.

Die Ta­ges­zei­tung Dnev­nik be­rich­tet, K. ha­be in der von Ro­ma be­wohn­ten Sied­lung im Haus sei­ner Tan­te ge­wohnt und ei­ne Freun­din ge­habt. So­wohl die Tan­te als auch K.s Freun­din hät­ten das Vier­tel aus Angst vor Ra­che­ak­ten nun ver­las­sen. Mo­tor­rad­fah­rer be­ge­hen am Sams­tag in Ru­se das En­de der Som­mer­sai­son – schon am Don­ners­tag­abend ka­men Mo­tor­rad­fah­rer ins Ro­ma-Vier­tel. Ein­woh­ner sag­ten dem Sen­der No­va, die Mo­tor­rad­fah­rer hät­ten Sa­tel­li­ten­an­ten­nen und Au­to­fens­ter von Ro­ma ein­ge­wor­fen, ein Ro­ma sei ge­schla­gen wor­den. Die TV-Jour­na­lis­tin Vik­to­ria Ma­ri­no­wa starb am Sams­tag.

Mit schät­zungs­wei­se 800 000 Men­schen sind Ro­ma die dritt­größ­te Grup­pe im Sie­ben-Mil­lio­nen-Ein­woh­ner­land Bul­ga­ri­en. Res­sen­ti­ments ih­nen ge­gen­über sind ver­brei­tet. Im März 2018 rief et­wa ein Arzt in Plow­diw nicht die Po­li­zei, als ein Ro­ma die Ga­ra­ge des Arz­tes durch­such­te, son­dern er­schoss ihn. Der Arzt er­hielt weit­hin Un­ter­stüt­zung.

Die Bou­le­vard­zei­tung 24 St­un­den be­rich­tet jetzt, Bul­ga­ren for­der­ten ein Re­fe­ren­dum über die Wie­der­ein­füh­rung der To­des­stra­fe. Mi­nis­ter­prä­si­dent Boi­ko Bo­ris­sow er­klär­te im Par­la­ment, Ver­bre­chen wür­den von Bul­ga­ren eben­so wie von Ro­ma ver­übt, und be­fahl er­höh­te Po­li­zei­prä­senz in Ru­se.

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