Ab­ge­schos­sen

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - BUCH ZWEI -

Das Schüt­zen­fest aus der Per­spek­ti­ve von Fo­to­graf To­mas En­gel – mehr Bil­der un­ter sz.de/ver­ei­ne Einst be­ju­bel­ten die Har­bur­ger Ein­woh­ner den jähr­li­chen Um­marsch der Gil­de. Heu­te fin­den sie ihn bes­ten­falls ku­ri­os.

„Wir wa­ren schmü­cken­des Bei­werk“, sagt ei­ne, und die an­de­ren bei­den la­chen. Dass die Män­ner fei­ern und sie war­ten, das sei nun mal so. „Klar kom­men die heut Abend be­trun­ken heim“, sagt ei­ne. „Aber nicht mehr so schlimm. Sind ja al­le über 60.“

Seit vier Jah­ren wird die Schüt­zen­wo­che in ge­schrumpf­ter Form un­ten in der Stadt ge­fei­ert. Weil das In­ter­es­se der Be­völ­ke­rung ste­tig schwin­det. Viel­leicht ein ur­ba­nes Pro­blem, wirft man in die Run­de ein, auf dem Land zäh­le der Schüt­zen­ver­ein ja noch was. Das sa­ge die For­schung, und das ha­be vor­her am Rat­haus auch der uni­for­mier­te Herr Stadt­ler er­zählt. Der sei erst spät in die Gil­de ein­ge­tre­ten, auf Drän­gen sei­nes Soh­nes, der Schüt­zen­kö­nig auf dem Dorf ge­wor­den sei. „Der Stadt­ler? Der ist doch tot“, sagt ei­ne der Frau­en. „Ach, Sie mei­nen den jun­gen“, sagt ei­ne an­de­re. Frank Stadt­ler ist 53 Jah­re alt.

Die Frau­en ste­hen vor ei­nem Haus­halts­wa­ren­ge­schäft. Ein Ver­käu­fer ver­sucht dort, ei­nen Kun­den für die Tisch­gril­le zu be­geis­tern, die sich am Ein­gang sta­peln. Die Män­ner spre­chen ei­ne frem­de Spra­che. „Die Stra­ßen sind nicht mehr in un­se­rer Hand“, sagt ei­ne der Frau­en. „Seit Mer­kel al­le will­kom­men ge­hei­ßen hat. Wir kön­nen es ih­nen auch nicht er­klä­ren, sie spre­chen kein Deutsch. Wie sol­len die so ei­ne Tra­di­ti­on fort­füh­ren?“Es klingt nicht ag­gres­siv, son­dern ohn­mäch­tig.

Mehr als die Hälf­te der Har­bur­ger hat ei­nen Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund. Ein paar Stra­ßen von hier, in der Grund­schu­le Demp­wolff­stra­ße, ha­ben 84 Pro­zent der Schü­ler aus­län­di­sche Wur­zeln. Für das Land sind sol­che Zah­len ei­ne Her­aus­for­de­rung; für das tra­di­tio­nel­le Ver­eins­we­sen sind sie schick­sal­haft: Laut ei­ner Stu­die der Kon­rad-Ade­nau­er-Stif­tung sind mehr als ein Drit­tel der Deut­schen oh­ne Ein­wan­de­r­er­ge­schich­te in min­des­tens ei­nem Ver­ein, bei den Deut­schen mit aus­län­di­schen Wur­zeln ist es nur noch je­der vier­te, bei Nicht­deut­schen je­der fünf­te. Und in vie­len Ver­ei­nen, die von Men­schen mit Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund ge­grün­det werden, blie­ben die­se un­ter sich, sagt Pril­ler.

In Har­burg sind die Schüt­zen an­ge­kom­men im Zelt. Wie ein wei­ßes Raum­schiff steht es im Zen­trum der Stadt, ge­lan­det nach ei­ner lan­gen Zei­t­rei­se.

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