An­ge­schos­sen

Die Deut­schen wa­ren im­mer ein Volk von Mit­glie­dern. Doch heu­te kämp­fen ge­ra­de die Tra­di­ti­ons­ver­ei­ne ums Über­le­ben. Auf dem Schüt­zen­fest der Har­bur­ger Gil­de, von Ot­to I. ge­grün­det 1528, von der Mo­der­ne be­droht 2018

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - BUCH ZWEI - Text: martin witt­mann, fo­tos: to­mas en­gel

Plötz­lich er­schüt­tern Schüs­se die Stadt, die ei­gent­lich nur ein Stadt­teil von Ham­burg ist, sich da­mit aber nur wi­der­wil­lig zu­frie­den­gibt. Zu­schau­er zu­cken zu­sam­men, ein Kind fängt an zu wei­nen, das Pu­bli­kum blickt zu den Böl­ler­schüt­zen. Sie ste­hen im Rauch ih­rer Böl­ler, ih­re trot­zi­ge Bot­schaft hallt noch ei­nen Mo­ment nach: Wir sind noch da. Ab­marsch.

11.19 Uhr ge­nau. Die Mar­sch­ord­nung: Ge­wehr­grup­pe, Fah­nen­jun­ker-Ver­ei­ni­gung, Gil­de­kö­nig, De­pu­ta­ti­on, nicht uni­for­mier­te Teil­neh­mer, Grü­ne Ma­jo­re, Sport­ver­ei­ni­gung, Knopfser­gean­ten­ver­ei­ni­gung, uni­for­mier­te Gäs­te, Schüt­zen­kom­pa­nie. Vor­ne gibt die Ka­pel­le den Takt vor, aber hin­ten geht es noch nicht vor­wärts, die war­ten­den Schüt­zen tre­ten auf der Stel­le. Als schließ­lich auch sie ab­mar­schiert und um die Ecke ge­bo­gen sind, ste­cken die Pas­san­ten die Han­dys wie­der ein und ge­hen. Ei­ne ge­bück­te äl­te­re Frau zerrt ih­ren Hund wei­ter: „Komm, die Mu­sik ist weg.“

Die Schüt­zen mar­schie­ren vor­bei am Ahu­ja Ki­osk Shi­sha Shop und an der Hyp­no­ti­ze Shi­sha Lounge. Vor dem Ge­bäu­de der DAA, ei­ner Sprach­schu­le, steht ein 21 Jah­re al­ter Sy­rer. Seit drei Jah­ren lebt er in Har­burg, er spricht sehr gut Deutsch, aber er ver­steht nicht, was hier ge­ra­de pas­siert. Er ist sicht­lich fas­zi­niert. Wer könn­ten die Män­ner sein, fragt man ihn. „Ap­fel­bau­ern?“, sagt er vor­sich­tig. Nein, die pflü­cken nicht, die schie­ßen. „Jä­ger?“Nein, es sind Schüt­zen, die schie­ßen zum Spaß. Ah, sagt der Mann, und als die Män­ner um die nächs­te Ecke bie­gen, legt er die Hand aufs Herz und ver­ab­schie­det sich in den Un­ter­richt.

Die Män­ner sind za­ckig un­ter­wegs, auch die Fuß­gän­ger­zo­ne ist schnell durch­schrit­ten. Drei net­te Da­men ste­hen dort, in der Hand ha­ben sie noch fünf Ro­sen. Hun­dert Stück ha­ben sie ge­ra­de ver­teilt, an ih­re Gat­ten und die an­de­ren Schüt­zen. Ir­gend­wer muss es ja ma­chen. Einst hat ganz Har­burg mit Fähn­chen ge­wun­ken, und die Bank­an­ge­stell­ten ha­ben Son­nen­hü­te und Schlüs­sel­an­hän­ger ver­teilt.

Das Schüt­zen­fest selbst sei da­mals noch oben auf dem Schwar­zen­berg ge­fei­ert wor­den, beim Schieß­stand, über der Stadt, sagt ei­ne der Frau­en. Sie schwär­men von den Ka­rus­sells und den Ver­kaufs­stän­den, wie auf ei­ner Kir­mes sei es zu­ge­gan­gen. Ih­re Män­ner sei­en Fah­nen­jun­ker ge­we­sen. „Wir kön­nen es ih­nen auch nicht er­klä­ren, sie spre­chen kein Deutsch.“

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