Er­zie­hung oder Ideo­lo­gie?

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - FEUILLETON - Von mar­ti­na kno­ben

Das ist auf je­den Fall die här­tes­te Do­ku, die ich je­mals ge­se­hen ha­be.“Mit die­sem Kom­men­tar ih­res Man­nes be­ginnt die Re­zen­sen­tin ei­nes On­li­ne-Ma­ga­zins ih­re Be­spre­chung des Do­ku­men­tar­films „El­tern­schu­le“; ihr Text wur­de Hun­der­te Ma­le zi­tiert. Seit Don­ners­tag läuft der Film von Jörg Adolph und Ralf Bü­cheler in den Ki­nos. Doch schon vor­her brach in den so­zia­len Netz­wer­ken ei­ne Wel­le der Em­pö­rung los – ge­gen die Pro­duk­ti­ons­fir­ma, die Ver­lei­her und die Re­gis­seu­re des Films. Na­ziVer­glei­che in­klu­si­ve.

Wo­rum geht es? Nicht um Kin­der­sol­da­ten oder Völ­ker­mord – ge­zeigt wird viel­mehr die The­ra­pie psy­cho­so­ma­tisch er­krank­ter, ver­hal­tens­auf­fäl­li­ger Kin­der in ei­ner Kli­nik in Gel­sen­kir­chen. Die Pa­ti­en­ten wol­len nicht es­sen oder schla­fen oder sie schrei­en 14 St­un­den am Tag. Ih­re El­tern ler­nen, wie sie lie­be­voll, aber kon­se­quent Gren­zen set­zen kön­nen. „El­tern­schu­le“do­ku­men­tiert die­sen Pro­zess.

Die Re­ak­tio­nen? „Wir wur­den an den Gal­gen ge­wünscht und in die Fol­ter­kli­nik. Von ei­nem Kin­der-KZ war die Re­de“, sagt Ralf Bü­cheler, ei­ner der Re­gis­seu­re. „Es ging so ex­trem die Post ab, dass kei­ne Dis­kus­si­on mehr mög­lich war. In so ei­ner Grö­ßen­ord­nung ha­be ich das noch nie er­lebt“, er­gänzt Wer­ner Fuchs, Ge­schäfts­füh­rer des Zor­ro-Film­ver­leihs, der den Film in die Ki­nos bringt.

Die Geg­ner des Films „El­tern­schu­le“for­dern, dass er nicht mehr ge­zeigt wird

Auf der Face­book-Sei­te des Films es­ka­lier­te die De­bat­te. Zu­erst hieß es, in der Kli­nik wür­den Kin­der miss­han­delt; ge­ur­teilt wur­de auf der Ba­sis des Trai­lers, die Do­ku hat­te da noch kaum je­mand ge­se­hen. Dann wur­den die El­tern be­schimpft, die sich hat­ten fil­men las­sen, eben­so ei­ne Mut­ter, die sich aus der Be­hand­lung mel­de­te und schrieb, es sei al­les nicht so, wie auf Face­book dar­ge­stellt. „Das war nicht mehr zu mo­de­rie­ren“, sagt Bü­cheler. „Wir muss­ten die Face­book­sei­te schlie­ßen, um un­se­re Prot­ago­nis­ten zu schüt­zen.“

Vie­le Tau­send Pos­tings ha­be es ge­ge­ben, sagt der Ver­tre­ter der Agen­tur, welche die Wer­bung für den Film be­treut. Er will na­ment­lich nicht ge­nannt werden, auch die Mit­ar­bei­te­rin der be­treu­en­den Pres­se­agen­tur will an­onym blei­ben. Sie ver­mu­tet ei­ne ab­ge­spro­che­ne Ak­ti­on. Die em­pör­ten In­ter­net­bei­trä­ge ver­wei­sen häu­fig auf das aus den USA stam­men­de „Atta­che­ment Pa­ren­ting“(AP), die „be­dürf­nis­ori­en­tier­te Er­zie­hung“. De­ren Me­tho­den sol­len die Mut­ter-Kind-Bin­dung för­dern, in­dem sich die Mut­ter ganz nach den Be­dürf­nis­sen ih­res Kin­des rich­tet. Die Me­tho­de wur­zelt im ame­ri­ka­ni­schen evan­ge­li­ka­len Chris­ten­tum und hat auch in Deutsch­land vie­le An­hän­ger.

Die Geg­ner der „El­tern­schu­le“ha­ben mitt­ler­wei­le ei­ne Pe­ti­ti­on ge­star­tet, die das „Aus­strah­lungs­en­de“des Films for­dert; mehr als 7000 Men­schen hat­ten bis Frei­tag­nach­mit­tag un­ter­schrie­ben. Sie set­zen Ki­no­be­trei­ber un­ter Druck, mit Mails, die im Na­men der „Kin­der die­ser Welt“un­ter­schrie­ben sind.

Es ist gro­tesk. Ein Film, der zeigt, wie ge­schlos­se­ne Er­zie­hungs­sys­te­me ge­schei­tert sind, der für ei­ne Öff­nung wirbt und Dis­kus­sio­nen in Gang set­zen will, soll ver­bo­ten werden. Die Hef­tig­keit der At­ta­cken zeigt auf dras­ti­sche Wei­se, wie ideo­lo­gisch über­hitzt die Fra­ge nach der „rich­ti­gen Er­zie­hung“in Deutsch­land dis­ku­tiert wird.

Da­bei wä­re es hilf­reich, das The­ma „Er­zie­hung“we­ni­ger dog­ma­tisch zu be­trach­ten, sie viel­mehr als Hand­werk zu be­grei­fen. Das schließt Lie­be und Nä­he zum Kind, das Wahr­neh­men sei­ner Be­dürf­nis­se nicht aus – im Ge­gen­teil. Zu den Be­dürf­nis­sen ei­nes Ba­bys könn­te es bei­spiels­wei­se ge­hö­ren, lie­be­voll an Schlafrhyth­men ge­wöhnt zu werden. Und es wä­re viel­leicht auch kei­ne schlech­te Idee, Kin­dern, die man zur To­le­ranz ge­gen­über an­de­ren und An­ders­den­ken­den er­zie­hen will, die­se auch vor­zu­le­ben. Von links nach rechts: Der Fo­to­graf und Schrift­stel­ler Te­ju Co­le, die Schrift­stel­le­rin Ayob­a­mi Ade­ba­yo, der Ver­le­ger Su­lai­man Ade­bo­wa­le.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.