Schwar­ze Mas­ken, wei­ße Haut

Auf der Frank­fur­ter Buch­mes­se sind so vie­le Aus­stel­ler aus Afri­ka ver­tre­ten wie nie. War­um nur weckt der Boom afri­ka­nisch­stäm­mi­ger Schrift­stel­ler im Wes­ten bei ih­nen so viel Bit­ter­keit?

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - FEUILLETON - Von fe­lix stephan

Das un­be­streit­bar Gu­te an dem glo­ba­len Me­ga­trend „Post­ko­lo­nia­lis­mus“ist, dass er afri­ka­ni­schen Au­to­ren ei­ne Auf­merk­sam­keit be­schert, die noch vor zwan­zig Jah­ren un­denk­bar war. Die Bü­cher von Te­ju Co­le, Tay­je Sel­asi, Ayob­a­mi Ade­ba­yo, Chi­go­zie Obio­ma werden in der gan­zen Welt ver­legt, es reg­net Prei­se und Aus­zeich­nun­gen, ge­ra­de erst hat Chi­ma­man­da Ngo­zi Adi­chie die Frank­fur­ter Buch­mes­se er­öff­net.

Wäh­rend wei­ße Mit­tel­schich­ten in Eu­ro­pa und den USA aus Angst vor der Welt am liebs­ten je­de Gren­ze dicht­ma­chen wol­len, pro­biert der afri­ka­ni­sche Kul­tur­in­dus­trieJet­set ge­ra­de erst aus, wie das geht mit dem Welt­bür­ger­tum. Taiye Selasis eng­li­sche Wort­schöp­fung vom „Afro­po­li­ta­nism“ist auch des­halb mehr als ein Sai­son­be­griff, weil sie ein Phä­no­men be­schreibt, das eben in letz­ter Zeit sehr häu­fig zu be­ob­ach­ten ist. Die fran­zö­si­sche Theo­rie kennt da­für zwar schon seit ei­nem hal­ben Jahr­hun­dert den Be­griff Né­g­ritu­de, aber dass der heu­te in den Bü­cher­ge­sprä­chen kaum mehr ver­wen­det wird, ist wie­der­um die Be­gleit­erschei­nung ei­ner an­de­ren Ver­schie­bung.

Auf der Buch­mes­se äu­ßert sich der Auf­stieg der Afri­ka­ner nicht zu­letzt in der Zahl der Aus­stel­ler vom afri­ka­ni­schen Kon­ti­nent. 34 sind es in die­sem Jahr, so vie­le wie nie zu­vor. Die Lau­ne ist trotz­dem ver­hal­ten, und das liegt auf leicht kon­train­tui­ti­ve Wei­se ge­ra­de dar­an, dass an den aus­grei­fen­den Stän­den der gro­ßen Ver­la­ge so vie­le schwar­ze Ge­sich­ter pla­ka­tiert sind wie noch nie.

Es ist zwar wahr, dass der Post­ko­lo­nia­lis­mus rei­hen­wei­se afri­ka­ni­sche Au­to­ren in die Best­sel­ler­lis­ten der gro­ßen Li­te­ra­tur­märk­te spült, al­ler­dings ste­hen die­se Au­to­ren eben ers­tens nicht bei afri­ka­ni­schen Ver­la­gen un­ter Ver­trag, son­dern ganz tra­di­tio­nell bei den in­ter­na­tio­na­len Me­di­en­kon­zer­nen, die ih­ren Sitz in London, New York und Pa­ris ha­ben und de­nen folg­lich auch die Pro­fi­te zu­flie­ßen.

Und zwei­tens ha­ben die­se afri­ka­ni­schen Au­to­ren al­le­samt an der Co­lum­bia, der Sor­bon­ne oder in Ox­ford stu­diert und ver­kör­pern des­halb ge­nau je­nes Ver­hält­nis, das Frantz Fa­non in sei­nem Buch „Schwar­ze Haut, wei­ße Mas­ken“be­schrie­ben hat: Ob­wohl sie in Gha­na, Ni­ge­ria oder Ke­nia ge­bo­ren wur­den, werden sie von den eu­ro­pä­isch-ame­ri­ka­ni­schen Ko­lo­ni­al­her­ren erst dann wahr­ge­nom­men, wenn sie sich aus­zu­drü­cken wis­sen wie sie. Mit Afri­ka ha­ben die­se Bü­cher dann nicht nur wirt­schaft­lich nichts zu tun, son­dern auch kul­tu­rell.

Des­halb wird bei den afri­ka­ni­schen Ver­la­gen in Hal­le fünf der schö­ne und kom­mer­zi­ell schön er­folg­rei­che Be­griff des „Post­ko­lo­nia­lis­mus“auch weit­ge­hend ein­fach be­strit­ten. Völ­ker­recht­lich ge­se­hen sei­en die afri­ka­ni­schen Na­tio­nen viel­leicht sou­ve­rän, wirt­schaft­lich aber noch lan­ge nicht. Was ge­nau drü­cke das Post­vor dem Ko­lo­nia­lis­mus al­so bit­te aus? Von den 52 Uni­ver­si­täts­ver­la­gen, die es auf dem Kon­ti­nent noch in den Sieb­zi­ger­jah­ren ge­ge­ben ha­be, sei­en nach der Aus­te­ri­täts­po­li­tik des In­ter­na­tio­na­len Wäh­rungs­fonds und der Welt­bank in den Acht­zi­ge­rund Neun­zi­ger­jah­ren le­dig­lich 13 üb­rig ge­blie­ben, er­zählt zum Bei­spiel Ve­ro­ni­ca Klipp, die Ver­le­ge­rin der süd­afri­ka­ni­schen Wits Uni­ver­si­ty Press. Al­le an­de­ren ha­ben die Kür­zun­gen, die die Welt­ge­mein­schaft in den Bud­gets der afri­ka­ni­schen Staa­ten im Ge­gen­zug für neue Kre­di­te ver­langt hät­ten, nicht über­lebt.

Der Ver­lag Wits Uni­ver­si­ty Press ist an­ge­schlos­sen an die süd­afri­ka­ni­sche Wit­waters­rand Uni­ver­si­ty, dem Ar­beits­platz des Po­li­to­lo­gen Achil­le Mbem­be, ei­ner welt­weit ge­le­se­nen, zi­tier­ten, prä­mier­ten Zen­tral­fi­gur der post­ko­lo­nia­len Theo­rie. Mbem­bes Bü­cher aber er­schei­nen zu­erst auf Fran­zö­sisch bei ei­nem fran­zö­si­schen Ver­lag, dann auf Eng­lisch in den USA und werden von dort in die gan­ze Welt ver­kauft. Wenn die Wits Uni­ver­si­ty Press die Bü­cher und Es­says ver­öf­fent­li­chen will, die ihr ei­ge­ner Pro­fes­sor über das Er­wa­chen des afri­ka­ni­schen Kon­ti­nents schreibt, muss sie die Li­zen­zen erst in Frank­reich oder den USA er­wer­ben.

Frantz Fa­nons Lö­sungs­vor­schlag für die­se miss­li­che La­ge be­stand dar­in, den gan­zen La­den ein­fach in die Luft zu spren­gen. Die afri­ka­ni­schen Ver­le­ger in Frank­furt ver­su­chen es mit Un­ter­neh­mer­geist. Als der so­ma­li­sche Eth­no­ma­the­ma­ti­ker Ja­ma Mus­se Ja­ma zum Bei­spiel im Jahr 2008 zum ers­ten Mal die In­ter­na­tio­na­le Buch­mes­se Har­gey­sa in So­ma­li­land ver­an­stal­tet hat, ei­nem bet­tel­ar­men Ge­biet im Nor­den So­ma­li­as, be­stand die Ver­an­stal­tung aus zwei Män­nern, die ein Buch vor­ge­stellt ha­ben. Der Na­me war da­mals wie die gan­ze Ver­an­stal­tung noch kei­ne Buch­mes­se im en­ge­ren Sinn, son­dern eher das, was man an der Kunst­hoch­schu­le ei­ne In­ter­ven­ti­on nen­nen wür­de. Trotz­dem führ­ten sie die Buch­mes­se fort. Als im Ju­li 2018 die zehn­te Aus­ga­be statt­fand, ka­men 10 000 Be­su­cher.

Von die­sen Ge­schich­ten gibt es in Frank­furt die­ses Jahr ei­ni­ge zu hö­ren, wenn man in Hal­le fünf vor­bei­schaut, wo sich sehr vie­le in­ter­na­tio­na­le Ver­la­ge auf­hal­ten und sehr we­ni­ge deut­sche: Die Ver­le­ge­rin Co­rin­ne Fleu­ry zum Bei­spiel er­zählt dort, wie sie seit Kur­zem auf Mau­ri­ti­us ei­ne klei­ne Pu­bli­kums­mes­se für mau­re­ta­ni­sche Kin­de­r­und Ju­gend­bü­cher ver­an­stal­tet, wo­bei ih­re Gäs­te vor al­lem der Um­stand über­rasch­te, dass in ih­rem Land über­haupt Kin­der­bü­cher ge­schrie­ben werden. In den Buch­lä­den stün­den nur die eu­ro­päi­schen.

Oder die­se Epi­so­de von Su­lai­man Ade­bo­wa­le, der den se­ne­ga­le­si­schen Ver­lag Ama­li­on lei­tet: Als ihm zum ers­ten Mal das Ma­nu­skript ei­ner his­to­ri­schen Mo­no­gra­fie über die Geschichte der Yo­ru­ba an­ge­bo­ten wur­de, ha­be er sich ge­fragt, wen das in Frank­reich oder den USA in­ter­es­sie­ren sol­le. Dann ent­schied er, dass in die­ser Fra­ge schon das gan­ze Pro­blem ent­hal­ten sei, und kauf­te das Ma­nu­skript. Heu­te ist „A His­to­ry of the Yo­ru­ba Peop­le“von dem afri­ka­ni­schen Afrik­a­no­lo­gen S. Ade­ban­ji Ak­in­toye der er­folg­reichs­te Ti­tel sei­nes Ver­lags. In Ni­ge­ria und Be­nin le­ben et­wa 40 Mil­lio­nen Yo­ru­ba, das ist auch oh­ne Frank­reich ei­ne schö­ne Ziel­grup­pe.

Sol­che Er­fol­ge sind im­mer noch sel­ten, aber viel­leicht ge­ra­de des­halb so er­freu­lich. In den meis­ten Fäl­len werden auch heu­te noch ame­ri­ka­ni­sche oder eu­ro­päi­sche Bü­cher im­por­tiert, die nicht ein­mal über­setzt werden müs­sen, weil die Spra­che schließ­lich schon da ist, bei de­nen es sich aber eben auch dann noch um ame­ri­ka­ni­sche oder eu­ro­päi­sche Li­te­ra­tur han­del­te, wenn sie von afri­ka­ni­schen Ox­for­dAb­sol­ven­ten ge­schrie­ben werden. Dass ein Buch ge­schrie­ben, ver­legt und ge­le­sen wird, oh­ne dass in die­sem Pro­zess Geld nach Nor­den fließt, kommt im­mer noch eher sel­ten vor.

Im Grun­de be­schäf­tig die De­bat­te die gan­ze Welt. Das ein­zi­ge west­li­che Land, das an der in­ter­kon­ti­nen­ta­len Dis­kus­si­on bis­lang noch über­haupt nicht teil­nimmt, ist Deutsch­land. Weil es sei­ne afri­ka­ni­schen Ko­lo­ni­en früh ver­lo­ren und da­nach noch viel gi­gan­ti­sche­re Ge­no­zi­de or­ga­ni­siert hat als an den He­re­ro, ist die ko­lo­nia­le Ver­gan­gen­heit des deut­schen Kai­ser­reichs nie groß­flä­chig dis­ku­tiert wor­den. Den Ko­lo­nia­li­sier­ten je­doch geht die Ver­drän­gung nicht ganz so leicht von der Hand. In Ka­me­run et­wa kön­nen Stu­den­ten mit­un­ter die Bü­cher in den ei­ge­nen Uni­ver­si­täts­ar­chi­ven nicht le­sen, weil sie in deut­scher Spra­che ver­fasst sind.

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